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Interview: Amy Tan und die Geister in Myanmar

Interview : Amy Tan und die Geister in Myanmar

Berlin (rpo). Bisher drehten sich die Romane der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin Amy Tan ausschließlich um Frauenschicksale und Mutter-Tochter-Beziehungen. Ihr neuestes Werk "Der Geist der Madame Chen" ist anders: Die 54-Jährige erzählt von einer Chinesin, die ihre Freunde nach dem Tod als Geist auf einer Reise durch Myanmar (Burma) begleitet. Im Interview spricht Tan über den Themenwechsel, Einladungen nach Myanmar und den Geist ihrer verstorbenen Großmutter.

Wie kam es zu dem Themenwechsel in Ihrem neuen Roman?
In allen meinen Büchern habe ich aufgeschrieben, wovon ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt besessen war. Bei meinen früheren Werken habe ich jeden Tag über die Beziehung zu meiner Mutter nachgedacht. Meine Erzähler werden immer etwas von meiner Mutter haben. Ich bin fasziniert von der Stimme, die sie hatte. In "Der Geist der Madame Chen" ist die Erzählerin Bibi Chen die Stimme meiner Mutter.

Es geht aber nicht mehr um Mütter und Töchter.
Es geht um eine Frage, die ich mir seit 15 Jahren stelle und die wichtiger wurde, als ich selbst nach Myanmar eingeladen wurde. Wenn man jemanden leiden sieht, was soll man tun? Mit Blick auf Myanmar gab es die Frage, ob ich überhaupt hinfahren sollte. Einige Leute sagten, ich sollte das Land boykottieren, um gegen das Militärregime zu protestieren. Andere sagten, nicht zu fahren würde bedeuten, Myanmar zu vergessen, und niemand würde wissen, wie die Menschen dort leiden. Was ist also das Richtige zu tun?

Ist Ihr jüngstes Werk dann ein politisches Buch?
Es hat mehr mit der menschlichen Natur zu tun. Die Touristen in dem Roman müssen sich der moralischen Frage stellen, warum sie in dem Land sind und wie sie über Hilfe für Myanmar denken. Mit so etwas werde ich immer konfrontiert. Die Leute sagen, weil ich Schriftstellerin sei, müsse ich ein Bewusstsein für alles Mögliche schaffen. Ich soll gegen Menschenrechtsverletzungen in China protestieren und die Regierung anklagen. Früher dachte ich: Ja, das muss ich tun. Später erkannte ich, dass ich damit nicht helfe, sondern nur ein paar Schlagzeilen hätte und es schlimme Konsequenzen für meine Verwandten in China haben könnte.

Warum lassen Sie Ihren neuen Roman in Myanmar spielen?
Weil sich dort mein moralisches Dilemma abspielte. Ich wurde zu einer Kunstreise durch das Land eingeladen und musste entscheiden, ob ich fahre oder nicht. Erst dachte ich: Toll, die Lage im Land muss besser sein, wenn sie solche Touren veranstalten. Aber dann fand ich heraus, es war nicht besser geworden, sondern schlimmer. Einige Leute rieten mir wie gesagt, nicht zu fahren. Andere sagten dann: Du musst fahren und Zeuge von dem werden, was dort passiert. Als ich hörte, dass ausländische Journalisten nicht nach Burma dürften, dachte ich, das sei ein guter Grund, zu fahren.

Ihre Erzählerin Madame Chen ist ein Geist: Glauben Sie an so etwas?
Ich glaube an alle Möglichkeiten. Ich sehe Gründe, an Wiedergeburt zu glauben, an Zufall und Schicksal, an die Wissenschaft. Ich weiß nichts sicher, warum sollte ich etwas ausschließen. Manchmal glaube ich auch an Geister und Übernatürliches. Bei meiner Recherche für Bücher gab es mehrmals unglaubliche Zufälle. Vielleicht hatte ich da Hilfe von meiner verstorbenen Großmutter, die mich auf den richtigen Weg führte. Einmal recherchierte ich eine archäologische Frage und traf am gleichen Tag einen Experten zu dem Thema. Als ich eine Frage zu Erosionen hatte, stieß ich bei einem Abendessen auf einen Professor für Geologie. Bei allen Büchern hatte ich diese Art von Hilfe. Es macht mir Spaß, zu glauben, dass mir jemand ein Geschenk macht.

(afp2)