1. Kultur

Bestsellerautor Paolo Giordano über Corona

Einsichten aus der Quarantäne : „Pandemie bleibt keine Episode“

Der italienische Bestsellerautor Paolo Giordano veröffentlicht Gedanken zu Corona.

Für manche ist Schreiben gerade eine Möglichkeit, der Ungewissheit Kontur zu geben – und den eigenen Gedanken zur Pandemie Gewicht. Zu diesen Menschen zählt der italienische Physiker und Schriftsteller Paolo Giordano. Er hat mit „Die Einsamkeit der Primzahlen“ einen Besteller geschrieben über zwei jugendliche Außenseiter, die Schicksalsschläge früh in die Isolation getrieben haben. Nun denkt er in einem Essay, der unter dem Titel „In Zeiten der Ansteckung“ erschienen ist, über seine Erfahrungen mit Corona nach. Er tut das mit der Klarheit eines geschulten Mathematikers und kommt zu überraschenden Überlegungen wie der, dass es in der Mathematik nicht wirklich um Zahlen gehe, sondern um Beziehungen. Und dass auch in der Pandemie zwar täglich neue Zahlen von Infizierten, Erkrankten, Toten veröffentlicht werden, diese aber eigentlich für etwas Anderes stünden, nämlich für Beziehungen, die durch Tod, Angst und Isolation bedroht sind.

Wie in seiner Literatur verbindet Giordano naturwissenschaftliche Überlegungen mit den sensiblen Reflexionen eines Menschen, der in Italien die drastischen Auswirkungen der Pandemie am eigenen Leib erfährt. Sein Essay stammt aus den ersten Wochen der Covid-19-Ausbreitung in Italien, trotzdem sind die Gedanken des Schrifstellers nicht bereits veraltet, denn es geht ihm um Erkenntnisse, die bleiben könnten. Etwa, dass ein Teil der Angst vor der Pandemie darauf beruht, dass Menschen fürchten, das Gerüst der Zivilisation könne sich als wackeliges Kartenhaus entpuppen. Oder dass fehlende Solidarität bei manchen Menschen oft in ihrem mangelnden Vorstellungsvermögen begründet liegt. Sie sehe nicht, dass ihr subjektives Verhalten mit dem Schicksal fremder Menschen in der Nachbarschaft, im Land, in Europa, in der Welt aufs Engste verknüpft ist.

Manchmal gibt sich Giordano auch naiv. Dann schreibt er, dass er die widersprüchlichen Aussagen von Virologen und Experten oft beobachtet wie ein Kind den Streit der Eltern, nämlich von unten her. Oder er gibt zu, dass ihm das Verständnis für die globalen Zusammenhänge fehlt etwa zwischen dem Konsumverhalten und der wachsenden Gefahr, Viren von Tieren auf Menschen zu übertragen. Und vielleicht sollten das viel mehr Menschen tun, ihre Verunsicherung zugeben, ihre Ängste benennen, um ihnen gegenüber treten zu können.

Giordano kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass die Pandemie keine Episode ist, keine Interimsphase, aus der man sich nur schleunigst fortwünschen sollte. Er sieht in diesen Wochen eine Zeit, die viel über das Menschsein enthüllt und jedem Einzelnen vor Augen führt, wer er ist. Eine Zeit also, über die es lohnt zu schreiben.

Paolo Giordano: „In Zeiten der Ansteckung“. Rowohlt Verlag, 80 Seiten, acht Euro