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"Bilder deiner großen Liebe" von Wolfgang Herrndorf

"Bilder deiner großen Liebe" : Der letzte Roman von Wolfgang Herrndorf kommt in den Handel

"Bilder deiner großen Liebe", heißt der unvollendet gebliebene Roman des vor einem Jahr gestorbenen Bestsellerautors. Am Freitag kommt die Road-Novel in den Buchhandel. Herrndorf wollte das Skript ursprünglich vernichten lassen.

Eigentlich war das Schicksal dieses Buches längst besiegelt. Denn noch wenige Wochen vor seinem Selbstmord hatte Wolfgang Herrndorf kategorisch festgelegt: "Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben."

Das ist ein Testament der vollständigen literarischen Auslöschung. Eine Exit-Strategie, wie sie für den 48-jährigen, unheilbar an Krebs erkrankten Bestsellerautor stets wichtig gewesen ist. Darum hat er sehr genau über seinen Selbstmord nachgedacht, über seinen Traum, das Leben vielleicht doch noch in einem Moment der Euphorie verlassen zu können. Voraussetzung dafür war, "dass zwischen Entschluss und Ausführung nicht mehr als eine Zehntelsekunde liegen dürfe. Schon eine Handgranate wäre nicht gegangen. Die Angst vor den drei Sekunden Verzögerung hätte mich umgebracht."

Wolfgang Herrndorf änderte in den letzten Tagen seines Lebens im intensiven Gespräch mit seiner Frau und seinen Wegbegleitern Marcus Gärtner und Kathrin Passig die Meinung. Jetzt wollte er unbedingt eine Veröffentlichung - aber immer noch nicht als Fragment. Weil er selbst längst zu schwach war, um am Roman weiterzuarbeiten, bat er seine Freunde, die Lücken zu schließen und ein Ende zu schreiben. Die weigerten sich allesamt. Eine Woche vor seinem Tod willigte er dann ein, das Fragment zu veröffentlichen, bat um ein Nachwort - ohne jeden "Germanistenscheiß" - und legte den Titel fest: "Bilder deiner großen Liebe".

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"Bilder deiner großen Liebe" ist die Fortsetzung von "Tschick"

Dieser unvollendete Roman erscheint am 26. September, und er wird eins der ungewöhnlichsten Bücher dieses Jahres sein. Eine Road-Novel ist es, wie schon "Tschick" von 2010, dieser unglaubliche Ausreißerroman, der sich über zwei Millionen Mal verkaufte und dessen Theater-Adaption auf deutschen Bühnen zuletzt erfolgreicher war als die Stücke Goethes und Schillers. Und ganz am Schluss knüpft "Bilder deiner großen Liebe" sogar an "Tschick" an und entpuppt sich als dessen Fortsetzung - diesmal aus der Sicht der Isa Schmidt geschrieben. Das Mädchen hatten die zwei Helden Maik und Tschick damals auf einem Müllberg kennengelernt; sie haben sie in ihrem alten Lada ein Stück mitgenommen, haben mit ihr Brombeeren gegessen und sich von ihr zeigen lassen, wie man Sprit aus fremden Autos klaut. Schließlich war ihnen Isa aber zu unheimlich und auch zu "asi".

"Bilder deiner großen Liebe" erzählt nun den Lebensweg des wilden Mädchens, das aus einem Heim flieht, auf einer traumverlorenen und geografisch kaum zu bestimmenden Reise unter anderem einem anzüglichen Lkw-Fahrer, einem fürsorglichen Binnenschiffer, einem Schriftsteller und einem toten Jäger begegnet. Fast ein Märchen ist es, durch das Isa mal naiv, mal weise stolpert; unverbildet, ohne Arg, eine Art Naturkind. Auch darum geht sie wohl barfuß durch dieses Leben. Goethes Mignon taucht als Schatten hinter diesem jungen Mädchen auf. Doch möchte man für Herrndorf lieber keine Vergleiche aus der Klassik nötig haben. Dafür ist das Werk des Berliner Autors viel zu selbständig und das Wesen der jungen Isa zu einzig - dieser Fee der Gegenwart, die keinen Märchenwald, sondern nur noch Müllberge und die Schatten der Existenz kennt: "Ich komme aus der Scheiße, und in die Scheiße gehe ich irgendwann auch wieder." Doch als sich das Mädchen nachts über den schlafenden Maik beugt, seine Hände über Stirn, Schläfen und die geschlossenen Augen hält, da durchweht für ein paar Zeilen doch noch ein romantischer Zauber das Fragment. "Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da."

Vielleicht sträubte sich Herrndorf auch deshalb bis zuletzt gegen ein Fragment: Weil alle Figuren selbst schon gebrochen und voller Risse sind, wollte er sie einbetten in ein geschlossenes und durchgestaltetes Werk. Zwar gibt es das Fragment als literarische Gattung schon seit der Romantik; und ihr Emblem ist der unvollendete Roman "Heinrich von Ofterdingen" von Novalis geworden. Doch das Fragmentarische als moderne Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit hat Herrndorf in seine Figuren verlegt. Sie sind es, die die Brüche des Lebens erleiden, nicht der Roman.

Und wie kalt sind die letzten Sätze von "Bilder deiner großen Liebe", bei denen man beim besten Willen das Schicksal seines Autors nicht ausblenden kann. Als Isa, das Kind und Mädchen, am Ende von ihrer Halbschwester verstoßen wird, scheint ihr der Boden unter den Füßen zu schwinden. "Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt . . . Ich bin dieselbe. Ich bin das Kind." Und zum Beweis ergreift sie eine Pistole, schießt senkrecht in die Luft und beobachtet dann, wie das Projektil nach schneller Himmelsreise wieder zu fallen beginnt, millimetergenau zurück in den Lauf der Waffe.

Wolfgang Herrndorf hat sich in den Abendstunden des 26. August 2013 am Ufer des Berliner Hohenzollernkanals erschossen. Die Rettung, die es für ihn nicht gab, schenkte er am Ende seiner Romanheldin.

(RP)