Fischer Weltalmanach: Nach 60 Jahren ist Schluss mit einer Institution

Legendäres Nachschlagewerk: Fischer Weltalmanach - Das Ende einer Institution

Der Fischer Weltalmanach fehlte früher auf keinem Büro-Schreibtisch. Jetzt im September erschien die letzte Ausgabe.

Es war ein Schock für die akademische Welt, als der Großverlag Bertelsmann im Jahr 2013 verkündete, den Brockhaus einzustellen. Eine Welt ohne das renommierteste Nachschlagewerk des deutschen Bürgertums, das konnten sich viele Gebildete nicht vorstellen. Doch im Zeitalter des Internets erlitt der Brockhaus nur das gleiche Schicksal wie so viele gedruckte Enzyklopädien, die aufwendig zusammengestellt, von bezahlten Autoren geschrieben und zum Erscheinungstermin bereits veraltet sind.

Jetzt hat es mit dem Fischer Weltalmanach auch den letzten Vertreter dieser Art erwischt. Ausgerechnet nach der 60. Auflage des Jahrbuchs soll Schluss sein. „Die Entscheidung, den Fischer Weltalmanach nicht mehr fortzusetzen, ist uns sehr schwergefallen“, räumt Nina Sillem ein, die im Frankfurter Fischer-Verlag den Bereich Sachbuch/Wissenschaft leiten. Und sie nennt die Gründe für die Einstellung: „Wir mussten eindeutig feststellen, dass ein inhaltlich wie produktionstechnisch so ungeheuer aufwendiges Projekt angesichts der Dominanz der Internet-Recherche nicht mehr genügend Leserinnen und Leser findet.“

Das ist deutlich. Und angesichts des Sterbens vieler anderer Nachschlagewerke wie des Meyer Jahresreports (2001), des Spiegel-Jahrbuchs (2005) oder von Harenberg aktuell (2009) mutet es fast wie ein kleines Wunder an, dass die Mutter aller aktuellen Jahrbücher so lange durchhielt. Da war der fulminante Start ganz anders. Im Dezember 1959 startete der Jahresband für 1960 gleich mit einer Auflage von 100.000 und wurde auf Anhieb ein Bestseller. Diesen Status bewahrte sich der Weltlalmanach auch in Zeiten des Internets, selbst wenn die Auflage auf zuletzt 50.000 zurückging. Noch bis ins vergangene Jahr hinein belegte das Nachschlagewerk in den Sachbuch-Bestsellerlisten den Rang neun. Nicht schlecht, aber zu wenig zum Überleben. Denn auch die anderen Sachbücher tun sich schwer, gegenüber dem schier endlosen Angebot aus dem Internet zu bestehen.

Dabei löste der Fischer Weltalmanach selbst eine kleine Revolution aus, als er im Dezember 1959 zum ersten Mal erschien. Das Verlegerpaar Brigitte und Gottfried Bermann Fischer hatten die Idee aus ihrem amerikanischen Exil mitgebracht. Dort erzielte der „World Almanac“ jedes Jahr Verkaufsrekorde, und dieses Geschäftsmodell hielten die beiden Inhaber der Fischer-Verlags auch in Deutschland für aussichtsreich.

Und sie hatten noch mehr im Sinn. „Es ging um eine Demokratisierung des Wissens, gerade durch Taschenbücher“, erinnert Sachbuchchefin Sillem an die Intentionen des Verlegerpaars, die als Juden aus Nazi-Deutschland in die USA geflohen waren. Entsprechend ehrgeizig war das Ziel der neuen Reihe. „Der Weltalmanach ist ein Versuch, dem politisch, wirtschaftlich und kulturell Interessierten eine verlässliche Gedächtnisstütze zu sein, ihm Tatsachen in Erinnerung zu bringen, künftige Entwicklungen anzudeuten und Zahlen, Daten und Fakten zur Verfügung zu stellen.“ So hieß es im Vorwort zur ersten Ausgabe. Dort standen dann alle wichtigen Ereignisse, Statistiken und Informationen zum abgelaufenen Jahr – Schwerwiegendes wie die Weltchronik, die Daten der Weltwirtschaft oder die Ereignisse bei der Erkundung des Weltraums, aber auch Skurriles wie die Adresse des Bundesverbands der Mopedfahrer oder die Tatsache, dass man einem Portier in Dänemark 50 Öre an Trinkgeld zustecken sollte.

Kern des Jahrbuchs ist die Übersicht über Ereignisse und Fakten aller Länder der Erde. Im ersten Band waren es noch 89 souveräne Staaten, in der letzten Ausgabe ist diese Zahl auf 196 Länder angewachsen. Es war eben jener Drang nach Weltwissen in der noch jungen Bundesrepublik, der den ökonomischen Erfolg des Projekts begründete. Bis 1979 schrieb der Geograf Gustav Fochler Hauke den Weltalmanach allein, telefonierte und recherchierte die Daten, besuchte weltweit Bibliotheken oder schrieb an Botschaften und internationale Institutionen. Die letzte Ausgabe betreuten zwölf Autoren, darunter Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten.

„Wir haben den Weltalmanach über die Jahre immer weiterentwickelt“, sagt Christin Löchel, die bislang die Redaktion des Jahrbuchs leitete. Zentraler Grundsatz war die Gründlichkeit und Verlässlichkeit der Daten, die Seriosität der Quellen und statistischen Verfahren, die internationale Vergleichbarkeit. Es ist das Versprechen nach gleichbleibender Qualität, was den Weltalmanach auszeichnete. Das ist im zentralen Nachschlagewerk des Internets, Wikipedia, nicht immer gegeben. Neben hervorragenden Fachartikeln stehen oft fehlerhafte und auch veraltete Einträge, weil aktuelle Zahlen und Ereignisse nicht mehr nachgetragen werden.

Doch das ist nun Geschichte. „Was wird denn jetzt aus meinen Ländern?“ fragt die Weltalmanach-Autorin Gabriele Intemann, die sich akribisch um Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien Österreich und die Schweiz kümmerte. Vielleicht bleibt den 60 Jahresbänden ein antiquarischer Wert. Der älteste für 1960 kostet schon jetzt 50 Euro, wenn man ihn über den Internet-Buchhändler Amazon bestellen will. Der neue ist noch für 22 Euro zu haben.

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