Blinde Visionärin

Blinde Visionärin

Vor 17 Jahren reiste Sabriye Tenberken alleine nach Tibet, um eine Blindenschule zu gründen. Sie kann nicht sehen, doch aufhalten lässt sie sich davon nicht. Das lehrt sie nun auch andere - in ihrer Traumwerkstatt in Indien.

Einer dieser goldenen Spätsommermorgen: Es dampft aus den Feldern. Die Sonne steht tief über der Landstraße, die sich durch die Dörfer hinter Bonn schlängelt. Erdspuren schwerer Traktorreifen verkrusten den Asphalt. In einem Örtchen nahe Swisttal ist Sabriye Tenberken aufgewachsen. Und sie hätte dort bleiben können, in satter, sauberer Umgebung, in der das Leben einfach zu sein scheint. Behütet. Auch, wenn man nicht sehen kann.

Doch Tenberken wollte raus ins Leben, in die unbekannte Welt. Sie wollte erfahren, was sie nicht sehen kann, wollte in fremde Länder reisen, unbekannten Menschen begegnen, sich nur nicht aufhalten lassen. Bloß das nicht. Sie lacht, als sie das erzählt, und schlägt sacht auf die Tischplatte. Kein Pardon. Sie ist keine Daheimbleiberin. Dafür ist ihr das Leben zu schade.

Allerdings suchte sie sich für ihren Aufbruch gleich ein ziemlich entlegenes Ziel: Tibet, das Hochland in Zentralasien, das Dach der Welt. Ermutigt von ihren Lehrern begann sie schon in der Schule Tibetisch zu lernen, reiste zu jeder Ausstellung, die sich mit dem Land befasste. Und weil es für die Schriftzeichen keine Braille-Übersetzungen gab, benutzte sie einen Apparat, der die Zeichen durch elektrische Impulse auf ihre Fingerspitze übertrug. Unglaublich schwierig, auf diese Weise eine Fremdsprache zu lernen. Doch Tenberken dachte nicht ans Aufgeben. "Hindernisse haben mir nie den Mut genommen", sagt sie, "sie haben mich eher gelehrt, neu zu denken, eigene Wege zu finden, das war schon immer so."

Tenberken war zwölf, als sie das Augenlicht verlor. Eine Netzhauterkrankung, die sich nicht aufhalten ließ. Doch das mit dem Augenlicht ist eigentlich eine irreführende Formulierung. "Ich lebe nicht im Dunkeln", sagt Tenberken, "das ist so eine Angstvorstellung der Sehenden. Mein Kopf ist voller Bilder, Farben, ich sehe alles wie in einem inneren Film." Und so entstand in ihrem Kopf auch diese Vorstellung von Tibet. Sie hatte gelesen, dass es dort keine Blindenschulen gibt. Dass blinde Kinder dort oft von ihren Familien verstoßen und aus dem Dorf gejagt werden, weil die Menschen glauben, Blindheit sei eine Strafe für Vergehen in früheren Leben. Diesen Kindern wollte sie helfen, wollte etwas von der eigenen Bildung an sie weitergeben. Sie hatte in Bonn Tibetologie studiert, hatte dafür eigens ein vollständiges Blindenschriftsystem entwickelt. Tenberken reiste also los, um den blinden Kindern in Tibet eine Schrift zu bringen. Und die Lebensfreude einer Blinden, die ihr Schicksal nicht für eine Strafe hält.

Hadern - natürlich kennt Tenberken das . "Wenn mir der Schlüssel in den Matsch fällt und niemand in der Nähe ist, dann ist das schlecht", sagt sie. "Natürlich hatte ich eine Phase, in der ich gefragt habe: Warum ich? Warum geschieht das mir? Aber man hat dann zwei Möglichkeiten: Rückzug oder sehen, was sich aus den eigenen Möglichkeiten machen lässt."

Und dabei setzt sich Tenberken keine Grenzen. "Warum sollten Blinde nur Lehrer oder Anwälte werden, warum nicht Entwicklungshelfer?", fragt sie. "Als blinder Mensch habe ich ja spezielle Erfahrungen gemacht, die ich weitergeben kann." In Tibet dauerte es jedenfalls nur eineinhalb Wochen, da hatte sie die erste Klasse ihrer Blindenschule beisammen. Natürlich begannen die wahren Probleme erst dann: Misstrauen, Korruption, Vereinnahmung, das alles hat sie erlebt. "Wir haben bei unserer Arbeit Jahre verloren, weil wir dachten, dass man Menschen, die etwas Gutes bewirken wollen, auch freundlich begegnen wird", sagt Paul Kronenberg, "da haben wir bittere Lektionen lernen müssen." In einem Hostel für Rucksacktouristen hat der Niederländer Sabriye Tenberken kennengelernt. Zufällig. Sie kamen ins Gespräch und entdeckten bald Gemeinsamkeiten. Auch Kronenberg hat in seinem Leben mal vor der Wahl gestanden: Rückzug ins Selbstmitleid oder Aufbruch ins Leben. Als Jugendlicher hatte er eine große Wunde auf dem Rücken. Die Haut schloss sich einfach nicht. Der Teenager wollte unentdeckt bleiben, trug dunkle T-Shirts, damit niemand das Blut sah, kapselte sich ab. Natürlich ahnten die anderen etwas, und Mitschüler sind gnadenlos. "Irgendwann bin ich denen, die mich gepiesackt haben, mit der Wahrheit entgegengetreten, von da an waren sie still", erzählt er.

