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Bill Clinton und James Patterson: Krimi über einen vermissten Präsidenten

„Der vermisste Präsident“ : Bill Clinton hat einen sehr amerikanischen Thriller geschrieben

Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat im Duett mit Bestsellerautor James Patterson einen Krimi geschrieben - über einen amerikanischen Präsidenten in sehr großer Not.

Der Präsident steckt in einer Zwickmühle, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Die Opposition drängt auf seine Amtsenthebung, denn eine Kommandoaktion in Algerien hat nicht nur ein amerikanisches Soldatenleben gefordert, sondern auch den Eindruck erweckt, als handle er gegen die Interessen seines eigenen Landes.

In Nordafrika stellte sich eine Einheit der Special Forces einer Miliz in den Weg, die drauf und dran war, das Camp eines berüchtigten Cyber-Terroristen zu umzingeln. Als Präsident Jonathan Lincoln Duncan diesem Suliman Cindoruk nicht nur die Flucht ermöglicht, sondern auch noch mit ihm telefoniert und eine französische Zeitung darüber berichtet, wird im Kongress in Washington der Vorwurf des Hochverrats laut. Duncan indes sind die Hände gebunden, weil streng geheim bleiben muss, worüber er mit Cindoruk sprach. Der Anführer einer Islamistengruppe namens "Sons of Jihad" droht damit, ein Virus zu aktivieren, das die vollständig computergesteuerte Infrastruktur der USA komplett lahmlegen würde.

Gefahr durch Cyberattacken

Einen Vorgeschmack haben die Amerikaner bereits bekommen, in Form einer Cyberattacke aufs Pentagon. Also versucht Duncan herauszufinden, was Cindoruk verlangt, ob er ihm eine Art Lösegeld anbieten kann. Der aber will nicht verhandeln, er will die Supermacht in die Knie zwingen. Kein Computer zwischen Miami und Seattle soll mehr funktionieren. Stromnetz, Wasserversorgung, Flugverkehr, Krankenbetreuung, das Finanzsystem, die Landesverteidigung - alles soll zusammenbrechen. Sollte eine fremde Macht Amerika in diesem Moment mit Raketen angreifen, könnte sich das Land allenfalls mit den Waffen des 19. Jahrhunderts zur Wehr setzen. Und der innenpolitische Rivale, der Speaker des Repräsentantenhauses, ist nur damit beschäftigt, Spielchen zu spielen. Allein auf den eigenen Vorteil bedacht, ist er nicht in der Lage, auch nur einen Millimeter über den parteipolitischen Tellerrand hinauszuschauen.

Duncan trägt Clintons autobiographische Züge

Bill Clinton, der 42. Präsident der Vereinigten Staaten, hat im Duett mit dem Krimi-König James Patterson einen Thriller geschrieben. Er ist nicht der erste Altpräsident, der sich am Fiktiven versucht. Schon Jimmy Carter brachte einen Roman zu Papier. Nur ging es bei Carter um die Unabhängigkeitskriege der Republik, während Clintons Erzählung unübersehbare Parallelen zum eigenen Leben aufweist. Wie Duncan ist er ohne leiblichen Vater aufgewachsen, wie Duncan, aus einfachsten Verhältnissen kommend, zunächst zum Gouverneur eines südlichen Bundesstaats gewählt worden. Wie Duncan lernte er seine spätere Ehefrau beim Jurastudium kennen, wie Duncan hat er eine Tochter. Und des Amtes enthoben werden sollte er auch. Seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky mündete bekanntlich in ein Impeachment-Verfahren, so dass Clinton aus tiefster Seele zu sprechen scheint, wenn er sein literarisches Pendant ein Klagelied über die "Grausamkeiten hemmungslosen Machthungers" anstimmen lässt. Einige seiner Gegner wollten ihn nicht einfach nur aus dem Oval Office verjagen. "Sie werden erst dann Frieden geben, wenn sie mich ins Gefängnis geschickt, mich gevierteilt und meinen Namen aus den Geschichtsbüchern getilgt haben."

Ein sehr amerikanisches Buch

Nur ist "The President Is Missing" eben auch ein Buch über das Gute, das letzten Endes, nach erstklassigem, wenn auch abenteuerlichem Krisenmanagement, das Böse besiegt. Ein sehr amerikanisches Buch. Die Idee, sagte Clinton im Radiosender NPR, sei ihm gekommen, weil er ein durchaus realistisches Gefahrenszenario ausmalen wollte. "Jemand könnte zumindest eines unserer Stromnetze außer Gefecht setzen, zum Beispiel das in der Osthälfte unseres Landes. Jemand könnte sämtliche Bankunterlagen löschen. Und dazu noch die Sicherungskopien, falls das Virus clever genug ist."

Im Krimi kommt eine ganze Reihe von Akteuren als Missetäter infrage: Chinesen, Nordkoreaner, Renegaten im Dunstkreis der saudischen Herrscherfamilie und natürlich die Russen, denen Duncan mit hochaktuellem Bezug auf die Vorwürfe des Jahres 2016 rät, die Hände von Amerikas Wahlen zu lassen. Welcher Staat tatsächlich gemeinsame Sache mit Cindoruk macht, soll hier nicht verraten werden.

