Autobiografie "Im Überschwang" erschienen: Hannelore Elsner erzählt ihr Leben

Autobiografie "Im Überschwang" erschienen : Hannelore Elsner erzählt ihr Leben

Düsseldorf (RP). In ihrer Autobiografie "Im Überschwang" berichtet die Schauspielerin aus ihrer bayerischen Kindheit, von Todesfällen, die sie verkraften musste, vom Kampf um ihren Sohn, der drei Monate zu früh auf die Welt kam. Doch sie spricht auch von Glücksmomenten – in der Liebe und der Schauspielerei.

Düsseldorf (RP). In ihrer Autobiografie "Im Überschwang" berichtet die Schauspielerin aus ihrer bayerischen Kindheit, von Todesfällen, die sie verkraften musste, vom Kampf um ihren Sohn, der drei Monate zu früh auf die Welt kam. Doch sie spricht auch von Glücksmomenten — in der Liebe und der Schauspielerei.

Solche Episoden sind das Salz in Künstler-Biografien: Da geht die junge Hannelore Elsner, gerade 16 Jahre alt, mit der Mutter in München an der Isar spazieren, als ein junger türkischer Regisseur vorbeifährt und sofort weiß: Diese junge Frau muss in meinem nächsten Film mitspielen.

Kurz darauf bricht die hübsche, unbefangene, rührend naive Elsner mit ihrer Mutter nach Istanbul auf — erster Flug, erste Dreharbeiten ihres Lebens. Ins Kino kam der Film nie, es blieb bei Probeaufnahmen, doch für die Jungdarstellerin sind sie der Eintritt in die Filmwelt: Hannelore Elsner bekommt einen Schauspielausbildungsvertrag. 200 Mark Taschengeld monatlich. Man schreibt das Jahr 1958.

Doch so leicht, so märchenhaft ihr Weg als Schauspielerin begann, Elsners Jugend war keineswegs unbeschwert, und so sind die Kapitel in ihrer jetzt erschienenen Autobiografie über ihr Aufwachsen in Oberbayern mindestens so spannend, wie ihre Berichte über Dreharbeiten mit bekannten Regisseuren wie Edgar Reitz, Oskar Roehler, Dani Levy oder ihre Beziehung mit Schauspieler Gerd Vespermann, Regisseur Alf Brustellin oder Dieter Wedel.

Über Wedel schreibt sie überraschend wenig, obwohl er der Vater ihres Sohnes Dominik ist. Eingeführt wird er schlicht als "der Andere", der Mann nach der Beziehung zu Brustellin, der 1981 bei einem Unfall starb. Manchmal braucht es eben nur wenige Worte, um deutlich zu machen, wer in einem Leben tatsächlich ein Gefährte war.

Ein Leben, das früh Verluste erleiden musste

Brustellins Unfall war nicht die erste tragische Kerbe, die der Tod in Elsners Leben geschlagen hat. 1945 stirbt ihr älterer, heiß geliebter Bruder bei einem Tieffliegerangriff. Fünf Jahre später erliegt der Vater einer Tuberkulose-Erkrankung. Da ist Elsner acht Jahre alt. Mit großer Ehrlichkeit beschreibt sie, wie der Tod des Vaters auf der Familie lastet, ihr aber auch ein merkwürdig schauerliches Gefühl von Besonderheit verleiht.

Die Mutter steht fortan permanent vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hat wenig Zeit für Elsner und ihren jüngeren Bruder. Hannelore wird in wechselnden Internaten untergebracht, verbringt wilde Sommer bei den Großeltern im "Häusl" auf dem Land. Doch beschreibt sie das alles nicht larmoyant, sondern erkundend. Als wolle sie in der Rückschau herausfinden, wer sie ist. Das ist eine angenehme Erzählhaltung, nicht prahlend, nicht betont bescheiden, dafür manches Mal entwaffnend ehrlich.

Etwa wenn Elsner beschreibt, wie die Mädchen in ihrer Klosterschule ihren Körper erkundeten — aus weiblicher Perspektive hat man solche Geschichten noch nicht so oft gelesen. Auch ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter, deren Nachkriegs-Beflissenheit und Harmoniesucht ihr lange schwer erträglich waren, schildert sie, ohne die eigene Überheblichkeit zu mildern, wenn auch mit Verständnis für die eigene Position.

Anrührend berichtet sie auch, wie sie um das Leben ihres drei Monate zu früh geborenen einzigen Sohnes gebangt hat, wie sie anfangs eine selbstbewusste Alleinerziehende war, aber auch an die Grenzen stieß, die jede Mutter kennen lernt, die hohe Ansprüche hat — an sich und ihr Kind.

In solchen Passagen oder auch, wenn Elsner von den Rebellionen ihrer Jugend berichtet, von den ersten langen Nächten in Münchner Jazz-Bars etwa, ist eine Gelassenheit zu spüren, die wohl nur die Weisheit gelebten Lebens schenkt.

Eitelkeit oder großes Selbstbewußtsein?

Eine gewisse Eitelkeit, die man von Hannelore Elsner auch kennt, scheint nur durch, wenn die Schauspielerin über ihre Arbeit schreibt. Natürlich gab es die vielen Unterhaltungsfilme der 60er und 70er Jahre. Doch von ihren Auftritten mit Freddy Quinn, Peter Alexander oder Hansi Kraus mag sie nicht erzählen.

Lieber hält sie sich an die Autorenfilmer, mit denen sie gearbeitet und auch ihre private Zeit verbracht hat. Etwa, wenn sie mit Brustellin und dem Theaterregisseur Dieter Giesing durch die USA streunte oder sich von Produzent Bernd Eichinger den Hof machen ließ.

Was sie kann, hat die Elsner in Filmen wie "Die Unberührbare" bewiesen. Da spielt sie die gegen Ende ihres Lebens von Sucht und Zynismus gezeichnete Schriftstellerin Gisela Elsner so erschütternd einsam, so voll gebrochenen Stolzes, wie viele Kritiker ihr das nicht zugetraut hätten. Auch in Doris Dörries "Kirschblüten — Hanami" zeigt sie weniger exaltiert, aber nicht minder bezwingend ihre Schauspielkunst

Und so schreibt sie in ihren Erinnerungen auch über diesen Film. Für Dörrie kehrt sie zu ihren bäuerlichen Wurzeln zurück, spielt ohne Geziertheit die Frau an Elmar Weppers Seite, die ihr Hausfrauenleben in der ländlichen Provinz nicht verachtet, sich aber eben doch in die Welt des japanischen Butoh-Tanzes träumt. Das hätte ein überspannter, lächerlicher Auftritt werden können, doch Hannelore Elsner bleibt wahrhaftig.

Sie kennt eben beide Welten. Sie hat sich mit Fleiß, Selbstvertrauen, Neugier und Lebenslust aus der heimatlichen Enge in ein großzügiges, liberales Künstlerleben gespielt. Ihrem Buch ist der Stolz darüber anzumerken, aber auch eine unprätentiöse Freude daran, dass das Leben so reich sein kann, wenn eine um ihre Freiheit kämpft, Talent hat und Glück. Man freut sich nach der Lektüre auf den nächsten Film mit Hannelore Elsner.

(RP)
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