Witwe Katja veröffentlicht Biografie: Bernd Eichinger- eine Heldensaga

Witwe Katja veröffentlicht Biografie: Bernd Eichinger- eine Heldensaga

Die 40-jährige Witwe des großen deutschen Filmproduzenten hat die Biografie ihres vor anderthalb Jahren gestorbenen Mannes geschrieben. Katja Eichingers "B E" ist eine fast 600 Seiten lange Heldengeschichte geworden: hochgradig parteiisch und überwältigend amüsant.

Bernd Eichinger hatte gerade "Die unendliche Geschichte" abgedreht, die Verfilmung des Romans von Michael Ende. Es war das Jahr 1983, und nun saß er mit seinem Regisseur Wolfgang Petersen ("Das Boot") im Schneideraum in München und stritt mit der Cutterin. Die Produktion sollte ein Hit werden, also sagte ständig jemand "Spielberg würde das so machen" oder "Spielberg wüsste, was zu tun ist".

Irgendwann reichte es Eichinger, er forderte die Cutterin auf, Spielberg anzurufen. Sie ließ sich verbinden, sagte dem Büro des Giganten aus Hollywood, mit wem sie gerade zusammenarbeite, "Eichinger und Petersen", und das Sekretariat von Spielberg antwortete: "Ja, ja." Eine Viertelstunde, nachdem sie in den Schneideraum zurückgekehrt war, klingelte dort das Telefon: "Hallo, hier ist Steven Spielberg. Ich bin ein großer Fan von ,Das Boot'. Wie kann ich helfen?" Wenige Tage darauf saß Eichinger mit Spielberg in Los Angeles und ließ sich von ihm den Film schneiden. Er wurde ein Welterfolg.

So oder so ähnlich gehen sie alle, die Geschichten, die Katja Eichinger in dem Buch "B E" erzählt, das nichts anderes ist als eine moderne Heldensaga. Im Mittelpunkt steht der am 24. Januar 2011 im Alter von 61 Jahren gestorbene Produzent und Regisseur Bernd Eichinger, und auch wenn die fast 600 Seiten parteiisch sind, weil seine 40-jährige Witwe gar nicht anders kann, als zu verklären, liest man sie mit Hingabe, ja: mit Heißhunger.

Viel Cineastenklatsch

Da ist die Episode mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, der Anfang der 70er Jahre häufig zu Gast in Eichingers WG in München war und damals "Bärchen" genannt wurde. Sloterdijk lebte in ständiger Ungewissheit, ob Eichinger womöglich etwas mit seiner damaligen Freundin angefangen habe. Noch 30 Jahre später, als sich die beiden im Restaurant "Borchardt" in Berlin wiedertrafen, fragte Sloterdijk: "Sag, Bernd, hast du was gehabt mit ihr?"

Es gibt viel Cineasten-Klatsch zu lesen, Katja Eichinger plaudert aus dem Nähkästchen, und zu den schönsten Geschichten gehört die Szene, in der Bernd Eichinger und Regisseur David Lynch, dessen Film "Eraserhead" er verehrte, Freunde wurden. Auf Lynchs Büro-Sofa saßen mehrere, knapp 50 Zentimeter große Puppen. Lynch stellte Eichinger jede namentlich vor. Immer wenn er den Raum verlasse, klagte Lynch, würden die Puppen die Wände beschmieren. Zum Beweis zeigte er auf Kritzeleien in Augenhöhe der Puppen.

Lynch guckte ernst, verzog keine Miene. Eichinger lachte nicht, sondern ging darauf ein: "Ach, lass sie doch". Die beiden blieben in Kontakt, später bot Eichinger Lynch die Regie von "Das Parfüm" an, aber Lynch las das Drehbuch und sagte: "I hate it". Man hätte zu gern gesehen, was das für ein Film geworden wäre.

Zocken im Casino

Eichinger ist stets der harte Hund in dieser Biografie, einer, der nachts nicht schlafen konnte indes. Existenzsorgen plagten noch den Millionär, Depressionen rangen ihn nieder. Anderen zeigte er davon nichts. Den Regisseuren seiner großen Filmprojekte überreichte er zu Beginn der Dreharbeiten eine Münze aus der Zeit Alexanders des Großen als Leihgabe. Kein Regisseur wollte sie verlieren, es würde großen Ärger geben, das wusste jeder, und genau das war die Macht der Münze: Sie sollte verdeutlichen, wie launisch Fortuna ist.

Wobei man sagen muss, dass Eichinger die Glücksgöttin mehr als einmal selbst herausgefordert hat. Als er mit Hans W. Geißendörfer Ibsens "Wildente" verfilmte, etwa. Man brauchte 25 000 Mark, um die Produktion zu beenden, man hatte aber nur 5000. Also fuhr man ins Casino, spielte Roulette. Bruno Ganz, der Hauptdarsteller des Films, konnte nicht hinsehen, man setzte vier Mal — und ging mit 25.000 Mark wieder hinaus.

Ein großartiger Motivator

Eichinger war der Prinz von München und der Pate von Berlin, er mochte am liebsten Filme über Menschen in Extremsituationen, er liebte den großen Auftritt, trank Schampus aus Hannelore Elsners Pumps, aber er mochte es nicht, wenn am Set geschrien wurde. Einmal entließ er einen Assistenten, weil er Kollegen schlecht behandelte. Die Methode Eichinger funktionierte anders: Als ein Autor kurz vor Drehbeginn versehentlich das Skript für "Der Name der Rose" löschte, stellte ihm Eichinger eine Dose Kaviar und eine Flasche Champagner auf den Schreibtisch. Er schrieb ein Kärtchen dazu, darauf stand: "Work all night!".

Das ist natürlich ein sehr männliches Buch, es gibt massenhaft Liebesgeschichten, wobei die überraschendste wohl die späte Affäre mit Uschi Obermaier sein dürfte. Und: Wenn Eichinger wettete, etwa darauf, dass der Film "Werner — Beinhart" am ersten Wochenende eine Million Zuschauer anlocken würde, dann gab es als Gewinn einen schwarzen Porsche. Am Ende ist das aber auch die durchaus anrührende Geschichte eines deutschen Nachkriegskinds, das mit körperlichen Malaisen aufwuchs, im Internat durch Heimweh und Sadismus traumatisiert wurde, das aber weitermachte, "mit heißem Herzen und kühlem Kopf", wie Eichingers Lebensmotto lautete. Sicher verfilmt jemand demnächst dieses irre Buch — oder: hoffentlich.

Die Schlussszene verliefe angemessen: Eichinger fuhr im schwarzen Mercedes über den Sunset Boulevard in jenes Restaurant, in dem er den tödlichen Herzanfall erlitt. Hollywood lag da wie ein Juwelenteppich, es funkelte nur für ihn. Katja Eichinger: "Was letzte Autofahrten anlangt, so kann man sich wahrscheinlich kaum eine schönere Strecke aussuchen."

(RP/pst/das/csi)
Mehr von RP ONLINE