Jedenfalls schlägt zwei Computergenies des Terrorfürsten gerade noch rechtzeitig das Gewissen. Eine aus der Schwarzmeerrepublik Abchasien stammende Programmiererin, "eine Mischung aus Calvin-Klein-Model und Eurotrash-Punkrockerin", trifft sich mit Duncan, um ihn zu warnen. Der soll sich im Gegenzug bei der Regierung Georgiens dafür einsetzen, dass sie begnadigt wird und in ihre Heimat zurückkehren darf. Ihr blutjunger Partner, ein Hacker aus dem Donbass, sitzt irgendwann in einem Baseballstadion neben einem Präsidenten, der zur Tarnung eine Brille trägt, sich Bartstoppeln wachsen und die Augenbrauen dick malen ließ.

Duncan als Undercover-Agent

Duncan handelt auf eigene Faust, niemand soll ihn erkennen. Da außer sehr engen, sehr verschwiegenen Vertrauten keiner weiß, wo er ist, machen bald Eilmeldungen die Runde, nach denen er vermisst wird - "The President Is Missing". Eine Gruppe von Berufskillern, von Cindoruk angeheuert, um die beiden Abtrünnigen zu töten, kommt bei alledem in die Quere, was die Suche nach dem Virus erheblich erschwert. Die Scharfschützin an der Spitze des Trupps versucht ein Kindheitstrauma aus dem Sarajevo des Bürgerkriegs zu verarbeiten, indem sie, unter Kopfhörern, ausdauernd Musik von Johann Sebastian Bach hört.

Dass Cindoruk in einer deutschen Großstadt lebt, wenn er nicht in Algerien campiert, lässt wiederum an die Terrorzelle um Mohammed Atta denken, die am 11. September 2001 entführte Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon krachen ließ. Der Präsident Russlands träumt davon, das sowjetische Imperium wiederauferstehen zu lassen. Duncan wiederum kämpfte im Golfkrieg des Jahres 1991, geriet in irakische Gefangenschaft, wurde gefoltert, blieb standhaft und kam als gefeierter Held nach Hause. Wovon er später beim Duell ums Weiße Haus kräftig zehren konnte. Der Kaukasus, Bosnien, die Ostukraine, 9/11, der Krieg am Golf: kaum ein Konfliktschauplatz, auf den die Autoren verzichten. Kaum ein Klischee, das sie nicht bemühen.

Im Übrigen ist Duncan gesundheitlich derart angeschlagen, dass seine Landsleute auf keinen Fall erfahren dürfen, wie schlimm es um ihn steht. An einer Blutkrankheit mit dem unaussprechlichen Namen Immunthrombozytopenie leidend, muss er sich von seiner Ärztin sagen lassen, dass er den Tod riskiert, falls er vergisst, seine Medikamente zu nehmen. Was ein Präsident, der sein Land retten muss, freilich nicht immer beherzigen kann. Außerdem ist seine Frau vor einiger Zeit an Krebs gestorben, womit klar ist, dass Clintons Buch nicht als Geschichte über seine Ehe gelesen werden kann.

Der Wert von Verbündeten

Dann wäre da noch der Wert von Verbündeten, auf deren Hilfe Jonathan Duncan in akuter Not baut. Es liegt auf der Hand, darin einen gewollten Kontrast zu Donald Trump zu sehen, der sich nicht scheut, selbst enge Verbündete zu brüskieren. Nachdem er ein Feuergefecht in den Straßen Washingtons überlebt, zieht sich Duncan auf ein gut getarntes Anwesen im ländlichen Virginia zurück. Dort trifft bald darauf neben der Ministerpräsidentin Israels auch der deutsche Bundeskanzler ein, ein Hüne namens Jürgen Richter, der "in seinem dreiteiligen Nadelstreifenanzug wirkt, als wäre er dem britischen Königshaus entsprungen". Richter soll versichern, dass der Beistandsartikel 5 des Nato-Vertrags auch für den Fall gilt, dass die USA am Boden liegen. Ein Paragraf, den Trump anfangs, als er die Nato für obsolet erklärte, infrage gestellt hat. Und mittendrin warnt die Hauptfigur des Romans: "Sich mit Kriechern und Speichelleckern zu umgeben, ist der kürzeste Weg zum Scheitern." Da der aktuelle Präsident seine Minister gern Loblieder auf sich selbst anstimmen lässt, lässt sich der Wink mit dem Zaunpfahl kaum übersehen.

Happy End?

Schließlich das Happy End. Die Cyberattacke ist abgewehrt, der Präsident erfreut sich sensationeller Beliebtheitswerte, das mit dem Impeachment hat sich erledigt, stattdessen hält er vor beiden Kongresskammern eine eindringliche Rede. "Heute ist es nur noch 'Sie gegen uns' in Amerika. Politik ist nicht viel mehr als ein Blutsport. Folglich wächst unsere Bereitschaft, jedem, der nicht in unserer eigenen Blase lebt, das Schlimmste zu unterstellen. Und unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen, nimmt ab." Es ist ganz zweifellos der Pragmatiker Clinton, der da redet, schnörkellos Zustände skizzierend, an denen nicht nur er fast verzweifelt. Ach ja, Verrat ist auch mit im Spiel. Im engsten Zirkel der Macht gibt es eine undichte Stelle.

(fh/RP)