Wolfgang Herrndorf: Ein Autor schreibt über sein Sterben

Wolfgang Herrndorf: Ein Autor schreibt über sein Sterben

Der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat einen der schönsten deutschsprachigen Romane der vergangenen Jahre geschrieben: Das Jugendbuch "Tschick" liegt ein Jahr nach Erscheinen in der 16. Auflage vor. Sein Autor ist schwer erkrankt, er führt darüber Tagebuch im Internet.

Wenn Kinder sagen, sie möchten tuschen, dann gibt man ihnen Papier, Farbe und Pinsel, und nach einer Weile bekommt man ein Bild gereicht, das schön ist, schön in einem ursprünglichen Sinn, anrührend also und wunderbar und ganz nass und schwer von Leben und Wahrhaftigkeit. Der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist kein Kind mehr, er ist 46 Jahre alt, aber auch er tuscht seine Geschichten, er schreibt sie nicht bloß auf.

Wolfgang Herrndorf veröffentlichte im September 2010 den Roman "Tschick", und nicht wenige halten dieses Buch seit der Lektüre der letzten Sätze für das beste der Welt: "Man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange." Eine Erzählung über die Jugend ist das, für die Jugend auch, aber zum Glück nicht nur.

Es geht um den 14-jährigen Maik, der von seinem Vater 200 Euro auf den Tisch gelegt bekommt: In einer Woche sei er wieder da, sagt er, Maik ist nun allein zu Hause, und es ist Sommer. Er trifft sich mit seinem Schulfreund, dem Russlanddeutschen Andrej Tschichatschow, genannt "Tschick", sie schließen einen Lada kurz und fahren weg. Im Auto finden sie eine Cassette, Klaviermusik von Richard Clayderman, sie hören sie beim Erkunden der erwachenden Welt.

Am Ende der Reise gesteht Tschick, dass er schwul ist, und daran schließt sich eine der schönsten Szenen an, die man in den vergangenen Jahren lesen durfte: "Tschick war mit dem Kopf auf das Armaturenbrett gesunken. Ich legte eine Hand in seinen Nacken, und dann saßen wir da und hörten ,Ballade pour Adeline', und ich dachte einen Moment darüber nach, auch schwul zu werden. Das wäre jetzt wirklich die Lösung aller Probleme gewesen, aber ich schaffte es nicht."

Wer ist dieser Mann, dessen Buch sofort nach Erscheinen von der "FAZ" in eine Reihe mit "Huckleberry Finn" und dem "Fänger im Roggen" gestellt wurde? Das die "Süddeutsche Zeitung" mit den romantischen Wanderungen Tiecks und Eichendorffs verglich? Das inzwischen Schullektüre ist und in 16. Auflage vorliegt?

Man nähert sich Herrndorf am besten, indem man sein Blog "Arbeit und Struktur" liest. Der Autor führt es, seit bei ihm vor fast zwei Jahren ein lebensbedrohender Gehirntumor diagnostiziert wurde. Herrndorf ließ sich vor wenigen Wochen wieder operieren, ein Foto zeigt ihn mit einer schlimmen Narbe. Es ist bewegend, diese Einträge zu lesen, dabei sind die Beschreibungen von Untersuchungen, Medikation und Therapie nie pathetisch.

Herrndorf integriert die Krankheit in sein Leben, sie ist sein Leben. Ebenso sind aber auch Lesen und Fußballspielen, Baden im See und Freundetreffen sein Leben, und so erscheint das Leben in diesem Blog durchaus als etwas Schönes. Manchmal nur zieht die Einsicht in die Endlichkeit wie ein Schnitt durch die Hoffnung. Herrndorf sucht eine Wohnung, er bekommt eine mit Terrasse angeboten: "Was soll ich mit einer Terrasse? Es kommt kein Sommer mehr."

Herrndorf beschreibt das Gefühl des Ich-Verlustes, das mit der Krankheit einhergeht, er dokumentiert seine veränderte Wahrnehmung von Artikeln, Büchern, Filmen. Er sieht sich Andreas Dresens Krebsdrama "Halt auf freier Strecke" im Kino an, und nahe geht ihm die Stelle, an der die Hauptfigur Besuch von den Eltern bekommt und der Vater von der Fahrt erzählt, vom Stop And Go: "Ich sterbe, und du erzählst mir ungefragt deinen ganzen langweiligen Lebenslauf", kommentiert Herrndorf.

Herrndorf zeichnete für die Satire-Zeitschrift "Titanic", er gestaltete Buchumschläge für den Haffmanns-Verlag, und 2002 erschien sein Debüt "In Plüschgewittern". Er gewann den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen, und 2007 veröffentlichte er den Erzählband "Diesseits des Van-Allen-Gürtels". Was diese Texte besonders macht, ist ihre Sprache. Das Feinnervige, der reduzierte Ton, die Menschenfreundlichkeit.

In "Tschick" gelingt es Herrndorf mit scheinbarer Leichtigkeit, seine jugendlichen Helden in einem Jargon sprechen zu lassen, der den Altersgenossen abgelauscht sein mag, aber doch auch mit literarischem Anspruch austariert wurde und Gültigkeit erreicht und Dauer. "Über Krankenhäuser kann man ja viel sagen, aber nicht, dass es da nicht schön ist", heißt es da. Und: "Jetzt war es eine ganz neue Welt, eine vollkommen andere Welt als bei Tag, es war, als hätte ich auf einmal Amerika entdeckt."

Herrndorf schafft Atmosphäre, auch in seinem aktuellen Roman "Sand" ist das wieder so. Konzipiert wurde er als "nihilistisches Gegenstück" zu "Tschick", und tatsächlich sind die Menschen hier böse. Man weiß nicht genau, ob das ein Thriller ist oder eine phantastische Erzählung, jedenfalls kommen die Atombombe vor, die Olympischen Spiele 1972 und Tarotkarten.

Und es gibt wieder diese Wahrheiten, wehmütige Genau-so-ist-das-Sätze: "Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein, überfällt die meisten Menschen einmal in ihrem Leben, nicht selten gegen Ende der Schulzeit oder zu Beginn der Berufsausbildung, und die intelligenteren eher als die unintelligenten."

Man sollte Herrndorf lesen, wenn man wissen möchte, wie sich Buchstaben anfühlen. So schreibt einer, wenn er das Beginnen mag und die Frühe. So schreibt einer, wenn er zu Bewusstsein kommt. So schreibt einer, wenn er tuscht: "Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter.

Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war."

(RP)
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