Bochum Schauspielhaus feiert 100-Jähriges mit einem Liederabend

Schauspielhaus : Bochum, wie es singt und lacht

„O Augenblick“, 100 Jahre Theater-Geschichte erklingen als grandioser Liederabend.

Von 100 Jahren Theatergeschichte in einem einzigen Liederabend zu erzählen ist eine ähnlich dankbare Aufgabe wie ein Best-of-Album zusammenzustellen. Irgendwem wird immer ganz besonders Essentielles fehlen. Man merkt dem Abend „O Augenblick“, der 100 Jahre Schauspielhaus Bochum Revue passieren lässt, an, dass sich Regisseur Tobias Staab und der musikalische Leiter Torsten Kindermann von jeglichem Erwartungsdruck befreit haben.

Über ihren Blick auf die Intendanzen von Saladin Schmitt bis Leander Haußmann (die jüngere Theater-Geschichte des neuen Jahrtausends kommt nicht vor, weil man noch zu nah dran sei) erzählen sie auch viel vom neuen Geist der aktuellen Intendanz Johan Simons, der das legendäre Theaterhaus an der Bochumer Königsallee erst seit knapp vier Monaten mit neuem Leben füllt.

Obwohl mit Johan Simons wieder ein weißer Mann in der Leitungsposition sitzt und obwohl auch Regisseur Tobias Staab aus seinem Dramaturgie-Team ein solcher ist, wird die Kritik an dieser Form der Kultur-Hegemonie in Bochum jetzt groß geschrieben.

So sind es erstmal nur Frauen mit offensichtlich vielfältigen kulturellen Hintergründen, die die offene Bühne bevölkern. Sie bilden eine Touristengruppe aus der Zukunft, die auf die alten Mauern des Schauspielhauses stößt wie auf das Kolosseum in Rom. Über Spielszenen, Videos und Musik der großartigen, vierköpfigen Live-Band stürzen sie sich in die ersten 81 Jahre des 1919 gegründeten Theaters.

Tobias Staab erzählt vom 30 Jahre waltenden Saladin Schmitt stichwortartig, von der Nazi-Zeit, die er überdauert hat, als brutalem Exzess, einer Art Zombie-Apokalypse. Hans Schalla wird kurz als Meister der leeren Bühne abgehandelt. Mit Peter Zadek, an dessen schillernde Jahre von 1972 bis 1979 sich noch viele im Publikum erinnern können, füllt sich die Bühne mit Farbe und Form: mit der großen Showtreppe und Peer Rabens Musik zur legendären „Kleiner Mann, was nun?“–Revue.

Margarida Neto singt David Bowies „Starman“ und schiebt eine brasilianische Strophe aus der genialen Coverversion von Seu Jorge ein – so wie sich hier überhaupt selbstverständlich Sprachen mischen und zum Beispiel Netos Version von Zadek nur Englisch spricht, weil dem Mann von Welt Bochum doch eigentlich viel zu provinziell war.

Jing Xiang hat eine tolle Szene, wenn sie die Wölbung des speziellen Bochumer Feuerschutzvorhangs inspiziert und vor Lust zu zerbersten scheint. Und wie Mercy Dorcas Otieno und Romy Vreden Claus Peymann und sein Fräulein Schneider in Thomas Bernhards Dramolett über Peymanns Wechsel von Bochum nach Wien geben, ist schlicht großartig.

Dabei gelingt das Kunststück, Geschichte zwar zu erzählen wie sie für gewöhnlich erzählt wird – aus Sicht der Mächtigen –, aber gleichzeitig die Kritik daran mitzutransportieren: Man hätte diesen Abend auch von den Schauspielern her denken können, oder den Bühnenbildnern, den Technikern und Ton-Assistenten. Vielleicht in hundert Jahren dann.

Info Eintrittskarten zu „O Augenblick“ unter der Rufnummer 0234 33335555

Mehr von RP ONLINE