Rezension: Der virtuose Tanz um das Nichts

Rezension: Der virtuose Tanz um das Nichts

Der neue Roman der berühmten Theaterautorin und Schriftstellerin Yasmina Reza "Glücklich die Glücklichen" verspricht viel. Am Ende ist er aber doch nichts weiter, als ein bunt verziertes Fass ohne Boden. von Sonja Schärf

"Glücklich die Glücklichen" ist der neue Roman der jüdisch-iranischen Autorin Yasmina Reza, die mit Theaterstücken wie "Kunst" oder "Der Gott des Gemetzels" bekannt wurde. Letzteres verschaffte ihr 1994 den internationalen Durchbruch und wurde später sogar von Roman Polanski verfilmt, mit namhaften Schauspielern wie Jodie Foster, Christoph Walz und Kate Winslet. Rezas Entwicklung von der Schauspielerin zur Autorin macht sich auch immer wieder in ihren Romanen bemerkbar. Ihre Werke greifen oft auf theatrale Mittel zurück und wirken dabei wie eine Gesellschaftsanalyse. So auch "Glücklich die Glücklichen".

Auf 175 Seiten und 18 Kapiteln wird in "Glücklich die Glücklichen" aus der Perspektive von unterschiedlichen Personen erzählt, jede Sprechinstanz eröffnet ein neues Kapitel. Unter Voranstellung eines Zitats von Jorge Luis Borges( "Glücklich die Geliebten und die Liebenden und die auf Liebe verzichten können. Glücklich die Glücklichen.") stürzt sich das erste Kapitel in das Leben der Pariser Mittelschicht, genauer gesagt, in einen Supermarkt, vor die Käsetheke — rein in den Ehestreit. Die Ehe von Robert und Odile ist am Ende, das wird in zwei Kapiteln aus jeweils beiden Perspektiven erschreckend anschaulich geschildert. Reza beginnt den Roman mit ihrer Paradedisziplin. Wieder einmal gelingt es ihr beeindruckend gut, die Abgründe einer zwischenmenschlichen Beziehung herauszustellen. Durch die völlig missglückte Kommunikation zwischen Mann und Frau, durch die Projektion von Wünschen, enttäuschten Erwartungen und dem totalen Überdruss an dem anderen in die bloße Entscheidung über das, was im Einkaufskorb landen soll, entblößt sich direkt im ersten Kapitel eine komplette Beziehung mit all ihren hässlichen Seiten. Genau wie schon in Gott des Gemetzels ufert dieser Streit am Ende in dem kompletten Verlust aller Hemmungen und Selbstbeherrschungen aus. So bietet sich dem Leser am Ende ein wild an der Handtasche seiner Frau zerrender Robert, der vor der Fleischtheke verzweifelt versucht seine Drohung, ohne Odile fort zu fahren, wahr zu machen. Der amüsante Anfang des Buches verspricht viel und lässt auf einem dem Gott des Gemetzels ähnlich grandiosen Roman hoffen.

Doch diese Hoffnung wird enttäuscht. Der Leser erhascht zwar kurze Einblicke in das Leben der Protagonisten, doch jeder Monolog eines Charakters schildert bloß diverse Variationen von verkorksten Beziehungen — zu sich selbst oder anderen Menschen - ohne jegliche Entwicklung oder Auflösung. Die Situationen sind festgefahren. Das Aneinander-Vorbeireden der Akteure erinnert an Loriot und hinterlässt von Kapitel zu Kapitel immer mehr einen faden Beigeschmack beim Leser, von Seite zu Seite scheint das Buch düsterer zu werden. Wo ist hier das im Titel versprochene Glück? Rezas Figuren streiten, betrügen und enttäuschen sich. Einsamkeit zieht sich durch den ganzen Roman. Alle erzählenden Charaktere tauchen wieder in den Erzählungen anderer Protagonisten auf, sodass sich nach und nach ein Netz von Beziehungen rekonstruiert. Das Gewirr der französischen Namen führt jedoch dazu, dass man beim Lesen immer wieder zurück blättern muss, auf der Suche nach der Frage "Wer war denn das noch mal?".

Der Lesegenuss wird unterbrochen von Ratlosigkeit. Dabei kreist die Rede der Sprecher stets um Selbstverwirklichung, Vergangenheits- und Selbstbewältigung, seltener um Zukunft und Träume. Hinter perfekten Fassaden lauern traurige Geschöpfe, und Glück findet sich, wenn überhaupt, dann in der verzweifelten Ablenkung von der gescheiterten Beziehung durch eine Affäre. Natürlich ist es genau das, was Yasmina Reza so liegt: Kurze und prägnante Dialoge zwischen charakterstarken Figuren, die sich im Laufe eines Gesprächs oder eines inneren Monologes von Wort zu Wort mehr entblättern. Am Ende stehen sie nackt vor dem Leser und lassen ihn mit nichts als der ungeschönten Wahrheit zurück. Dieses Buch wirkt am Ende aber doch nur wie ein aneinander Reihen von Trostlosigkeit und letztlich — von Belanglosigkeiten.

Den geschilderten Personen fehlt es an Rezaischer Charakterstärke, der Einblick in das Schlafzimmer von Robert und Odile bleibt nichts weiter als ein voyeuristisches Eindringen in die deprimierende Alltagsproblematik von Jedermann. Es scheint als wolle Reza genau das mit "Glücklich die Glücklichen" bewirken, die Einsicht dass hinter jedem Gesicht verlorene Träume, enttäuschte Erwartungen und die ewige Suche nach dem Glück steckt. Aber ist es das, was man gleich in 18 verschiedenen Varianten präsentiert haben möchte? Da scheint die eigene Suche nach dem Glück dann doch attraktiver.

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