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Die Sortierung von Büchern nach Farbe ist nicht der Weltuntergang

Sortierung von Büchern nach Farbe : Alles in Ordnung im Bücherregal?

Der allgemeine Schönheitswahn macht selbst vor dem Bücherregal nicht Halt. Der eine sortiert seine Literatur nach Farbe, der andere wählt sie womöglich gar danach. Ist das der Untergang des Abendlands? Eine Einordnung.

Die Frage aller Fragen stellt sich schon ab dem zweiten Buch: In welcher Reihenfolge kommen die Werke ins Regal? Welche Sortierung verbindet auf ideale Weise Funktion und Form, also Ordnung und Optik? Die Antwort lautet: Kommt drauf an.

Theoretisch möglich ist eine Sortierung nach etwa einem Dutzend Kriterien. Einerseits wären da kalte, harte Fakten: Höhe, Dicke und Breite des Buchs, Gewicht und Preis, Seitenzahl, Erscheinungsjahr und Verlag. Andererseits die – aus guten Gründen – geläufigeren Kategorien: Gattung, Thema und Autor sowie selbstverständlich der Titel. In den vergangenen Jahren hat sich eine Bewegung etabliert, die der Ästhetik den Vorrang gibt: In erster Linie haben die heimischen Regalwände gefälligst gut auszusehen; das „Shelfie“ (vom Englischen „Shelf“ für Regal) ist des Bildungsbürgers neues Selfie.

Als besonders imposant gelten im 21. Jahrhundert weniger goldgeprägte Lexika und Shakespeare-Gesamtausgaben. Stattdessen sollen in den konstruktiv wie farblich reduziertesten aller Möbel – moderne Bücherregale sind ganz überwiegend weiß oder schwarz, das Maximum an Holzoptik ist ein Hauch Birke – Farbexplosionen das Auge erfreuen. Regenbögen aus Romanrücken.

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Mit entsprechenden Konsequenzen: Wer kein fotografisches Gedächtnis für seine Buchrücken hat, findet nach der Optimierung der Optik deutlich weniger wieder. Aber immerhin noch mehr als bei der angeblich zumindest zeitweise existenten Gegenbewegung: #Backwardsbooks, sprich: alle Buchrücken zur Wand gedreht. Wegen der Wichtigkeit innerer Werte, oder so.

Das mag im Zweifelsfall geradezu konsequent sein, falls nämlich die gesammelten Werke ohnehin nur zur Zierde dienen. Dass sich Luxushotels und -bars ihre Bibliotheken nach Maß von spezialisierten Firmen wie Ultimate Library zusammenstellen lassen (wobei vor allem die Optik zählt) – sei’s drum. Von echten Menschen erwarte, erhoffe, wünsche ich mir mehr.

Kennen Sie den? Sagt ein Schlossherr zum anderen in seiner Hausbibliothek: „Ehrlich gesagt sind die ja vor allem als Wärmedämmung zu gebrauchen.“ Aber solches Kulturbanausentum liegt uns Fans des bedruckten Papiers selbstverständlich fern.

Wie also vorgehen? Zunächst ist vielleicht ein Moment der Andacht angebracht für die Existenz unserer Bücherregale in ihrer so alternativlos anmutenden Form, die ja ein Maximum an analogem Speicherplatz bieten und das Büchersammeln praktisch erst ermöglichen. „Was könnte in Zweck und Form selbstverständlicher sein als ein gemeines Buchregal?“, fragt Henry Petroski in „The Book On The Bookshelf“, seinem Standard­werk über die Geschichte des unterbewerteten Möbelstücks. „Vertikal platzierte Bücher auf horizontalen Regalbrettern – ist das kein Naturgesetz?“ Ist es selbstverständlich nicht. Vielmehr ähnelten frühe Aufbewahrungssysteme für den Urahn des Buchs, die Schriftrolle, meist Weinregalen, seltener auch Hutschachteln oder Schirmständern. Rund 3000 Jahre lang reichte das Ägyptern, Griechen, Römern. Ab dem 1. Jahrhundert dann kam im Westen in aller Gemächlichkeit der Codex in Mode, der sich vom Wachstafel-Stapel über geheftete Pergamente bis hin zur Endform entwickelte: Gebundene Papierbögen, besser bekannt als Bücher.

