"1984" als Rockmusical: Böse neue Welt

"1984" als Rockmusical: Böse neue Welt

Im Düsseldorfer Schauspielhaus entsteht Orwells "1984" als Rockmusical mit aufrüttelnden Einsprengseln.

Die Welt ist düster, laut, vergittert, undurchschaubar. Sie dreht sich. Selbstverständlich. Alles Leben kann in einem schwarzen Loch verschwinden. "Vaporisiert" werden, was Verdampfen bedeutet und in Neusprech soviel heißt wie Töten. Dazu gibt es dröhnende Beats, Gewitter von Rockmusik, live gespielt von einer links und rechts am Bühnenrand aufgebauten Band. Extra komponierte Songs und Balladen, edel vorgetragen. Gute Texte, berührend-schön.

Wo sind wir hier bloß gelandet? Im Jahr "1984" sicher nicht. Der weltberühmte Romantitel ist nur die Folie, auf der der Albtraum vom Sieg des maschinengenerierten Algorithmus über den Menschen angesiedelt ist. Also werden wir vielleicht zurückgebeamt ins Jahr 1948, dem Jahr, in dem der Roman entstand? Auch nicht. Selbst zu heute, 2018, fehlt Assoziationsmaterial.

Die Zeitachse heißt Fiktion. Die Requisiten entspringen mehr einem Fantasymärchen als der Realität. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen aufgehoben. Die Fertigstellung des visionären Meisterwerkes durch George Orwell liegt 70 Jahre zurück - ein Stück von beklemmender Allgemeingültigkeit. Unglaublich, dass Orwell damals schon vorausschauen konnte, was Big Data einmal Verheerendes mit den Menschen veranstalten würde. Der Brite hat Big Brother erfunden, den Herrscher über Gedanken und Träume, den selbsterklärten Gott im totalitären Kontrollstaat mit Gedankenpolizei, die das Ich nicht nur im Satzbau eliminieren lässt.

Dank Donald Trump ist der anspruchsvolle Kultschinken der 68er Jahre im vorigen Jahr wieder zum Weltbestseller geworden. Mehrere deutsche Theater spielen eine dramatisierte Version, manche haben Comedy-Elemente eingebaut. Düsseldorf betreibt seine eigene Fortschreibung der Dinge mit einer musikalisch-ernsten Neufassung von Armin Petras, der selbst Regie führt.

Mehr als drei Stunden nimmt Petras' Inszenierung die Aufmerksamkeit des Publikums gefangen, dabei bleibt im ersten Teil vieles zu lang, auch unverständlich. Wer das Stück nicht gelesen hat, kann die Vorgänge um die Hauptpersonen Winston und Julia kaum enträtseln, außer dass sich die beiden verlieben, was in Orwells Staat verboten ist. Warum es kein Vertrauen unter Menschen gibt. Und wie der Teleschirm in Hirn und Herzen der Menschen dringt. Dass nur wahr sein kann, was wahr sein darf? Trotzdem erleben diese Zuschauer - darunter viele junge - zumindest eine perfekte Show, ein Rockmusical mit Riesensounds und fantastischen Musikern, allen voran Superstar Christian Friedel, der dirigiert, singt und als erzählender Big Brother von Anfang bis Ende aktiv ist.

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In Teil eins des Abends fehlt das Subtile, das Böse, das Hinterhältige. Trotz der gefühlten tausend Phon. Aber die Liebe nimmt in exzentrisch choreographierten Vorspielen ihren freiheitlichen Lauf - auch dank der artistisch-gelenkig-verspielt anmutigen Darbietung von Lea Ruckpaul als Julia. Vereinzelt laufen Premieren-Zuschauer zur Halbzeit davon. Doch nach der Pause meint man, in einer anderen Inszenierung zu sein. Jetzt wird "1984" deutlich, drastisch, körperlich erlebbar, menschlich und unmenschlich zugleich, kaltherzig, brutal und appellativ. Mit extremen Aktionen greift die Regie in den Moment des aktuellen Erlebens eines jeden Zuschauers ein. Noch singt Frau Parsons (Cathleen Baumann) offen vom Frust über diese Welt. Dann stürmen Big Brother und Parteibonze O'Brien die Reihen im gleißenden Scheinwerferlicht. O'Brien wirft den Düsseldorfern vor, dass sie alle nur Angst hätten, die Ruinen ihres Lebens zu verlassen, dass niemand, außer den Jungen, heute mehr wisse, wie Leben geht. "Hast du Angst?" brüllt der Schauspieler Wolfgang Michalek einzelne Zuschauer an, dabei betastet er frech ihren Kopf. Hinter diesem zudringlichen Furioso vernimmt man den Autor Petras.

Derselbe wahrhaftige Schauspieler ist es, der später die brutale Folterszene mit Winston zelebriert. Jetzt sind die Regieanweisungen subtil, fast unerträglich ist das Ergebnis. Viel Blut, handgreifliche Schauspielkunst von Michalek und Robert Kuchenbuch, der sich als misshandelter Winston wie Schlachtvieh windet. Die Folter stellt sich in der negativen Denkwelt als Erfolg heraus. Petras schreibt daraufhin sein eigenes Ende auf.

Die Liebe erhebt er über alles, romantisierend, fast träumerisch bringt er Julia und Winston wieder zusammen - anders als bei Orwell. Berührende Momente sind das. So zerbrochen wie Winston ist, muss Julia ihn jetzt mal auf dem Rücken tragen. Aus dem einst heiteren Spiel sind Empathie und Hilfsbereitschaft erwachsen. Wenn auch in der bösen neuen Welt Maschinen die Menschheit regieren können, so bleibt die Liebe frei. "Open my doors for you" heißt der Appell in einem der Songs. Vom Moment des ersten Sehens schwärmt die Band unplugged - jetzt auf der Bühne.

Mut muss man Petras bescheinigen für diese Rock-Musical-Version von Orwells "1984". Er unterlässt es nicht, den Albtraum der Datenüberwachung zu intonieren, und beschwört zugleich die Kraft der Liebe. Romantisches Spiel im albtraumhaften Kontext. Am Ende gibt es erleichterten langen Applaus.

(RP)