Auch Kronenberg zog es in die Welt. Er studierte Ingenieurswesen und brach immer wieder zu großen Reisen auf. Ein Jahr nach der kurzen Begegnung in Tibet rief Tenberken ihn an und fragte, ob er bereit wäre, mit ihr die Blindenschule zu führen. "Da hab ich kurz geschwiegen, dann habe ich ja gesagt, habe gekündigt, bin aufgebrochen", sagt Kronenberg. Das war vor 17 Jahren.

Inzwischen hat das Paar die Blindenschule in Lhasa an Einheimische übergeben. Der Lehrplan hat sich bewährt. Schüler aus dem ganzen Land kommen für zwei Jahre in das Internat, lernen Chinesisch, Englisch und Tibetisch, die entsprechenden Braille-Systeme und Techniken, die ihnen helfen, selbstständig zu leben und mobil zu sein. So gerüstet kehren sie in ihre Dörfer und an ihre Schulen zurück. "Sie haben dann einen Tauschwert", sagt Kronenberg, "sie können dann einen Kameraden bitten: Schreib' mir das mal von der Tafel ab, dafür bring' ich dir Englisch bei."

Und noch etwas lernen die blinden Kinder in Lhasa: träumen. Im Internat werden sie nach ihren Zukunftsplänen gefragt - und selbst utopische Ideen werden ernstgenommen. "Ein Junge nannte als seinen Traum: Taxifahrer werden", erzählt Kronenberg, "da haben wir nicht gleich gesagt, dass er dumm ist. Er hat seine Fähigkeiten erprobt und zwei Jahre später hatte er selbst begriffen, dass er nicht Taxifahrer werden kann - dass er aber ein Taxiunternehmen gründen könnte. Heute handelt er mit Ersatzteilen für Motorräder."

Viele Menschen haben verlernt zu träumen, davon sind Tenberken und Kronenberg überzeugt. "Es heißt ja immer gleich, das ist nicht realistisch, wach auf!", sagt Tenberken. Darum haben sie und ihr Lebensgefährte einen zweiten Aufbruch gewagt und sind nach Indien gegangen. In Kerala haben sie eine Traumwerkstatt gegründet: Auf einem kleinen Campus entwickeln junge Menschen vorwiegend aus Afrika und Asien Projekte, mit denen die soziale Wirklichkeit in ihren Heimatländern verändert werden könnte. Alle Stipendiaten haben traumatische Erfahrungen gemacht, aber nicht aufgegeben, sondern aus ihrem Schicksal Projektideen entwickelt.

Menschen wie Stephen aus Kenia, der seinen Bruder und seine Schwägerin an Aids verloren hat und deren Kinder adoptierte. Er verkaufte drei Kühe für den Flug in die Traumwerkstatt nach Indien. Nach der Rückkehr gründete er in seiner Heimat eine Schule für Aids-Waisen. Die Idee hatte er in Kerala entwickelt. Und während des einjährigen Studienaufenthalts lernte er zunächst in Rollenspielen, später durch Mitarbeit in realen Projekten, wie ein Traum in widrigem Umfeld Wirklichkeit werden kann.

"Gerade jetzt wird in Europa so viel über Flüchtlinge diskutiert", sagt Kronenberg, "das wichtigste ist, Menschen vor Ort zu ermutigen, ihre Wirklichkeit zu verändern, damit Flucht erst gar nicht nötig wird." 25 Stipendiaten pro Jahr lernen bei "Kanthari", wie sie Entwicklungsprojekte professionell entwickeln, finanzieren, leiten. Ermöglicht wird ihr Studienjahr durch Spendengelder. Die Anreisekosten müssen sie selbst tragen, das ist der Beweis für ihre Motivation. 117 junge Leute aus 37 Ländern haben Tenberken und ihre Mitarbeiter inzwischen ausgebildet, 70 Projekte weltweit sind entstanden. "Es ist so viel möglich, obwohl die Bedingungen in so vielen Ländern miserabel sind", sagt Sabriye Tenberken. "Wir haben beide immer wieder Zeiten erlebt, in denen wir alles hinschmeißen und nach Hause zurückkehren wollten - aber zum Glück hatten wir diesen Impuls nie am selben Tag", sagt Kronenberg.

Die beiden haben sich vor langer Zeit entschieden, ihre Energie nicht mit Bedenken zu verschwenden, sondern auf das Mögliche zu bauen. Und dann haben sie begonnen, ihren Traum in Wirklichkeit zu wandeln. Es ist ein großer, ein vermessener: die Veränderung der Welt.

(dok)