Die Optimierung des zugehörigen Regals hinkt dieser Entwicklung um viele Jahrhunderte hinterher. Denn Bücher bleiben, weil meist von Mönchen in Handarbeit hergestellt, über Dutzende Generationen so wertvoll, dass sie in Tresoren und Truhen gelagert werden. Erst im Mittelalter kommen Bücherschränke auf, deren Inhalte aber zwecks Diebstahlschutz ausnahmslos angekettet werden, was wiederum voluminöse integrierte Schreib- und Lesepulte nötig macht.

Mit dem Buchdruck explodiert die Zahl der Bücher, während ihr materieller Wert massiv schwindet. Parallel zur Erschwinglichkeit wächst die Einsicht, dass nebeneinander aufgereihte Bücher praktischer handhabbar sind als aufeinandergestapelte. Bleibt die Frage: Welche Seite nach vorn?

Im 16. und 17. Jahrhundert endlich werden die von den Regalfronten herabhängenden Ketten überflüssig; die empfindlichen Bindungen müssen nicht mehr zur Wand gedreht sein. Bis sie dem Betrachter aber tatsächlich zugewandt werden können, bedarf es noch eines Sinneswandels, erklärt Petroski: Der Buchrücken habe lange als unansehnlich, beinahe anstößig gegolten. Die geradezu revolutionäre Beschriftung der Buchrücken macht diese ansehnlicher und identifizierbar zugleich.

Dass man sich bei dieser Bedruckung bis heute nicht auf eine Richtung einigen konnte, gehört zu den elementaren Ärgernissen des bibliophilen Menschen. Wäre es nicht schön, wenn man beim Flanieren entlang von Bücherregalen den Kopf nur nach links und nicht dauernd auch nach rechts kippen müsste? Schön wäre es, in Sicht ist es nicht.

Ein Lob dem Buchregal also, dem Fundament jeder Ordnung. Wie aber nun sortieren?

Der erste Schritt dürfte noch unumstritten sein: Die grundsätzlichste Unterteilung erfolgt nach Themengebieten im weitesten Sinne. So wie die Anleitungen für Heizung und Haushaltsgroßgeräte ihren eigenen Ort haben, die Aktenordner für all den anderen Papierkram, im Zweifelsfall auch die den eigenen Beruf betreffende Literatur, so lassen sich den persönlichen Interessensgebieten eigene Regale oder jedenfalls Regalfächer zuteilen. In meinem Fall wären das etwa Niederrhein hier und Neuseeland da, also jeweils Geschichte, Kultur, Sprache von diesem und dem gegenüberliegenden Ende der Welt. Manches zum Thema Journalismus, natürlich – Reportagen, Porträts, Essays, Fotografie, Infografiken.

Dazu ein halbes großes Billy-Regal, also etwa 2,40 Regalmeter, mit Basketball-Literatur, eines der drei Fächer davon reserviert für Biografien: Auf den Neuseeländer Steven Adams folgt zwischen den Legenden Larry Bird und Kobe Bryant der 2,31-Meter-Mann Manute Bol, dahinter bald Dirk Nowitzkis einstiger Mitspieler Brian Cardinal: Spielerisch beschränkt, optisch leicht zu unterschätzen, dabei beinhart, was ihm den famosen Spitznamen „Der Hausmeister“ eintrug... aber ich schweife ab.

Wer hat schon mehr als vielleicht ein halbes Dutzend solcher Interessensgebiete, für die eine weitere Unterteilung nach Chronologie, Geografie oder der Reihenfolge ihrer Titel im Alphabet sich entweder aufdrängt, oder aber wegen der Kompaktheit jener Sammlung überflüssig ist?

Ich zum Beispiel. Aufgrund eines Faibles für Produkte, die Welt- oder zumindest Popkulturgeschichte schrieben, besitze ich vier Bücher über die schreckliche Wirkmacht der Kalaschnikow, fünf über den frühen Start-up-Sportwagen De­Lorean DMC-12, zwei Handvoll über Baukästen im Allgemeinen und Lego im Besonderen.

Und eins für jeden Arm des faszinierendsten Tiers der Weltmeere, des Oktopus.

