Düsseldorf: Deniz Yücel liest aus "Agentterroist" im Zakk

Deniz Yücel im Zakk : Zweimal auf die Freiheit

Deniz Yücel stellte im Zakk sein Buch „Agentterrorist“ vor. Darin schreibt der Journalist über die Haft in der Türkei, eine Hochzeit hinter Gittern und das, was er vermeiden wollte, und dann doch wurde: Der Posterboy der Pressefreiheit.

Es gibt nur wenige Leute, die ein Journalist nach einer Frage 30 Minuten reden lässt. Deniz Yücel ist so ein Mensch. Ihn unterbricht man nicht, denn die Zeit ist knapp für seine Geschichte, die viel mehr ist als das Tagebuch eines Mannes, der ein Jahr in einem türkischen Gefängnis saß, weil er seinen Job machte. Es ist eine Geschichte über einen Journalisten, der auf keinen Fall der Posterboy der Pressefreiheit werden wollte (es natürlich doch wurde), der weiß, wie die Liebe in den düstersten Momenten überlebt, und ganz besonders ist es eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie. So lautet dann auch der Untertitel von „Agentterroist“, Yücels Buch, das der „Welt“-Korrespondent nun im Zakk vorgestellt hat.

Vielleicht reichen nicht mal diese 400 Seiten, die Yücel aufgeschrieben hat, um die Geschichte in allen Details zu erzählen. Wie er am Valentinstag 2017 im Auto des deutschen Botschafters in der Türkei bei der Polizei in Istanbul vorgefahren war. Wie er dann mit dem Polizeipräsidenten Tee trank und erst in der Zelle im Keller und später monatelang im Hochsicherheitstrakt Silivri landete, als Geisel des „Gangsters Recep Tayyip Erdogan“ – so formuliert es Yücel. Wie er ein Jahr später frei kam, nachdem nicht einmal die Kanzlerin etwas erwirken konnte und er der Türkei „einfach nur noch auf die Nerven ging“. Und das alles, weil er vor alle dem über die E-Mail-Affäre des türkischen Energieministers Berat Albayrak berichtet hatte, der ganz zufällig der Schwiegersohn des türkischen Präsidenten ist.

Mehr als 40 Orte hat Yücel ausgewählt, um zu berichten, was ihm widerfahren ist, im größten Journalisten-Knast der Welt, wie er die Türkei nennt. Wegen des großen Interesses wird in Düsseldorf kurzfristig noch ein zweiter Termin am selben Abend angeboten, beide Lesungen moderiert RP-Redakteur Philipp Holstein. Diese Doppel-Veranstaltung verwundert, informiert sich Yücel doch vor jeder Lesung, wie die Free-Deniz-Kampagne in der Stadt ablief, als er im Gefängnis saß. Wo sonst Unterstützer Autokorsos und Solidaritätskundgebungen organisierten, passierte in Düsseldorf nichts. Yücel stieß beim Googeln lediglich auf eine Karnevalsveranstaltung. Ein Mann hatte sich dort als Deniz Yücel verkleidet.

Fast fünf Stunden spricht, liest und ein bisschen witzelt der einst wohl wichtigste Gefangene der türkischen Autokratie. Um Danke zu sagen, hat er auch Düsseldorfer eingeladen, die ihm Briefe ins Gefängnis geschrieben haben. „Meine größte Angst war, dass draußen, hinter dieser Tür, das Leben weitergeht und ich vergessen werde.“ Yücel erzählt, wie der Anwalt ihm seine Lieblings-Fruchtgummis („Saure Pommes“) in die Zelle schmuggelte. Dort war das Licht zu hell zum Schlafen, aber zu dunkel zum Lesen.

Also schrieb Yücel mit einem geklauten Stift auf die bedruckten Seiten des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Das war ihm stets das Wichtigste (neben dem Rauchen, aber das ging wirklich nicht). Zum Spaß war Yücel ja nicht da. Seine Frau Dilek hatte ihm das Buch geschickt. Die beiden konnten sich nur sehen, weil sie in der Haft geheiratet hatten. Da waren sie erst ein paar Monate zusammen. Zuvor führten sie eine Fernbeziehung. Er Istanbul. Sie München. Die führt Yücel heute mit der Türkei. Ob es ihn eines Tages zurückführt? „Bestimmt.“