Die SMS eines Handy-Diebs gibt's nun als Buch

"die cops ham mein handy": Irres Buch zeigt SMS-Chat eines schlichten Diebes

Für den Diebstahl seines Handys revanchiert sich ein Leipziger Künstler auf seine Weise: Den gesamten SMS-Verkehr des sexbesessenen, sagenhaft charakterschwachen Täters veröffentlicht er nun als Buch.

Die Geschichte klingt surreal, aber Lukas Adolphi schwört, dass sie wahr ist: Als ihm Polizisten das Handy wiedergeben, das ihm gestohlen worden war, findet er darauf den kompletten SMS-Verkehr des jugendlichen Diebs. Nicht nur mit seinem besten kleinkriminellen Kumpel, sondern auch mit seiner Freundin Jana, mit der er gleich zu Beginn der "Aufzeichnungen" in ein paar hundert Zeichen rüde Schluss macht. Und mit seiner neuen Flamme Anne, deren noch laufende Beziehung sie nicht davon abhält, sich mit ihm einzulassen. Und mit gleich vier (!) weiteren Mädchen, die er offensichtlich gern ins Bett bekäme.

In den zwei überlieferten Wochen schreiben dem Dieb, der sich in seiner Heimat Sachsen-Anhalt offenkundig für eine große Nummer hält, allerdings auch seine "Mutti" — sowie der Billig-Mobilfunkanbieter blau.de, der regelmäßig warnt: "Ihr Guthaben ist fast leer."

Daraus ist nun ein Buch zum Niederknien geworden. Halb erheiternd und halb erschütternd ist dieser Einblick in eine asoziale Subkultur. "Da ist alles drin", sagt der Herausgeber, und man meint, sein Kopfschütteln durchs Telefon zu sehen. "Liebe, die vergeht, aber nahtlos durch eine neue abgelöst wird." Außerdem scheint jeder der Protagonisten jedem anderen Geld oder wenigstens Zigaretten zu schulden, weshalb "Marco" auch dauernd wieder 'Kasse machen' will. Auf gut Deutsch: er plant weitere Überfälle. Die Gesetzeshüter sind ihm zwar längst ihm auf der Spur, doch denen unterstellt Marco mit erstaunlichem Selbstbewusstsein niedrige "geistige Intelligenz".

Lässt sich nicht zum Opfer machen: Lukas Adolphi (29), Gestalter aus Leipzig. Foto: Lukas Adolphi

Dieser wenig helle, aber umso härtere Typ schreibt gefühlt jedem Mädel die schmalzigsten denkbaren Diddlmaus-Sprüche à la:

„Wenn ich schlafen gehe, dann ist es schon im dunkeln. Ich schaue nach oben und die engelsterne sind am funkeln. Doch der schönste und hellste stern...der bist du und den mag ich besonders gern.“

Auch seine Neu-Ex Jana ist aber beileibe noch nicht ganz aus dem Rennen: Für einen "Dreier" mit ihr wäre Marco nach wie vor zu haben. Gleichzeitig fordert er jedoch auch von ihr:

  • Sex and Crime in Halle : Leseprobe: Die ersten Seiten aus "Die Cops ham mein Handy"

„schick mir jetzt nummern von weibern die jz noch zeit haben!“

Sich selbst hält er bei alledem offensichtlich für einen Mann von Geschmack: Zumindest vor seinem Kumpel Paul erklärt er, eine Dame namens Karo solle "bloß nicht mit ihren ugly pfoten" ein gewisses Körperteil von ihm anfassen, dem er den Kosenamen "Schatz" verpasst hat. Sigmund Freud wüsste gar nicht, wo er bei Marco anfangen sollte.

Fast sieben Jahre hat Adolphi gebraucht, um die rund 500 SMS in ein 80-Seiten-Büchlein zu verwandeln. Den Großteil dieser Zeit hatte die Datei mit den vom Handy exportierten SMS auf einer Festplatte geschlummert — wo sie der eigentlich gut organisierte Adolphi partout nicht mehr fand. "Schweren Herzens hatte ich das Projekt schon längst aufgegeben", berichtet Adolphi, heute 29. "Umso größer war meine Freude, als ich vor ein paar Wochen zufällig auf die Texte stieß." Er griff nur minimal in das Material ein, ließ die hanebüchene Rechtschreibung und Grammatik absichtlich unkorrigiert, änderte nur zum Schutz der Protagonisten deren Namen und "verschob" einige wenige SMS, damit der Leser den einzelnen, parallel verlaufenden Gesprächen besser folgen kann. Das Auffüllen der verbleibenden "weißen Flecken", also der Ereignisse und Dialoge zwischen den Protagonisten, die ausnahmsweise nicht per SMS dokumentiert sind, ist eine Herausforderung, die man mit Vergnügen annimmt.

Das Büchlein kostet um die 8 Euro plus Versand. Foto: Lukas Adolphi

Das Buch erinnert in Farbe und Format, Schriftart und Gestaltung nicht zufällig an die Reclam-Heftchen mit den großen Werken der Literaturgeschichte. Dieser Kunstgriff hatte schon der knochentrockenen Verschriftlichung der Finalsendung von "Germany's Next Topmodel" den perfekten Rahmen verliehen. "Drama, Baby!", buchstäblich.

Apropos: Ganz so locker-lustig, wie es im Nachhinein klingt, fand Adolphi den Raubüberfall nicht. "Dass die Jungs mir 30 Euro und dieses alte Handy abgezogen haben... — geschenkt", sagt er. "Und alles in allem bin ich ihnen im Nachhinein natürlich dankbar, dass sie dieses Buch möglich gemacht haben. Aber nach dem Überfall hatte ich mich lange wehrlos gefühlt, mich auf der Straße ständig umgesehen, überall Gefahr gewittert." Groll gegenüber den Tätern hege er nicht, sagt Adolphi; nicht einmal, welche Strafe ihnen vom Richter aufgebrummt wurde, hatte er 2011 verfolgt. Positives vermag er ihnen aber nicht abzugewinnen. "'Marco' ist ein Typ mit völlig verquerem Wertesystem. Dass die Frauen um ihn herum ein geringes Selbstwertgefühl haben, nutzt er gnadenlos aus." Schlagfertigkeit und auch einen gewissen Sinn für Humor indes muss man dem Kleinkriminellen wohl oder übel attestieren, Chuzpe ohnehin.

Das wird am deutlichsten, als Karo schreibt, dass sie zwar gern mit ihm schlafen würde, bei ihr daheim sei es allerdings eher ungünstig, weil dort ihr Freund warte. Darauf Marco: "Naja, mir doch rille. Was will er denn machen. Brennässel oder was?"

(tojo)