Zum 90. Geburtstag der Kult-Ente Donald Duck – der ewige Underduck

Dossier · Donald Duck schimpft und scheitert seit beachtlichen 90 Jahren. Doch Fehlbarkeit ist nur eins seiner Erfolgsgeheimnisse. Er war und ist mehr als faul und feige – als Stiefvater und nicht zuletzt im Kampf gegen Nazis.

Ein sich selbst auspackendes Geschenk für Donald Duck zum 90. von Daniel Düsentrieb.

Ein sich selbst auspackendes Geschenk für Donald Duck zum 90. von Daniel Düsentrieb.

Foto: ©Disney 2024 / Story House Egmont

Micky Maus ist ein Meister aller Klassen – Gentleman, Universalgenie, und dabei immer Musterbürger. Pädagogisch wertvoll. Todlangweilig. Kein Wunder, dass ihm Donald Duck schon vor Jahrzehnten den Rang abgelaufen hat. Der einfache Erpel will bloß seine Ruhe, aber er kommt selten dazu vor lauter Rüsel mit dem lieben Geld, der buckligen Verwandtschaft, dem Typen im Spiegel und dem anderen Geschlecht.

Bei seinem Debüt im Trickfilm „The Wise Little Hen“ am 9. Juni 1934 hatte er sich als Unsympath präsentiert: Einer armen alten Henne, die ihn um Hilfe beim Säen und Ernten bittet, machte er mit großer Theatralik wiederholt Bauchschmerzen vor und hielt sich dabei für ziemlich clever. Im Finale bekam er, was er verdiente: Anstelle des erhofften ofenfrischen Brots nämlich servierte ihm die kluge Henne, was er doch offensichtlich viel nötiger hatte: eine Flasche Rizinusöl.

Schon hier deutet sich an: Keiner scheitert schöner oder jedenfalls spektakulärer.

Auftritte in 186 Filmen und tausenden Comics

Für das deutsche Publikum bleibt dieser erste Film mit Donald Duck jahrelang auch der letzte; auf Geschäfte mit dem Dritten Reich verzichtet der Disney-Konzern. In den USA aber tritt der talentfreie, cholerische Pechvogel immer öfter in immer größeren Rollen auf: zuerst im Kino und kurzen Cartoon-Strips, später auch im Fernsehen und Comic-Heften. Bis heute kamen offiziellen Angaben zufolge Auftritte in 186 Filmen zusammen sowie Tausende Geschichten in 73 Ländern.

Micky Maus mag das Logo des Disney-Konzerns sein, Donald Duck ist das Zugpferd.

Sein Erscheinungsbild ist seit 1936 praktisch unverändert: Ein ausdrucksstarkes Gesicht mit breitem Schnabel und großen Augen, dazu ein flexibler, um nicht zu sagen explosiver Entenkörper mit Händen (gern zu Fäusten geballt) statt Flügeln, gekleidet in ein Matrosenjäckchen samt roter Fliege und blauem Hut. An die zarten Federn seines Pos beziehungsweise Bürzels lässt er reichlich Wind und Sonne: Ein Donald Duck trägt aus Prinzip keine Hose, weshalb ihn „Spiegel Online“ zur „Ikone, unten ohne“ erkor.

Geboren am Freitag, den 13.

Zu den Vätern seines Erfolgs zählen der Milchmann Clarence Nash, der Donald seine meist unverständliche, vor allem aber unverwechselbare Stimme verlieh, sowie der Zeichner Al Taliaferro. Letzterer steuerte unter anderem den so knuffigen wie reparaturanfälligen Kleinwagen bei. Dessen Kennzeichen „313“ ist ein Hinweis auf Donalds von Walt Disney+ höchstpersönlich verfügbares Geburtsdatum, den 13. März, in den USA geschrieben 3/13.

Das Geburtsjahr des Erpels innerhalb seiner fiktiven Welt ist unbekannt, aber der Wochentag war definitiv ein Freitag.

Seine Neffen Tick, Trick und Track haben es nicht immer leicht mit Donald – aber er auch nicht mit ihnen.

