100 Jahre Jerome David Salinger: „Der Fänger im Roggen“ fängt noch immer die Jugend

100. Geburtstag von Jerome D. Salinger : „Der Fänger im Roggen“ fängt noch immer die Jugend

Vor 100 Jahren wurde der Autor Jerome D. Salinger geboren. Sein Roman „Der Fänger im Roggen“ ist bis heute das Buch der Jugend.

Der Roman wird gerne eine „Bibel der Jugend“ genannt oder das „Manifest einer Generation“. Das aber ist ein großes Missverständnis. Weil der „Fänger im Roggen“ nichts lehrt und nichts lehren will. Holden Caulfield ist auch kein Messias, dem irgendwelche Jünger folgen sollen. Er ist bloß ein 17-Jähriger, der von der Schule fliegt und den das Leben drei Tage durchs vorweihnachtliche, heimatliche New York spült. Es ist kalt in dieser Stadt, das heißt: in dieser Welt, und Holden fragt sich, wer sich bloß um die Enten im Central Park kümmert. Holden spricht mit verrückten Taxifahrern, verabredet sich mit Sally, die von ihm aber nur wissen will, ob er sie an Heiligabend besucht und mit ihr den Weihnachtsbaum schmückt.

Holden treibt sich ein bisschen rum in der unbegreiflichen Stadt, trinkt auch etwas und kauft seiner kleinen Schwester die „Little Shirley Beans“-Platte, die er dann durchs halbe New York schleppt und die schließlich zu Bruch geht. Das ist nicht schrecklich viel an Handlung. Und die „Süddeutsche“ schrieb damals, dass ein üblicher Roman über einem solchen Stoff schlichtweg verhungern würde.

Das droht dem „Fänger im Roggen“ aber nicht, weil es kein „üblicher“ Roman ist, sondern einer der großen Odysseen; und diesmal ist es eine Irrfahrt durch die Welt der Erwachsenen, also jener Menschen, die für Caulfield alles Echte verraten haben, die sich arrangieren und Heuchler geworden sind. Diese Welt lässt sich nicht ändern, man kann sie bestenfalls ertragen. Aber wer will das schon? Holden Caulfield jedenfalls nicht. Kaum ein 17-Jähriger will das.

Und darum ist dieser unruhige Roman – der 1951 in den USA erschien und drei Jahre später erstmals auch bei uns in deutscher Übersetzung – bis heute so aktuell, dass der Neujahrstag auch ein Feiertag in der Literatur ist. Diesmal jährt sich der Geburtstag seines Schöpfers zum 100. Mal, des (gelinde gesagt) höchst eigenwilligen Autors Jerome D. Salinger.

Dazu gehört beispielsweise der 19. Juni 1965, ein Datum, bei dem alle Salinger-Fans schwarz vor Augen wird. Weil an diesem Tag im „New Yorker“ mit der Erzählung „Hapworth 16, 1924“ das letzte Werk von Salinger erscheint. Und danach kommt nichts mehr. Nur 15 Jahre nach dem „Fänger im Roggen“ hatte Salinger beschlossen, der Welt und dem ganzen Literaturbetrieb einfach nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Bereits seit Mitte der 50er Jahre lebte er mit seiner Familie in einer Waldhütte in Cornish, New Hampshire. Ein zwanzig Meter langer und von Hunden bewachter Betontunnel führte zum Haus. Biographien durften nicht erscheinen, Interviews lehnte er allesamt ab, an Lesungen war ohnehin nicht zu denken. Zumindest ein Kinofilm wagte die Annäherung In „Forester – gefunden!“ schlüpfte Sean Connery in die Rolle des genialen Kauzes.

Na ja, ein paar Nachrichten sickerten ab und zu an die Öffentlichkeit; doch schienen die spärlichen Notizen seine Lesergemeinde eher zu quälen als zu nutzen. Er schreibe jeden Tag noch sehr viel, hieß es nämlich. Aber nur für sich, zum eigenen Vergnügen (so seine Botschaft von 1974). Außerdem liege ein „wunderbarer Friede“ über all dem Unveröffentlichten. Wenigstens gab es postum noch eine deutsche Erstübersetzung von drei frühen Salinger-Erzählungen; drei Jahre ist das jetzt her.

Überhaupt die Übersetzungen! Über den frühen Ruhm Salingers auch hierzulande muss man sich eigentlich wundern in Anbetracht erster Übertragungen. Eine stammt von Heinrich Böll, die war solide und überwiegend brav, literarisch und vor allem dem Sprachgebrauch der Zeit geschuldet.

Was aber im „Fänger“ tatsächlich steckt, wurde für deutsche Leser erst vierzig Jahre später deutlich mit der grandiosen Übersetzung von Eike Schönfeld. Was bei Böll noch „komischer Vogel“ heißt, nennt Schönfeld deftig und herzerfrischend „Arschgeige“.

Manchmal wird „Der Fänger im Roggen“ mit Goethes „Werther“ verglichen – vor allem in seiner Wirkungsgeschichte. Denn hochgradig stilbildend waren beide. Während sich zur Goethe-Zeit  junge Männer im blaugelben Werther-Ornat auf die Suche nach einer möglichst unglücklich machenden Liebe begaben, setzten sich im Salinger-Jahrhundert viele Jungen die Baseball-Kappen mit dem Schirm nach hinten auf – so, wie es Holden Caulfield tut.

Beiden Büchern ist auch ihre Romantik gemein, also das hohe Ansinnen, der Welt mit ästhetischer Revolte zu begegnen. Verlockend ist das, aber brenzlig wird es, wenn diese Romantik auch tätig wird, wenn das, was im Kopf gesponnen wird, konkret und Wirklichkeit werden soll. So geriet das Salinger-Buch immer wieder auch in die Hände all der unverstandenen Einzelgänger, wie Marc David Chapman, der John Lennon auf offener Straße erschoss und bei seiner Festnahme im „Fänger“ las. Auf der Polizeiwache soll er dann stammelnd zu Protokoll gegeben haben, von Haulden Caulfield beeinflusst worden zu sein. Auch John Hinkley, der einen Mordanschlag auf Ronald Reagan unternahm, galt als Salinger-Fan.

Bücher sind keine Waffen, aber sie können natürlich immer zu dem werden, was der Leser in ihnen zu erkennen glaubt. Besonders in Romanen, die nichts wirklich mitzuteilen scheinen, sondern die ihre Wirkung und ihre Wirklichkeit dadurch entfalten, wie sie erzählen.

Etwa 70 Millionen Mal wurde „Der Fänger im Roggen“ bisher verkauft. Allein in den Vereinigten Staaten sollen noch heute jedes Jahr etwa 750.000 weitere Exemplare über die Ladentische der Buchhändler gehen.

Die Geschichte des Haulden Caulfield ist also noch lange nicht auserzählt. Weil der 17-Jährige kein Messias ist, sondern nur einer von all den anderen 17-Jährigen, denen die Welt schwer geworden ist, unerklärlich und manchmal unerträglich. Auch darum rumort es in diesem Buch bis heute.

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