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Helmut Kohl auf Buchmesse: Ein mitleiderregender Auftritt

Buchmesse in Frankfurt : Der mitleiderregende Auftritt des Helmut Kohl

In Frankfurt präsentierte der Altkanzler eine Neuauflage seines Buchs zur Wiedervereinigung. Doch war er damit überfordert. Am 3. November wird ein neues Buch von Helmut Kohl erscheinen: "Aus Sorge um Europa – Ein Appell".

In Frankfurt präsentierte der Altkanzler eine Neuauflage seines Buchs zur Wiedervereinigung. Doch war er damit überfordert. Am 3. November wird ein neues Buch von Helmut Kohl erscheinen: "Aus Sorge um Europa — Ein Appell".

Wer einen Platz mit Aussicht ergattern wollte, musste eine gute Stunde vorher am Messestand des Droemer-Verlags sein. Es war die Aussicht auf den Altbundeskanzler, die Aussicht auf den Einheitskanzler oder den Machtpolitiker, der zünftig auch mit seinen Parteikollegen abzurechnen weiß. Der Trubel um seine jetzt veröffentlichten Tonbandprotokolle konnte den plötzlich wieder in die Schlagzeilen geratenen Politiker aber nicht davon abbringen, auf der Messe sein eigenes Buch vorzustellen. Das ist bereits vor fünf Jahren erschienen und wurde zum Mauerfall-Jubiläum jetzt noch einmal als gebundene Ausgabe aufgepeppt.

Doch welche Diskrepanz liegt zwischen dem Urheber so harscher Urteile über Schäuble, Wulff und Merkel und jenem Mann, der mit seinem vielfach gepolsterten und abgesicherten Rollstuhl ins Rund der Neugierigen geschoben wird! Wie eine kleine Wagenburg sieht das medizinische Gefährt aus, auf das der 84-Jährige seit seinem Schädel-Hirn-Trauma angewiesen ist. Am frühen Nachmittag habe er Henry Kissinger in Frankfurt getroffen, ist zu hören. Das klingt noch ein wenig nach altem Staatsmann.

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Doch jetzt macht Kohls Auftritt nur betroffen. Dass so viele Menschen Zeugen seiner größtenteils stummen und zu oft abwesenden Anwesenheit sein müssen, ist mitleiderregend. Wie Kohl versucht, sich die Nase zu schnäuzen, lange mit dem Taschentuch kämpft und dann nicht mehr weiß, wohin damit. Wie Kohl sich die wild fotografierenden Menschen genau anschaut und dennoch nicht so recht zu wissen scheint, was das alles soll. Wie Kohl sein Buch "Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung" doch bitte hochhalten soll - und auch damit überfordert ist. Wie Kohl dem Verleger Hans-Peter Übeleis bei dessen Ausführungen zur Deutschen Einheit in regelmäßigen Abständen wie eingeübt zunickt. Und wie er sich wie ein Kind zu freuen scheint, wenn seine Ehefrau Maike Kohl-Richter ihn lobt. Unter anderem für ein paar Worte, die kaum zu verstehen sind, die von Deutschland und Europa handeln. "Vielen Dank für Ihr Interesse und dass Sie gekommen sind", sagt er zum Schluss. Einige klatschen darauf.

Helmut Kohl fügt noch ein paar leise Worte an, und weil auch die von Maike Kohl-Richter für gut befunden werden, wird das Mikrofon noch einmal dicht vor seinem Mund in Stellung gebracht. "Kaufen Sie und lesen Sie das Buch, Sie werden einen großen Vorteil haben." Am Verlagsstand heißt es nachher, dass auch dieser Witz gut gewesen sei.

Nach 20 Minuten ist alles vorbei. Die Menschen stehen noch ein bisschen um den Rollstuhlfahrer herum und sprechen über seinen Kopf hinweg miteinander. "Na, bist du zufrieden?", fragt ihn noch Maike Kohl-Richter. Und der Altkanzler versucht ein Lächeln. Der Tross setzt sich mit dem "bedeutendsten europäischen Staatsmann seit dem Zweiten Weltkrieg" (Bill Clinton) in Bewegung, dem Ausgang der Messe zu. Flankiert von etlichen Personenschützern, die zu wissen glauben, woher die Gefahren drohen.

(RP)