1. Kultur

„Brücke und Blauer Reiter" im Von-der-Heydt-Museum

Expressionismus-Schau in Wuppertal : Feier der Formen und Farben

Unter dem lapidaren Titel „Brücke und Blauer Reiter" versammelt das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum hochrangige Bilder zahlreicher Publikumslieblinge.

Nicht nur Helmut Schmidt hatte ein Faible für die Kunst des Expressionismus. Bis heute zählen Kirchner, Marc und Macke zu den beliebtesten Malern und Grafikern. Ihre Bilder füllen Museen ebenso wie Kalenderblätter und begeistern die Betrachter vor allem durch Farbklänge und die Balance zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum hat jetzt 90 Gemälde und 70 Arbeiten auf Papier teils aus eigenem Besitz, teils als Leihgaben zu einer Feier der Formen und Farben arrangiert. Zugleich räumt es im vorzüglichen Katalog mit Irrtümern auf, die sich jahrzehntelang gehalten haben.

Schon der erste der neun Ausstellungsräume gibt Antworten auf die zentrale Frage, was die Hauptströmungen „Brücke" im Norden und „Blauer Reiter" im Süden miteinander verbindet und was sie trennt. Beide Spielarten einer expressiven Malerei gründen sich auf die französischen „Fauves", die Wilden um Henri Matisse. Erich Heckel setzt seinen Brücke-Freund Max Pechstein im Porträt als massiges, auf einem Sessel schlafendes Mannsbild mit stilisiertem Gesicht in Szene, dessen Oberkörper und Füße ein kräftiges dunkles Rot beherrschen. Gabriele Münter dagegen, Mitgründerin der Ausstellungs- und Publikationsgemeinschaft „Der Blaue Reiter" in München und Murnau am Staffelsee, umgibt ihren am Tisch sitzenden Lebensgefährten Kandinsky wie in einer unscharfen Fotografie mit einer Aura des Geistigen. Die Brücke griff gern auf afrikanische, zu Unrecht „primitiv" genannte Motive zurück, der Blaue Reiter schöpfte dagegen aus der Volkskunst der Alpen und Russlands.

  • Der Maler Emil Nolde gilt als
    Straßenumbennung in Mettmann : Bürger kritisieren Kommunikation
  • Joseph Beuys, „In memoriam George Maciunas",
    Fotografien von Ute Klophaus : Zu Beuys gehört Schwarz-Weiß
  • Hans-Heiner Gotzen (l.), Geschäftsführer der Kultur
    Gedenkausstellung zur Ehren des Doverener Expressionisten Will Schwarz : Lebenswerk vom Staub der Geschichte befreit

Nicht immer lassen sich „Brücke" und „Blauer Reiter" so scharf voneinander scheiden. Oft nähern sich die künstlerischen Verfahren einander an, obwohl sie unterschiedlichen Haltungen entspringen: Die Brücke-Künstler in Dresden und am Ende in Berlin bildeten eine auch anderen Künsten aufgeschlossene Gruppe, in der man sich gern inspirieren ließ. Der „Blaue Reiter" war eher ein Beziehungsnetz mit zwei vielbeachteten (deutsch-)russischen Paaren: Münter und Kandinsky sowie Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky.

Die Ausstellung entreißt verdientermaßen die Grafik des Expressionismus ihrem Schattendasein, legt den Schwerpunkt aber verständlicherweise auf die Publikumslieblinge, und das sind nun mal die Gemälde. Recht gut vertreten ist Emil Nolde, vor allem, wenn man bedenkt, dass er der „Brücke“ nur ein Jahr lang angehörte. An Noldes Beispiel lässt sich veranschaulichen, wie wenig sich eine künstlerische an eine politische Haltung binden lässt. Mit seinen wilden Farben und Formen wäre er gern ein Musterkünstler des Dritten Reichs geworden, doch er blitzte ab. Umgekehrt zog der „Blaue Reiter" Franz Marc, Maler sanftmütiger Tierbilder, voller Patriotismus in den Ersten Weltkrieg – und kam darin 36-jährig um.

Im ersten großen Saal der Ausstellung treffen Marc, Macke und Kandinsky zusammen und bieten ein großartiges Spiel zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Von dort fällt der Blick durch den nächsten Raum bereits auf einen weiteren Höhepunkt: Kirchners großformatiges Gemälde „Frauen auf der Straße" von 1915, eines jener Berliner Bilder, auf denen er selbstbewusst trippelnde Prostituierte mit Federhut den verstohlenen Blicken von Freiern mit Hut aussetzt, die einen so bizarr in die Länge gezogen wie die anderen. Andere Glanzlichter sind Kandinskys "Improvisation 33 (Orient I)“ von 1913, Otto Muellers „Adam und Eva" aus demselben Jahr, August Mackes bezauberndes „Mädchen mit Fischglas" von 1914 – und immer wieder Kirchner und Kandinsky.

„Brücke und Blauer Reiter" ist die erste Ausstellung, die Roland Mönig als neuer Direktor des Von-der-Heydt-Museums kuratiert hat. Wer über Jahrzehnte an die Handschrift seines Vorgängers Gerhard Finckh gewöhnt war, wird sich wundern. Statt den Bildern zwischendurch fotografische, filmische und akustische Dokumentationen beizugeben, die die Entstehungszeit verlebendigen, reiht Mönig Bild an Bild an Bild, oft mit ähnlichen Motiven und vom selben Künstler. Lebhafter wird es erst im angehängten zehnten Saal. Er belegt anhand von Werken aus eigenem Bestand, wie es nach dem Expressionismus weiterging; zum Beispiel mit George Mathieus riesigem, schreiendem Gemälde „Der Brand von Rom" von 1954. So expressiv haben die Künstler des Expressionismus nicht gemalt. Selbst über den farbkräftigsten Bildern liegt oft ein Hauch von Innerlichkeit – berührend.