Bochum: Bochum zeigt Falladas "Kleiner Mann, was nun?"

Bochum : Bochum zeigt Falladas "Kleiner Mann, was nun?"

Die Musik spielt auf, Lämmchen und Pinneberg drehen sich im Walzerkreis, fröhlich und unbeschwert. Bis sie diesen Satz spricht, der von nun an wie ein Damoklesschwert über dem jungen Glück hängt: "Ich bin im zweiten Monat schwanger." David Bösch hat am Schauspielhaus Bochum Hans Falladas Krisenroman "Kleiner Mann, was nun?" auf die Bühne gebracht. Anselm Webers leitender Regisseur nimmt damit den Stoff auf, mit dem Peter Zadek 1972 in Bochum antrat und radikal mit den Theatertraditionen brach. Auch nach 40 Jahren erinnert man sich hier lebhaft an dessen revuehafte Inszenierung, die irre Party mit 25 Schauspielern gilt als legendär. Böschs Version wird diesen Status wohl nicht erlangen.

Für 2012, das vierte Jahr nach der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, hat er die Geschichte um den sozialen Abstieg eines Paars in der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre solide, aber leidenschaftslos inszeniert. Nur vier Darsteller versuchen, die große Bühne zu füllen. Maja Beckmann gibt ein liebes Lämmchen und Raiko Küster einen bemühten und seine Verzweiflung mit Fassung tragenden Pinneberg. Ihr Ringen um Liebe in schweren Zeiten vermag immer wieder kurz zu berühren. Die riesige Kugel aus Hausrat in Thomas Ruperts Bühnenbild beginnt dann tröstlich zu leuchten wie ein Honeymoon oder Rummelplatz. Und Theatermusiker Karsten Riedel, der derzeit von Wien bis Hamburg gebucht wird, singt dazu vom Band fast so schön wie Rio Reiser. Wie schon in Hauptmanns "Ratten" bemüht David Bösch sich nicht, eine benennbare soziale Wirklichkeit zu zeigen. Das Paar ist ganz in seiner Zeit, wenn es diskutiert, ob der 50-Mark-Schein angebrochen werden darf oder das teure Ei in den Bratkartoffeln zum Zerwürfnis führt.

Umgeben ist es allerdings von anachronistischen Freaks. Henriette Thimig taumelt ab und an als dauerberauschte Mutter Pinneberg durchs Bild, und Nicola Mastroberardino gibt den Jachmann als Kindskopf und den Vorgesetzten aus der Herrenbekleidungsabteilung wie eine schrille Karikatur auf heutige Business-Typen: Jedes zweite Wort ist englisch, vor allem, wenn es keinen Sinn ergibt. Eine denkwürdige Übertragung des alten Krisenszenarios auf das neue findet jedoch nicht statt, die politische Dimension ist komplett gestrichen. Was bleibt, ist zu wenig.

(RP)
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