200. Geburtstag: Der Moralist Charles Dickens

200. Geburtstag : Der Moralist Charles Dickens

Vor 200 Jahren wurde der Brite Charles Dickens geboren, der mit Romanen wie "Oliver Twist" und "David Copperfield" schon zu Lebzeiten berühmt war. Er kritisierte in vielen Werken die sozialen Missstände seines Landes; am Ende siegt bei ihm das Gute. Die Gesellschaft stellte er nicht in Frage.

Manchmal sind dumme Fragen ja die ertragreichsten. Dies bedenkend, trafen sich kürzlich in Berlin diverse Forscher aus diversen Ländern, um drei Tage lang darüber nachzusinnen, wie Charles Dickens heute — 200 Jahre nach seiner Geburt — schreiben würde.

Natürlich dachte man dabei an jenen Dickens, der die Fortsetzungsgeschichten erfand. Und so fiel es einigen nicht schwer, diesem literarischen Hünen, der mit "Oliver Twist", "David Copperfield" und der "Weihnachtsgeschichte" bereits zu Lebzeiten weltberühmt war, die Rolle eines Serienskriptschreibers anzudichten: von "Eastenders" möglicherweise, der britischen Variante unserer "Lindenstraße", oder der amerikanischen Polizeiserie "The Wire".

Zum runden Geburtstag hat auch Schriftsteller Martin Mosebach das Wort erhoben und zu bedenken gegeben, dass ohne Dickens die Comic-Welt von Disneys Entenhausen ebenso undenkbar wäre wie Harry Potter. Es liegt viel Ehrgeiz in der Luft, einen der größten englischen Erzähler noch über seine Werke hinaus in die Gegenwart zu hieven. Dabei ist das Werk ja keineswegs vergessen, wie immer neue Verfilmungen und Adaptionen seiner Stoffe verraten. Aber auch wenn ihm manche eine "latente Modernität" attestieren, so bleibt oft auch dieser Leseeindruck zurück: etwas schwulstig und gefühlig, pathetisch und symbolbefrachtet.

Ruheloses Arbeitstier

Wir ahnen, dass Dickens Sozialkritik an den Auswüchsen der industriellen Revolution als neu und erregend empfunden wurde. Und wir wissen heute, dass der Impuls zu diesem literarischen Feldzug die eigene Lebenserfahrung war: Als Zwölfjähriger wurde er von der Schule genommen und in eine Schuhwichsfabrik gesteckt, während der Vater als Schuldgefangener einsaß. Ein traumatisches Erlebnis, dass Dickens zu einem ruhelosen Arbeitstier werden ließ, das auch vor Erschöpfung im Alter von nur 58 Jahren starb. Fast alle seine Bücher sind literarische Dokumente dieser existentiellen Furcht, sie sind die Fortsetzung seines Lebens mit literarischen Mitteln.

Dieser unmittelbare Schreibanlass hat ihn zu einem glaubwürdigen Moralisten werden lassen. Aus all seinen zum Teil dickleibigen Romanen — 15 sind es am Ende geworden — spricht eine romantische Sehnsucht nach Gerechtigkeit, eine Sehnsucht nach Glück. Diese, so glaubte Dickens, sei auch in der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung zu verwirklichen.

Vielleicht war es die eigene Verstrickung in seine Literatur, die ihn trotz aggressiver Sozialkritik nie zum Revolutionär hat werden lassen. Zu seinen Lebzeiten wohnte in London ein anderer Kritiker der gesellschaftlichen Zustände, der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse: Karl Marx. Undenkbar aber, dass beide zum intellektuellen Austausch je zueinander gefunden hätten.

Dickens hatte das soziale Elend erkannt und beschrieben. Eine politische Dimension hat die Kritik bei ihm nie bekommen. Er hing vielmehr einer Vorstellung von Schicksal an, einem Traum von Unschuld. Es gibt bei ihm einen festen Glauben an das Gute, die unverdrossene Hoffnung auf Erlösung. Dazu gehören die Erbschaften, die immer wieder in seinen Büchern auftauchen und den gepeinigten Helden wie durch eine geheimnisvolle Macht von außen erretten.

Dickens stand der Kirche fern, nicht aber der Bibel. Christentum reduzierte sich für ihn auf die ethische Botschaft der Bergpredigt und auf den Glauben an die Erlösung. "Wir müssen Schicksalsschlägen kühn ins Gesicht sehen und dürfen uns nicht einschüchtern lassen", heißt es in David Copperfield. "Wir müssen lernen, die Komödie zu Ende zu spielen. Wir müssen das Unglück müde machen."

Großer Erfinder

Charles Dickens ist ein großer Erfinder gewesen: der Erfinder des modernen Romanschriftstellers sowie der Erfinder der Fortsetzungsgeschichten, die vordergründig zwar dem geschäftstüchtigen Autor zu einem beträchtlichen Vermögen verhalfen — am Ende soll es nach heutiger Umrechnung ein zweistelliger Millionenbetrag gewesen sein. Literarisch aber schien das Format der Serie auch die Botschaft des guten Ausgangs zu versprechen, indem mit jeder neuen Folge eine neue Hoffnung aufleuchtete.

Schließlich ist Dickens der Erfinder des modernen englischen Weihnachtsfestes, das er mit seinen Geschichten zu einer geselligen Familienfeier werden ließ. Viel kommt hier für Dickens Sehnsucht zusammen: die unverhoffte Gabe, das glückliche Erbe, der Traum der Erlösung. Sogar der stets grantige, fiese Geizhals Scrooge, ein Urbild des Sünders, wird geläutert.

Die Literatur von Charles Dickens ist wahr, sie berührt und überzeugt. Dem System aber, das das soziale Elend verursachte, ist sie nie zur Gefahr geworden. Weil in ihr kein Brandherd glimmt.

(RP/sap/top)