Buch-Kritik: Giuseppe Gracia: Santinis Frau

Buch-Kritik: Giuseppe Gracia: Santinis Frau

Sofia, Santini und der Ich-Erzähler sind Secondos, Ausländerkinder der zweiten Generation, in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern kommen aus Spanien und Italien, arbeiten hier als Zementmischer und Bauarbeiter. Sie sprechen kaum Deutsch, können nicht lesen und nicht schreiben. Ihr erklärtes Ziel ist es, dass es ihre Kinder besser haben - auch wenn sie in einer Ausländersiedlung am Rand der Stadt aufwachsen.

Die drei Kinder gehen in die Schule, spielen am Weiher, auf dem Areal des Güterbahnhofs, im Keller einer verlassenen, baufälligen Villa. Sie träumen davon, ein Quartierkino zu gründen, wo nur die besten Filme gezeigt werden. In der Freizeit gehen sie mit ihren Eltern in die Casa Ristretto, wo die Ausländer unter sich sind, ihre heimatlichen Speisen essen, ihren Wein und ihren Grappa trinken, sich in ihrer Sprache unterhalten.

Die Halbwüchsigen spüren erste Sturm- und Dranggefühle: Herzklopfen, scheue Berührungen, flüchtige Küsse. Sofia will beide Jungen heiraten und Kinder haben. Zwei von Santini, eins vom Erzähler. Aber Sofia verschwindet, kehrt von den Sommerferien mit ihren Eltern in Spanien nicht zurück.

Der Erzähler besteht die Probezeit in der Sekundarschule nicht und wird relegiert, Santini hingegen schafft es spielend. Er mahnt seinen Freund, den Kopf zu trainieren, für das Leben, das er außerhalb des Ausländerquartiers führen muss. Die beiden machen ihren Weg: Santini wird Mitarbeiter in einer Bank. Der Erzähler macht zunächst eine Einzelhandelslehre, versucht sich mit mäßigem Erfolg als Schriftsteller und besteht schließlich die Aufnahmeprüfung für eine PR-Schule, wird Werbetexter, macht sich selbstständig.

Jahre später trifft der Erzähler Santini und dessen Frau - sie sieht Sofia verblüffend ähnlich. Sie kann es nicht sein, denkt er. Sie macht auch Andeutungen, über eine andere Frau, die in ihrer Ehe von Anfang an alles vergiftet habe: Sofias Schatten. Und als Santini kurzzeitig verschwindet, ist sie sicher, dass er mit dieser anderen Frau zusammen ist. Aber Santini meldet sich: Er will in der alten Villa, wo die Kinder zusammen gespielt haben, eine Geburtstagsüberraschung für seine Frau ausrichten. Er bestellt den Erzähler hin. Der erfährt zu spät, dass Santini im Keller die Casa Ristretto nachgestellt hat, mit den alten Möbeln, Teppichen und Kerzen.

"Santinis Frau" ist ein verblüffendes Buch: Was sich wie eine klassische Geschichte über Einwanderer und ihre Kinder anlässt, entpuppt sich schließlich als fein gesponnene Liebesgeschichte zwischen drei Menschen. Sie suchen sich, finden sich und verlieren sich. Gracia gelingt es, in einer wunderschönen Sprache die Gefühle dieser Menschen spürbar zu machen. Der Leser verirrt sich mit ihnen in den "verzwirbelten Gassen", und er fühlt die Trennungsangst und Verlustbedrohung, die man "im Zimmer hört". Und der Schluss ist nicht schlüssig: Ist Santinis Frau Sofia? Der Autor überlässt die Antwort dem Leser.

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