Seine Neffen Tick, Trick und Track haben es nicht immer leicht mit Donald – aber er auch nicht mit ihnen.

Foto: ©Disney 2024 / Story House Egmont

1937 tut sich Großes bei Donald Duck: Von seinem Hausboot auf dem Land zieht er, ganz Trendsetter, in die große Stadt, nach Entenhausen an der Gumpe. Deren Schöpfer, der geniale Autor und Zeichner Carl Barks, verschafft ihm eine Bleibe in der Blumenstraße 13 „mit lauter störrischen Apparaten, einer Wiese drumherum, unkrautübersät und von Nagern bewohnt“. Doch der ewige Underduck Donald ficht nicht nur Kleinkriege gegen die Backenhörnchen Ahörnchen und Behörnchen, Maulwürfe, Wespen und Co. aus.

Albträume von Hitler und ein Kriegseinsatz gegen Japan

Im Zweiten Weltkrieg wird er zum Star einer ganzen Reihe von Propagandafilmen: 1942 wirbt er für die gewissenhafte Zahlung der Einkommensteuer für den teuren Kampf gegen die Achsenmächte NS-Deutschland, Italien und Japan („The New Spirit“). Wenig später wird er zum Militärdienst eingezogen („Donald Gets Drafted“).

Im Jahr darauf leistet er Zwangsarbeit in einer NS-Munitionsfabrik zwischen Bomben und Hitler-Porträts, während draußen selbst die Baumkronen zu Hakenkreuzen beschnitten sind („The Fuehrer’s Face“) – das Ganze stellt sich schließlich als Alptraum heraus: Donald erwacht in seinem Stars-and-Stripes-Pyjama und herzt eine Miniaturausgabe der Freiheitsstatue. 1944 aber wird es ernst: Im einzigen echten Kriegseinsatz eines Disney-Charakters zerstört er – mit mehr Glück als Verstand – einen japanischen Militärflugplatz („Commando Duck“).

Dass er all das unbeschadet übersteht, ist ein Segen für seine drei ursprünglich ungebetenen Mitbewohner. Donalds draufgängerische Schwester Della Duck hatte ihm ihre Söhne Tick, Trick und Track anvertraut. „Drei kleine Engel“ seien sie, schreibt sie eines Tages, und: „Ihr Vater liegt zurzeit im Krankenhaus, da ein Knallfrosch unter seinem Stuhl explodiert ist...“

Für immer verliebt in Daisy Duck

Kaum hat Donald die Tragweite jenes Briefs verarbeitet, klopft es an der Haustür – und der frischgebackene Stiefvater wird Opfer der ersten von vielen, vielen Streichen der schlauen Schüler. Wie zur Wiedergutmachung zieht wenig später die schöne Daisy Duck in seine Nachbarschaft, an die er sein Herz verliert.

Ein seltener Glücksmoment.

Ein seltener Glücksmoment.

Foto: ©Disney 2024 / Story House Egmont

Auch immer mehr Verwandte kommen hinzu: Donald bekommt Cousins wie den vom Glück verfolgten Schnösel Gustav Gans, den dämlichen Dussel und den verfressenen Franz Gans, seine liebevolle Oma Doretta und natürlich seinen so reichen wie geizigen Onkel Dagobert.

Im Umgang mit ihnen allen zeigt sich die Vielseitigkeit, die die dänische Donald-Duck-Autorin Maya Åstrup an ihm liebt: „Er ist mehr als nur hysterisch und vom Pech verfolgt; er ist loyal gegenüber seiner Familie, er hat ein großes Herz und vor allem gibt er nicht auf.“ Dennoch bleibt er schwer unperfekt, in Åstrups Worten ein „fragmentierter Charakter voller irrationaler Emotionen“.