Zum Glück führt der skandinavische Möbel-Discounter seinen Klassiker nicht nur in 80, sondern auch in 40 Zentimetern Breite. Eines meiner schmalen Regalbretter ist gefüllt mit Werken des amerikanischen Designhistorikers Henry Petroski, der sich neben dem Buchregal erschöpfend unter anderem auch dem Bleistift und der Brücke widmet. Viele breite Regale sind für Science-­Fiction einerseits und die tatsächliche Raumfahrt andererseits reserviert, andere für das Wellenreiten und den Wilden Westen. Und bevor Sie fragen: Selbstverständlich stelle ich meine Lieblingsstücke demonstrativ in voller Breite aus – also mit der Frontseite nach vorn.

Jedenfalls: Der nach dieser groben Sortierung verbleibende Bücherberg ist beachtlich groß. Dass ich auch Buchreihen oder Magazin-Jahrgänge natürlich nicht auseinanderreiße, die damit ebenfalls „versorgt“, also verortet sind, ändert daran kaum etwas. Also zurück zur Kernfrage: Wie diese Bücher aller möglichen Gattungen zu allen erdenklichen Themen sortieren? (Früher oder später scheitern alle Vorstöße selbstredend ohnehin, der Buchhändler Martin Latham findet dazu in seinem Werk „Vom Glück zu lesen“ den tröstlichen Satz: „Ein wenig Chaos im Garten sorgt für ein gutes Ökosystem.“)

Nach Größe sortiert man jedenfalls nicht. Zu dieser Einsicht gelangte neulich erst eine fleißige Aushilfe im Secondhand-Kinder­laden um die Ecke, der nach getaner Arbeit dämmerte, dass in jenem Kontext nur eine einzige Sortierung Sinn stiftet: Die Ordnung nach dem empfohlenem Lese-Alter nämlich.

Auch für meine Bestände lehne ich eine Sortierung nach Größe als maximal unpraktikabel ab (obwohl erstaunlicherweise der britische Bibliophile Samuel Pepys, in den 1680er-Jahren Präsident der Gelehrtengesellschaft Royal Society, bei den 3000 Werken in seinem Besitz darauf schwor). Auch Gewicht und Preis, Verlag und Erscheinungsjahr dürfte in den meisten Fällen nur ein Roboter für vielversprechende Kriterien halten. Die Gattung indes dürfte häufig ordnungsstiftend wirken, sei es auf der ersten Ebene (alle Bild- oder Gedichtbände, Wimmelbücher oder Krimis in ein Regal) oder innerhalb eines bestimmten Themenbereichs.

Wenn es wirklich hart auf hart kommt und innerhalb der Sinneinheiten sortiert werden muss, bleibt also nur die gute alte alphabetische Sortierung – entweder nach Autor oder nach Titel; was man bevorzugt, ist am Ende schlicht Geschmackssache.

Genauer gesagt mögen diese beiden Möglichkeiten Intellektuellen bleiben. Ich liebe das Farbband in der obersten Regalreihe meines Wohnzimmers. Vom tiefdunkelroten Kuba-Bildband über das blass-orangefarbene Gedichtheft von Leonard Nimoy schweift der Blick über die gelbe Reiseführer-Persiflage „San Sombrèro“ das türkise Fotobuch zur „perfekten Welle“ Teahupo‘o auf Tahiti über die grauen Mondkrater bis zur Schwärze des Alls. Allzu praktisch ist das nicht. Aber schön.

Damit kommen wir zum Service-Teil dieses Texts. Falls Sie auf den Geschmack der Sortierung nach Farbe gekommen sind, bedenken Sie bitte, dass viele Buchhändler unter Albträumen leiden wegen Kunden, die weder Titel noch Autor noch Thema kennen: „Das Buch, das ich meine, ist rot; haben Sie das da?“ Der Händler Booksbythefoot.com indes bietet seine Meterware offensiv nach Farbe an. Zur Auswahl stehen knapp 60 erschöpfende Farbmischungen. Allein Liebhaber dunkler Blautöne haben die Qual der Wahl zwischen „Stadtlichter“ und „Sternennacht“ sowie zwischen „klassischer“ und „moderner Abenddämmerung“. Zudem locken etwa „Lilane Leidenschaft“, „Barocke Träume“ und „Flüsternde Weiden“ sowie – doch, wirklich – „Irisches Starkbier“.

Falls Sie hingegen mir etwas schenken wollen sollten, ist das einfach: Ich mag abseitige Bücher aller Art. Und brauche noch grüne.