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"Shades of Grey": Bizarrer Welterfolg eines Pornos

"Shades of Grey" : Bizarrer Welterfolg eines Pornos

Dieser Roman schafft es nicht einmal zum richtigen Skandal. Denn die als sado-masochistisch veranlagte Trilogie "Shades of Grey", deren erster Band mit dem putzigen Titel "Geheimes Verlangen" (609 Seiten für 12,99 Euro) jetzt auf Deutsch erschienen ist, spielt bloß damit.

Es ist die kontrollierte Übertretung einer Grenze, die in der bürgerlichen Gesellschaft seit jeher größere Aufmerksamkeit kreiert. Denn kaum etwas wirkt in emanzipierten Völkern erregender als die freiwillige Unterwerfung, der Spaß an zeitweiliger Erniedrigung. Marquis de Sade (1740—1814) ist ein Kind der europäischen Aufklärung.

Doch dies in einen Zusammenhang mit dem Roman der 49-jährigen Schottin E. L. James zu bringen, hieße, de Sade Schmerzen zuzufügen, von denen er zeitlebens nicht einmal zu träumen gewagt haben dürfte.

Im Grunde ist dieses Buch über die SM-Beziehung zwischen der natürlich bildhübschen wie auch anfangs jungfräulichen Studentin Anastasia — 21 Jahre — und dem natürlich steinreichen IT-Unternehmer Christian Grey keine Literatur.

Es wird nicht wirklich etwas gewagt, was an vermeintliche Grenzen stoßen könnte, weil es dazu möglicherweise an Mut, Wissen und Bereitschaft fehlt. Und es wird auch nichts in Sprache begriffen, weil es dazu an allem mangelt. Ein Klischee folgt dem nächsten, und wenn E. L. James ausdrücken will, wie hübsch jemand ist, schreibt sie, dass der- oder diejenige ganz besonders hübsch ist.

Das Erschreckende an diesem ersten von insgesamt drei Büchern aber ist weniger seine Dürftigkeit; es ist der Welterfolg, der damit gerade gefeiert wird. Fast 15 Millionen Bücher wurden bisher in Kanada und den USA verkauft; in Deutschland startet der Münchener Goldmann-Verlag mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren, was zuletzt nur Charlotte Roche gelang.

Verräterisch an dem gespielten Skandälchen mit Fesseln und Schlagen nach partnerschaftlicher Vereinbarung ist zudem die Entstehungsgeschichte. James — die mit bürgerlichem Namen Erika Leonard heißt — stellte ihre Geschichten als eine Art Fortsetzung der Twilight-Saga für Erwachsene kostenfrei ins Internet.

Dort fanden sich dann aber so viele Fans, die nicht allein am Vampirischen Interesse zeigten, dass James flugs alles wieder im Netz löschte und den publizistisch klassischen Weg des Geldverdienens wählte.

Enorm erfolgreich sind die Romane seitdem auch als E-Book. Wegen der größeren Anonymität, wie man glaubt. Vielleicht erkennt man ja die Leserinnen und Leser an ihrer schweißnassen Stirn.

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Shades of Grey" feiert Welterfolge

(RP/pst/rm)