„Er ist alles, er ist jeder“

Das liegt maßgeblich an Carl Barks, der sich selbst und seine Mitmenschen in Donald Duck wiedererkannte: „Er ist alles, er ist jeder; er macht dieselben Fehler, die wir alle machen. Er ist manchmal ein Schurke, oft ist er wirklich ein feiner Kerl, immer aber hat er, wie ein jeder von uns, mit den Tücken des Alltags zu kämpfen.“

Das hatte Folgen, die der Feuilletonist Jens Balzer in der ehrwürdigen „Zeit“ beschreibt: „Während der frühe Donald nur den Wechsel von Schadenfreude und Wutausbruch kennt, zeichnet Barks ihm ein schier unerschöpfliches Repertoire mimischer und gestischer Regungen an den Leib: Zynismus, Spott, Bestürzung und Hoffnung; Schrecken, Verzweiflung, Schock und Triumph. Die Formbarkeit des Entenkörpers kennt dabei keine Grenzen. Wenn Donald angewidert ist, kräuselt sich ihm der Schnabel; ist er wütend, wachsen ihm Zähne...“

Seit Jahrzehnten schon ist er eine Figur voller Widersprüche: Ein Prolet mit poetischen Anwandlungen, ein selbstloser Egoist. Kleinkariert mit großzügigen Momenten, ignorant und neugierig. Oft faul und feige, aber wenn’s wirklich sein muss, auch fleißig und mutig. Einer, der öfter lernt als gewinnt, aber fast immer den Kampfgeist behält. Ein Stehaufentchen. Ein De-facto-Vater wider Willen, der schwört, er trage „mit tief gebeugtem Rücken vielleicht, aber doch hoch erhobenen Hauptes die Verantwortung für die mir anvertraute Familie“ – und diesen Worten Taten folgen lässt.

In Finnland ist Donald Duck Nationalheld

Am meisten ins Herz geschlossen haben ihn die Niederländer, Italiener (als „Paperino“) und Schweden („Kalle Anka“). In Finnland ist „Aku Ankka“ sogar eine Art Nationalheld; dem Schriftsteller Hannu Raittila zufolge erkennen die Finnen in ihm nicht nur sich selbst wieder, sondern auch ihr Heimatland, den ressourcenarmen „Spielball in den Strömungen der Weltpolitik“.

Soll heißen: Donald Fauntleroy, Sohn von Degenhard und Dortel Duck, ist ein Typ wie du und ich. Dieses allzu Menschliche unterscheidet ihn von den handelsüblichen Comic-Helden. „Man ist nicht wie Asterix, man ist wie Donald“, hat Uwe Lambach einmal gesagt. Lambach ist ein Donald-Duck-Ultra, organisiert in der 1977 gegründeten D.O.N.A.L.D. – der „Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“.

Diese Profis wissen, dass Donald Ducks Image täuscht: Der vierte Platz beim Sackhüpfen auf dem Entenhausener Wiesenfest als junger Enterich war mitnichten sein größter Erfolg. Was der fiktive Verlierer teils sogar im echten Leben erreicht hat, muss ihm unsereins erst mal nachmachen: Als Star von vielen Hundert Logos von US-Militäreinheiten inspirierte er Millionen ganz normale junge Männer zur Befreiung der Welt von den Nazis. 1943 erhielt sein Anti-Nazi-Film „The Fuehrer’s Face“ den Oscar für den besten animierten Kurzfilm. Bereits seit 1969 ist er nachts unter dem Alias „Phantomias“ im Einsatz als Rächer der Entrechteten Entenhausens – anonym natürlich. 1973 wurde die Lok der DB-Baureihe 403 nach ihm benannt, 1995 der Asteroid Nr. 12410. 2005 erhielt er einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

Ein echter juristischer Sieg gegen BASF

Bereits 1964 hatte er einen denkwürdigen juristischen Sieg gegen BASF errungen. Damals wollte sich der Chemiekonzern eine Methode zur Hebung von Schiffswracks mittels Styropor sichern lassen. Doch das Patentamt winkte ab: Donald Duck sei schon 15 Jahre zuvor auf eine ähnliche Idee gekommen.

Vor einigen Jahren hatte er sogar den Mut, sich seinen Dämonen zu stellen: Dank seiner Anti-Aggressions-Therapie kann er seine Wut umwandeln in positive Energie. Nicht immer, aber immer öfter. Wir müssen uns Donald Duck als glückliche Ente vorstellen.