Neuer Roman von Dave Eggers: Das Leben im "Circle"

Neuer Roman von Dave Eggers : Das Leben im "Circle"

Wollen wir wirklich leben, wie es uns die Internet-Konzerne vorgeben? Wer wissen möchte, wie die Zukunft der digitalen Transparenz aussieht, sollte den neuen Roman von Dave Eggers kennen. Er schärft den Blick für die Gegenwart.

Am kommenden Montag wird die Spiegel-Bestsellerliste diesen Titel auf Platz eins führen: Der Roman "Der Circle" von Dave Eggers ist das meistdiskutierte und bestverkaufte Buch der Saison. Die Besprecher ringen seit Tagen mit diesem Text. Manche rühmen seine Weitsicht und Relevanz, andere beklagen Vorhersehbarkeit und simple Machart. Einigkeit herrscht indes darüber, dass der 44 Jahre alte Autor ein drängendes gesellschaftliches Thema gewählt hat, vielleicht das derzeit wichtigste überhaupt: Wie können wir in vollvernetzten Zeiten unsere Privatsphäre schützen?

"Der Circle" ist ein faszinierendes Buch. Dave Eggers erzählt von der jungen Mae, die einen Job findet bei "The Circle" in Kalifornien. Dieses Unternehmen ist Google, Facebook und Apple zugleich. Es stattet die Menschen mit Geräten aus und reguliert 90 Prozent der Datenströme - der Konzern als Weltmacht. Unter der Vorgabe, das Internet zum besseren Ort zu machen, gibt er Usern ein zentrales Passwort. Seither ist alles, was man im Netz tut, mit einem Klick zu erledigen; nach einmaliger Anmeldung wird jede Aktion auf den Handelnden rückführbar. Transparente Nutzer statt Schein-Identitäten also, deshalb heißt die Software "TrueYou". Die Leitsätze des Unternehmens: "Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Heilen. Alles Private ist Diebstahl."

Im "Circle" tragen Kollegen einen Chip auf der Netzhaut, damit sie per Lidzucken arbeiten können. Mae macht mit, "sie öffnet die Schleusen", wie es im Buch heißt, wenn Nachrichten und Mails auf sie einprasseln, und am Ende hat sie vergessen, wie man die Schleusen schließt. Sie kommuniziert rund um die Uhr und lässt sich darauf ein, eine "SeeChange" genannte Kamera von der Größe eines Lollis vor der Brust zu tragen: Sie ist transparent, eine Mensch-Maschine, die für andere agiert und sich selbst verliert.

Man sollte "Der Circle" nicht nach den traditionellen Maßstäben der Literaturkritik bewerten. Der Text ist weniger Roman als vielmehr Kolportage und Pamphlet. Eggers ist nicht Künstler, sondern engagierter Zeitgenosse, und "Der Circle" seine Zeitschrift - eine Schrift zur Zeit. Eggers bringt überdeutlich ins Bild, worum es ihm geht. Er warnt auf direktem Weg: Seid vorsichtig, liefert euch nicht aus, macht eure Seelen nicht zu Marktplätzen.

In den Diskussionen über die Qualität von "Der Circle" wird der Faktor Zeit stets übersehen. Das Original erschien bereits im Oktober in den USA, Eggers hat rasch auf die Herausforderung reagiert, wie man eine Firewall gegen den Datenhunger der Netzkonzerne errichtet. Es geht ihm nicht um Virtuosität. Eggers baut keine doppelten Böden ein, knüpft keine Fallstricke. Sein Tendenzroman ist eine Art "Onkel Toms Hütte" der Datensklaverei.

Eggers gehört zur ersten Garde der US-Autoren seiner Generation. Aber er arbeitet anders als viele Altersgenossen. Er wird mitunter mit George Orwell verglichen, "Der Circle" mit dessen "1984". Ein besserer Bezugspunkt ist jedoch Upton Sinclair, der sozialkritische Chronist der Jahre zwischen Theodore und Franklin D. Roosevelt. Der schrieb Reportagen, Romane und Manifeste, viele und in kurzer Zeit, denn er wollte die Asphalt-Moderne des Kapitalismus beschreiben. Ohne Finesse, doch effektsicher. Er wollte nicht entschlüsselt, sondern verstanden werden, und die Botschaft von Romanen wie "Der Dschungel" über die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen Chicagos lautete: "Ihr braucht euch nicht mit Amerika abzufinden, wie es ist. Ihr könnt es verändern."

Upton Sinclair (1878-1968) gründete mit den Tantiemen für seine Texte die Kommune Helicon Home Colony in New Jersey, wo er seine Vision eines idealen Lebens zu verwirklichen suchte. Auch bei Eggers sind Texte nur Unterpunkte eines größeren Plans. Er verwandelt Wirklichkeit in Literatur, um damit eine andere Wirklichkeit zu schaffen. Mit den Honoraren aus Bestsellern wie "Zeitoun" finanziert er Schreibschulen für Kinder mit Lese- und Schreibschwächen. Nachdem er in seinem Buch "Weit gegangen" das Schicksal eines Flüchtlings aus dem Sudan beschrieben hatte, ließ er dort Heime und Schulen bauen. Er gründete in San Francisco den Verlag "Mc Sweeney's", um zu zeigen, dass Zeitungen und Zeitschriften sehr wohl Zukunft haben, und wer je sein Magazin "The Believer" gelesen hat, wird ihm zustimmen.

Es gibt einen Unterschied zwischen gutem und effizientem Leben. Eggers will die Welt verbessern, nicht optimieren. Und wie empathisch er dabei vorgeht, sieht man schon daran, dass er die Handlung von "Der Circle" in die Zukunft verlegt, obwohl sie unsere Gegenwart beschreibt: Es gibt noch Hoffnung, soll das heißen. In "Der Circle" tritt eine Figur namens Mercer auf. Das ist der Ex-Freund der Roman-Heldin, und er schreibt Mae Briefe aus dem Wald, in den er sich vor dem Zugriff des Konzerns geflüchtet hat. Diese Briefe sind Appelle, durch sie wird die Handlung vom Abbild der Gegenwart zum Kommentar auf die Realität: Wer ohne Alternative lebt, ist ohne Zukunft. Transzendenz ist das Gegenteil von Transparenz, und jede Emotion, die man öffentlich macht, wird marktrelevant ausgewertet und gehört uns nicht mehr.

"Muss man nicht lesen", urteilte "Heute Journal"-Moderator Claus Kleber beim Kurznachrichtendienst Twitter über "Der Circle". Das Gegenteil ist richtig: Jeder sollte das Buch kennen. Weil er beim Lesen spürt, wie wichtig es ist, Einwände am Grundsätzlichen zu formulieren. Eggers erzählt Geschichten, um Bewusstsein zu schaffen. Wer "Der Circle" las, wird oft daran zurückdenken. Er wird aufmerksamer. Wenn er künftig eine App herunterlädt, die nichts kostet, in der es keine Werbung gibt, die man aber mit seinen Daten füttern soll, denkt er wahrscheinlich darüber nach, warum das so ist und wer davon wirklich einen Nutzen hat. Er fragt sich, ob es auch anders geht.

(RP)
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