Vor 100 Jahren gestorben: Bram Stoker - der Schöpfer Draculas

Vor 100 Jahren gestorben : Bram Stoker - der Schöpfer Draculas

Vor 100 Jahren starb der irische Autor Bram Stoker, der mit seinem "Dracula" einen bis heute glühenden Mythos geschaffen hat. Mit dem Vampir ist das Unheimliche in unser Leben und das Unerklärliche ins Zeitalter der Moderne getreten. Zwei Neuübersetzungen laden jetzt zur Lektüre ein.

Der Sommer 1816 soll arg verregnet gewesen sein, als ein paar englische Romantiker am Genfer See beisammensaßen und zum Vergnügen einander Schauergeschichten erzählten. Auch Mary Shelley war unter ihnen und plauderte über ein namenloses Monster, das zwei Jahre später als Geschöpf eines Doktor Frankenstein literarischen Weltruhm erlangte.

Aber es gab noch eine Geschichte, die der Arzt John Polidori vortrug, nämlich jene von einem blutsaugenden Grafen. So wurde an diesem Regentag des Jahres 1816 der Vampirmythos salonfähig und damit ein Topos geboren, der nicht mehr aus der Welt zu schaffen war. Und doch dauerte es bis 1897, ehe die Gestalt des Untoten Kult wurde — mit dem "Dracula"-Roman des Iren Abraham "Bram" Stoker.

Das 19. Jahrhundert ist eine merkwürdige Zeit, in der die Menschen mit zunehmendem Fortschritt dem Machbarkeitswahn zu erliegen scheinen. Ihr Glaube gilt nunmehr der Technik; und die Philosophie spekuliert bereits über Gottes Tod.

Galionsfigur des Antimodernen

Aber genau in dieser Zeit werden auch Dämonen geboren, schauerliche Monster von zeitloser Bedrohung: Neben Dracula ist das natürlich Frankenstein, auch Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson; schließlich das kreatürliche Ungetüm eines Moby Dick von Herman Melville. Es ist, als würde sich dem Siegeszug der Moderne das Unheimliche in den Weg stellen wollen.

Und Dracula ist die Galionsfigur des Antimodernen, er ist der Prototyp des Antichristen. Denn Dracula will gar nicht ins Himmelreich, weil der selbsternannte Gott schon auf Erden unsterblich geworden ist.

Darum kehrt er das letzte Abendmahl ins Gegenteil, indem er nicht sein eigenes Blut zur Vergebung der Sünden vergießt, sondern vom Blut anderer lebt. Und erinnert nicht auch Draculas Vernichtung in abgewandelter Form an die Passion Jesu? Denn wie Gottes Sohn wird der Vampir mit dem Pfahl im Herzen letztlich am Holz sterben.

Die eigentliche Leistung Bram Stokers war die Verknüpfung zweier Geschichten: einer historisch verbürgten mit dem Leben des rumänischen und grausamen Grafen Vlad Tepes aus dem 15. Jahrhundert mit verschiedenen Volkslegenden über Untote und blutsaugende Wesen.

"Wir brauchen keine Beweise"

Dazu liefert Stokers Roman aber auch noch die Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts gleich mit. Denn wer trotz über 600 Dracula-Verfilmungen heute noch zum Buch greift — wozu zwei glänzende Neuübersetzungen jetzt einladen —, wird darüber ins Staunen geraten, dass eigentlich nichts in herkömmlicher Weise erzählt wird.

Der ganze Roman ist eine knapp 600 Seiten starke Sammlung von Dokumenten: die Reiseberichte von Jonathan Harker — der seine Gefangenschaft auf Draculas Schloss überlebt und den Grafen am Ende vernichten wird —, Briefe von Lucy, Tagebücher von Dr. Sewards und Mina, diverse Zeitungsmeldungen oder die auf einen Phonographen gesprochene Expertise von Dr. van Helsing.

So intensiv in dieser Geschichte die Betroffenen darüber nachdenken, ob das, was sie gerade erleben, vielleicht nur ein schrecklich böser Traum ist, so eindringlich versuchen all die Dokumente die Wahrheit des Geschehenen zu bezeugen. Für seine "Schlussnotiz" holt Jonathan Harker schließlich alle schriftlichen Aufzeichnungen noch einmal aus dem Safe. Schon der Aufbewahrungsort verleiht den Worten einen großen Wert. Und van Helsing meint trotzig: "Wir brauchen keine Beweise; wir verlangen von niemandem, dass er uns glaube!"

So einer muss es doch schaffen!

Pure Koketterie ist das, ein kleines und leicht durchschaubares Spielchen mit der Fiktion. Dahinter aber schimmert die Idee der Aufklärung hervor, der ungetrübte Glaube an das Wort, die Hoffnung, dass mit unserem Verstand und der Gabe der Kombination das Unheimliche und Unverständliche unserer Existenz zu bezwingen sein wird. Der Herr dieses Verfahrens muss darum auch ein Wissenschaftler sein — einer wie van Helsing, dessen Briefkopf im Roman ein Ausweis an Bildung und Gelehrtheit ist: "Dr. med., Dr. rer. nat., Dr. phil. etc. etc."

So einer muss es doch schaffen! Nicht grundlos wird Draculas van Helsing bisweilen mit einem anderen großen und genialen Rätsel-Löser aus der englischen Literatur dieser Zeit verglichen — mit Sherlock Holmes. Und dass Abraham van Helsing mit Stoker den Vornamen teilt, darf als dezenter Hinweis darauf gelten, welche aufklärerische Rolle sich der Schriftsteller mit seinem Werk selbst zugedacht hat.

Dracula ist eine Art Experiment: Es konfrontiert den aufgeklärten Menschen mit Aberglaube und Okkultismus, es spielt mit dem Unerklärlichen. Doch dieses Märchen geht gut aus. Zumindest unser Glaube an Technik und Wissenschaft wird bei allem Grusel zuletzt bestärkt. Am Ende dient der Vampir nur der Bestätigung unserer Welt und unserer Werte.

Nach Transsylvanien ist der Vielgereiste nie gekommen

Hat vielleicht auch dieser Zivilisationssieg, eine Art Happy End der Moderne, den Roman und seinen Mythos bis heute so populär gemacht? Bücher, die die Vampir-Saga fortsetzen und damit oft riesige Erfolge feiern, sind auffallend geschrieben aus dem Geist unseres bestehenden Wertesystems — nicht selten mit betont konservativen Tendenzen. Die Romane aus den Bestsellerwerkstätten einer Stephenie Meyer oder Phyllis C. Cast belegen dies eindrucksvoll.

Stoker erlebte — im Gegensatz zu den geschäftsklugen Vampir-Autoren der Gegenwart — den Erfolg seines Draculas nicht mehr, als er vor 100 Jahren, am 20. April 1912, 64-jährig in London starb. Nach Transsylvanien ist der Vielgereiste nie gekommen; wie bei Karl May beflügelte die Baedecker-Lektüre seine Phantasie. Auch war Stokers Todesursache von unmythischer Art: Er soll der Syphilis erlegen sein.

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(RP/csr)
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