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Autor Dzevad Karahasan stellt neues Buch über Sarajevo vor

Dzevad Karahasan stellt neues Buch vor : „Sarajevo ist heute noch eine Stadt der Toleranz“

Gute Literatur wirkt gegen Vereinfachung. Und sie ist immer eine Einladung zum Gespräch, sagt der bosnische Autor und Heine-Preisträger. Am Donnerstag, 27. Mai, stellt er sein Buch über seine Heimatstadt Sarajevo fürs Heine-Institut in einer digitalen Lesung vor.

Das alte beziehungsweise frühere Sarajevo schildern Sie als eine Stadt großer Toleranz. Warum ist das in Sarajevo damals möglich gewesen?

Karahasan Seit langem sind die Mittel bekannt, die man anwenden soll, wenn man eine Gesellschaft zerstören will. Das erste, unzählige Male erprobte Mittel ist die Angst. Verängstigte Menschen bilden keine Gesellschaft, sie sind Masse oder Pöbel, aber keine Gesellschaft. Wer eine Gesellschaft zerstören will, sollte in einer Gruppe die Überzeugung verbreiten, dass eine andere Gruppe sie vernichten will. Dann herrschen keine Gesetze, herrscht keine Logik; von da ab regiert die Angst. Das zweite Mittel ist eine Art Überlegenheitsgefühl. Wir Menschen sind bereit,  Armut und Willkür, Unsicherheit und alles mögliche ruhig zu erdulden, solange uns eine Gruppe von Menschen zur Verfügung steht, die wir ohne Gewissensbisse und ohne Angst vor Verantwortung verachten und misshandeln können. Überreden Sie Ihre „Untertanen“, dass sie – aufgrund bloßer Zugehörigkeit zu Ihrer Gruppe – besser sind als die Zugehörigen einer anderen Gruppe, und Sie haben Gefolgsleute, die bereit sind, unglaublich viel zu erdulden. Sehr effizient sind auch die Märchen über die eigene ruhmreiche und große Vergangenheit, die Neid und Wut anderer hervorrufen, die wir aber erneuern werden, sobald wir die Neider besiegen. Und die Neider sind selbstverständlich immer die nächsten Nachbarn. Diese drei Mittel funktionieren, um Gesellschaften zu zerstören, und diese Mittel wurden in Sarajevo beziehungsweise in Bosnien sehr gründlich und sehr systematisch angewandt.

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Wie würden Sie heute Sarajevo beschreiben?

Karahasan Sie bringen mich in die Versuchung nach einer Definition oder einer kurzen Formel zu greifen, um Sarajevo als eine Stadt auf der Suche nach sich selbst zu beschreiben. In den vergangenen 30 Jahren hat Sarajevo so tiefgreifende Veränderungen erlebt, richtige Erdbeben: Die Stadt hat mehr als 100.000 Bürger verloren und über 250.000 neue Bürger bekommen; als eine Industriestadt blieb sie ohne Wirtschaft, denn alle großen und weltweit agierenden Firmen sind aus Sarajevo verschwunden; zum ersten Mal in ihrer Geschichte lebt die Stadt von Touristen; dreieinhalb Jahre war die Stadt „das Zentrum der Welt“, denn täglich berichteten alle Medien aus Sarajevo und über Sarajevo! Nun muss sich die Stadt wieder auf ihre eigene Größe und ihre wahre Bedeutung besinnen ... Sarajevo heute so zu beschreiben, wäre eine blöde Vereinfachung, die aber ein Körnchen Wahrheit in sich trägt. Dem sollte man die Suche nach einer richtigen Balance zwischen dem „Alten“ und dem „Neuen“ in der Stadt hinzufügen: die Wut von uns Alten über zu viele und zu schnelle Veränderungen und die Wut der Jungen über zu wenige und zu langsame Veränderungen. Auf jeden Fall ist Sarajevo heute noch eine spannende, sehenswerte Stadt.

