Polizei fand Leiche des Autors: Dietrich Schwanitz starb an Unterkühlung

Polizei fand Leiche des Autors: Dietrich Schwanitz starb an Unterkühlung

Freiburg (rpo). Der Bestseller-Autor Dietrich Schwanitz ist tot. Polizisten fanden die Leiche des 64-Jährigen am Dienstag in seiner Hartheimer Wohnung im Hochschwarzwaldkreis, teilte die Freiburger Polizei mit. Schwanitz ist an Unterkühlung gestorben.

Das habe die Obduktion ergeben, sagte der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Meier am Mittwoch. Als Todesursache gaben die Gerichtsmediziner "Unterkühlung mit anschließendem Regulationsversagen" an. Für Fremdverschulden oder Selbstmord gibt es laut Meier keine Anhaltspunkte.

Vermutlich habe der sehr zurückgezogen lebende Autor schon mehrere Tage lang tot in seiner Wohnung gelegen, einer ehemaligen, mehr als hundert Jahre alten Dorfkneipe. Ein Nachbar habe Schwanitz länger nicht gesehen, deshalb geklopft und geklingelt und schließlich aus Sorge die Polizei gerufen. Polizeisprecherin Karin Simon-Immel sagte: "Zuletzt wurde Schwanitz am 6. Dezember lebend gesehen." Seine Ehefrau Gesine, mit der Schwanitz seit 1973 verheiratet ist, lebe woanders.

Der Schriftsteller wurde am 23. April 1940 im Ruhrgebiet geboren, verbrachte seine Kindheit bis zum elften Lebensjahr bei Bergbauern in der Schweiz ohne Schulbesuch. Ohne richtig lesen und schreiben zu können und mit Altschweizer Dialekt kam Schwanitz 1950 ins Gymnasium; ein Lehrer sah in ihm eine Art "Kaspar Hauser" und förderte ihn. Beim Abitur war er Klassenbester.

Schwanitz studierte nach dem Abitur Anglistik, Geschichte und Philosophie in Münster, London, Philadelphia und Freiburg, wo er in Anglistik promoviert wurde und sich nach Forschungsaufenthalten in den USA auch habilitierte. Von 1978 bis 1997 lehrte er als Professor für Englische Literatur und Kultur an der Universität Hamburg. Sein wissenschaftliches Hauptwerk "Systemtheorie und Literatur" stammt aus dem Jahr 1990. In seiner "Englischen Kulturgeschichte" verband Schwanitz seine wissenschaftliche Arbeit mit seinem erzählerischen Talent.

Mit seinem 1995 veröffentlichten Universitätsroman "Der Campus" wurde der Professor zum Bestsellerautor. Das Buch wurde von Sönke Wortmann verfilmt mit Heiner Lauterbach in der Hauptrolle; Schwanitz selbst übernahm eine Nebenrolle. Vordergründig erzählt der Roman vom Soziologie-Professor Hanno Hackmann, dem die kurze Affäre mit einer Studentin zum Verhängnis wird, hintergründig ist das Buch aber eine Satire auf das Leben im Mikrokosmos Universität und auf den Kulturbetrieb der Stadt Hamburg.

Bei Studenten beliebt

Schwanitz war in Hamburg bei den Studenten beliebt. Er bot Kurse im kreativen Schreiben an und betrieb neben der Lehrtätigkeit den "Theatre Workshop", der über Jahre beachtete Shakespeare-Produktionen herausbrachte. Auf Erstaunen stieß allerdings die Frühpensionierung aus Gesundheitsgründen im Jahr 1997 im Alter von 56, weil Schwanitz in der Zeit danach noch als produktiver Autor auffiel. Schwanitz war neben seiner Arbeit als Professor und Autor auch bekannt als scharfer Kritiker des deutschen Hochschulsystems.

Mit "Bildung - Alles, was man wissen muss" legte Schwanitz 1999 ein Handbuch des abendländischen Wissens vor, das sich überraschend zum Top- und Longseller entwickelte, aber auch viel Kritik einstecken musste. Schwanitz beschrieb es als "Menükarte der Bildung" und "Atlas der Wissensprovinzen samt Kompass und Klatsch".

An ein ganz anderes Genre wagte sich Schwanitz mit seinem Buch "Männer" (2001), das er in der "FAZ" beschrieb als "Versuch, Frauen zu beobachten, wie sie Männer beobachten, um ihnen zu sagen, was sie nicht sehen, wenn sie den Mann nur als misslungene Frau betrachten".

Schwanitz litt an Parkinson, eine der häufigsten degenerativen Nervenkrankheiten. In Deutschland leiden rund 250.000 Menschen daran, die Mehrzahl von ihnen ist über 65 Jahre alt. Schwanitz hinterlässt zwei erwachsen Kinder, den älteren Sohn Christoph und Tochter Alexandra.

(ap)
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