Wechselvolle Geschichte: Bekannter deutscher Autor Erich Loest wird 80

Wechselvolle Geschichte : Bekannter deutscher Autor Erich Loest wird 80

Leipzig (rpo). Literatur ist sein Leben, deshalb liegt Erich Loest ("Nikolaikirche") die Ausstattung öffentlicher Bibliotheken am Herzen. "Gegen Leseunlust kommt man an, indem man die Bibliotheken nicht verkleinert und den Etat verringert, sondern indem man die Bibliotheken, besonders die für Kinder, stärkt", ist ein typischer Loest-Satz. Der bekannte Schriftsteller und Kämpfer für das Buch feiert am 24. Februar seinen 80. Geburtstag.

Am 24. Februar 1926 im sächsischen Mittweida in eine Kaufmannsfamilie geboren, war Loests Leben von Wendungen und Brüchen gekennzeichnet. So war er begeisterter Jungvolkführer in der Hitlerjugend, zog 1944 als Freiwilliger noch in den Krieg, kam in amerikanische Gefangenschaft und kehrte - zum Sozialisten gewandelt - in seine sächsische Heimat zurück. Zunächst arbeitete er auf einem Rittergut in Leipzig und machte dann 1946 ein Volontariat bei der "Leipziger Volkszeitung".

Doch nicht nur für die Zeitung schrieb der Volontär und spätere Redakteur, nebenher arbeitete der inzwischen in die SED eingetretene Loest an Erzählungen und verfasste einen Roman, der 1950 veröffentlicht wurde: "Jungen, die übrig blieben" brachte Loest erhebliche Kritik durch die Partei ein, schließlich setzte ihn die "Leipziger Volkszeitung", das "Zentralorgan der SED im Bezirk Leipzig", sogar vor die Tür.

Doch Loest machte weiter, arbeitete als freischaffender Schriftsteller, wurde von seinen Kollegen zum Vorsitzenden des Schrifstellerverbandes der sächsischen Messestadt gewählt. Noch unterstützte Loest die Politik der SED, doch die Ereignisse des 17. Juni 1953 führen zum Bruch mit der Partei: Heftig kritisierte Loest die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes in der DDR, setzte sich mit anderen Intellektuellen für mehr Demokratisierung ein.

"Für mich ist es ein großer Wendepunkt, ähnlich dem Kriegsende, da war ich Soldat gewesen, bin davon gekommen, wollte nun das Gegenteil sein, ein guter Genosse, ein guter Marxist, habe mich bemüht. Und an diesem Tag erlebe ich in Berlin, ich war zufälligerweise hier, wie sich Arbeiter gegen die Partei erheben, die sich Arbeiter- und Bauernpartei nennt, meine Partei, der ich angehöre", erinnerte er sich später. Wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" verurteilt, verbüßte er eine siebenjährige Zuchthausstrafe in Bautzen. "Gemordete Zeit" nannte er diesen Lebensabschnitt in seiner Autobiographie "Durch die Erde ein Riss".

Nach der Entlassung schrieb er zunächst unter Pseudonym Kriminalromane, fand dann aber zu zeitkritischen Themen zurück. "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" hieß der Roman, dessen Veröffentlichung Loest 1978 wieder erhebliche Schwierigkeiten mit der SED einbrachte. Dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR kam er durch Austritt zuvor, und nachdem er entgegen der Zensurbestimmungen einen Band mit Erzählungen in der Bundesrepublik herausgebracht hatte, war er in der DDR endgültig am Ende angelangt: 1981 siedelte er in den Westen über.

Vom "Leben mit der Wanze" zur "Nikolaikirche"

In der neuen Heimat kam er jedoch nie richtig an, wie er erst in den Tagen nach der Wende bekannte: "Eine Zeitlang dachte ich, das Ärgste läge hinter mir, das Heimweh sei überwunden und ich am Rhein daheim", schrieb er 1990. Dass er auch in Bad Godesberg immer der alten Heimat verbunden blieb, beweisen einige seiner dort entstandenen Arbeiten, so die Leipzig-Romane "Völkerschlachtdenkmal" und "Zwiebelmuster", die auch verfilmt wurden. Nach der Wende wurde Loest vom Obersten Gericht der DDR rehabilitiert, konnte Einsicht in seine Stasi-Akten nehmen und verarbeitete seine Erkenntnisse unter anderem in der Dokumentation "Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze". 1995 erschien sein Wende-Roman "Nikolaikirche".

1998 kehrte Erich Loest nach Leipzig zurück, nachdem ihm die Stadt bereits zwei Jahre zuvor die Ehrenbürgerschaft verliehen hatte. Nicht die einzige Ehrung, die dem Autoren zuteil wurde: So verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Technischen Universität Chemnitz 2001 die Ehrendoktorwürde. Durch sein beispielhaftes Leben habe Loest besonders den Menschen in den neuen Bundesländern eine Orientierungshilfe gegeben und als literarischer Autor und Kulturpolitiker zur mentalen Einheit Deutschlands beigetragen, hieß es in der Begründung der Fakultät.

Obwohl er mit zahlreichen seiner Bücher selbst die DDR in zahlreichen Facetten beleuchtete, legt er - als immer auch politisch denkender Mensch - jedem Leser "Die Grenze durch Deutschland" von Roman Grafe ans Herz. "Chronik von Stadt und Bahnhof Probstzella, eingeschlossen, abgeriegelt, am Ende der Welt", beschrieb er das Werk, dass in den Geschichten aus dem thüringischen Grenzort die Jahre von 1945 bis 1990 umfasst. "Dieser Band, hervorragend ausgestattet, kann nicht billig sein. Er gehört in jede Bibliothek", meint Loest. Und ist damit wieder einmal bei seinem Lieblingsthema angelangt.

(ap)
Mehr von RP ONLINE