Hegen Sie denn auch die Hoffnung auf eine Rückkehr zu früheren Zeiten, in denen Volksgruppen und Religionen einander weit stärker tolerierten als heute?

Karahasan In den vergangenen zwanzig Jahren musste ich mir das unzählige Male von meinen ehemaligen Mitbürgern anhören, die heute in Parma, Wien oder wo auch immer leben,  dass sich Sarajevo verändert hat, dass es Sarajevo, wie wir es kennen und lieben, nicht mehr gibt, und dass sie nicht bereit seien, nach Sarajevo zurückzukehren. Wenn ich gut gelaunt war, hörte ich mir diese Klagelieder an und versuchte meinen Mitbürgern zu erklären, dass sich alles, was lebt, alltäglich ändert. Die Tatsache, dass sich Sarajevo so tief verändert hat, beweist, dass Sarajevo lebt. Und auch ihre Rückkehr wäre eine Veränderung, allerdings eine willkommene und erwünschte, sagte ich manchmal mit dem Versuch, nett zu sein. Das alles sage ich, weil eine Rückkehr auf das einst Gegebene nicht möglich ist. Ich will aber betonnen, dass Sarajevo heute noch eine Stadt der Toleranz ist, eine Stadt, in der sich keiner über Freundschaft zwischen einem Franziskaner und einem Hafis wundert, eine Stadt, in der viele sehr wohl wissen, dass der Andere unser Vorteil ist. In Sarajevo habe ich die Formel gelernt: „Ich bin ich, weil Du Du bist, und Du bist Du, weil ich ich bin“. Und diese Formel verstehen Leute in Sarajevo auch heute noch.

In vielen Ländern der Erde herrschen Kriege, die oft im Namen der Religion geführt werden. Es scheint, als hätten die Menschen aus der Geschichte, vielleicht aber auch aus ihrem jeweiligen Glauben nichts oder nur das Falsche gelernt?

Karahasan Ein lateinischer Spruch lautet „Vita brevis, ars longa“ –  Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Auf Ihre Frage umgemünzt, würde der Spruch lauten: Die Geschichte ist lang, aber in unserem kurzen Leben erlernen wir viel zu wenig aus dieser langen Geschichte. Oder wir lernen das Falsche, wie Sie sagen. Ein Beispiel dazu: Im Stück „Die Vögel“ von Aristophanes hält der Held des Stückes eine lange Rede an die versammelten Vögel. In der Rede verwendet er alle Mittel, die bis heute tausende Populisten, Faschisten, Volksverführer erfolgreich verwendet haben und heute noch verwenden. Wie ist es möglich, dass die Leute tausendmal, hundertausendmal dieselben Lügen als Wahrheit annehmen? Wenn Geschichte eine Lehrmeisterin des Lebens ist, sind wir ganz offensichtlich schlechte Schüler.

Und welchen Beitrag kann die Literatur zur Verständigung und zum Verstehen leisten?

Karahasan Großen, wirklich sehr großen. Denn gute Literatur lässt keine Vereinfachungen zu, keine Ideologisierung. Literatur ist ein Gespräch und erinnert daran, dass jeder von uns ein Individuum ist. Keine Zugehörigkeit kann mich von meinen menschlichen Schwächen und von meiner menschlichen Verantwortung befreien. Der große mittelalterliche Philosoph Duns Scotus behauptete, dass die Erschaffung eines Menschen mit seiner Individualisierung endet. Daran erinnert Literatur.

Würden Sie Sarajevo im Wandel der Zeiten als ein Sinnbild für die Wechselfälle europäischer Geschichte bezeichnen? 

Karahasan Vielen Dank für die wunderbare Formulierung, dem kann ich nichts hinzufügen. Aber ich kann es mir merken und immer aufs neue  wiederholen, dass Sarajevo „ein Sinnbild für Wechselfälle europäischer Geschichte“ ist.