Bernsteins Partituren im Internet

Bernsteins Partituren im Internet

Die New Yorker Philharmoniker haben ihr Archiv aus Zeit von 1943 bis 1970 mit Noten, Programmheften, interner Korrespondenz öffentlich gemacht. Musikfreunde werden vor allem von vielen Partituren überwältigt, in die berühmte Dirigenten ihre Eintragungen gemacht haben.

New York Bevor uns das Wikileaks-Portal zuvorkommt und der Welt nachweist, dass Leonard Bernstein am Abend des 27. November 1965 im New Yorker Lincoln Center die große 9. Symphonie D-Dur von Gustav Mahler mit geradezu maßloser Emphase dirigierte, führen wir diesen Nachweis lieber selbst. Die Emphase des Dirigenten können wir sogar sehen – blau auf weiß, unwiderlegbar deutlich, farbmalstifthaft drängend. Häufig lesen wir handschriftlich den Vermerk "Avanti" (auf dass der Drive nicht abebbt). Über Taktgruppen wölben sich Linien und markieren die innere Spannung des Zusammenhangs. Am Ende ermahnt sich der Dirigent sogar persönlich: "Have the courage to remain in 8" (Hab den Mut und dirigiere weiter in Achtelnoten). Diese Einträge erreichen den Rang eines Eroberungsprotokolls – sie ergeben zugleich eine persönliche Bedienungsanleitung.

Wir sehen all diese persönlichen Details im Internet, auf der neuen Archiv-Seite der New Yorker Philharmoniker – die Partitur Mahlers mit Bernsteins eigenen Einträgen, Kritzeleien, Verdeutlichungen, Erinnerungen, kleinen und großen Verkehrsschildern. Dass Bernstein die Verbreiterung des Tempos niemals mochte, verdeutlichen handschriftliche Zusätze wie "non rit." (non ritardando = nicht langsamer werden). Köstlich, dass auch ein Genie wie Bernstein optische Ausrufezeichen benötigte. Sie regulieren zum einen knifflige Einsätze (stets fasst sie ein Haken unübersehbar ein); zum anderen ordnen sie die Tempo- und Dynamikverhältnisse. Zu Herzen geht es dem Leser, dass Lennie einige Mahler-typische Anweisungen wie "fließend" oder "Strenges Zeitmaß" auf Deutsch, nicht in Englisch in die Partitur geschrieben hat. Bernstein und Mahler – zwei große jüdische Musiker, verbunden im Geiste.

Die Partitur als Gebrauchsgegenstand, nicht als Schatz für den Tresor – so wird man das digitale Erscheinen dieser raren Schwarte im Internet preisen dürfen. Dort ist es Teil eines enzyklopädischen Unternehmens: Die New Yorker Philharmoniker sind also dabei, ihr gesamtes Archiv online zu stellen. Dort kann man zahllose Dokumente abrufen, was das Orchester damals spielte, wie Konferenzen abliefen oder wie Bernstein seine Jahresprogramme zusammenstellte. Natürlich kann man zeitgleich mit dem Lesen der Partitur auch Bernsteins Live-Aufnahme jenes 27. November 1965 hören. Als simultanes Erlebnis für Freaks ist das unübertrefflich: Sie sehen, was der Komponist wollte; sie lesen, was dem Dirigenten wichtig erschien und was er konkretisierte, sie hören, was im tönenden Endergebnis daraus wurde. Und alles im selben Moment.

Aufgeteilt ist die Internet-Seite http://archives.nyphil.org, die von der Leon Levy Foundation unterstützt wird und Dokumente aus der Zeit von 1943 bis 1970 allmählich der Öffentlichkeit im Web zugänglich macht, nach den Sektionen Programmhefte (3227 verschiedene Exemplare), Bilder (4216), Partituren (1365) und Geschäftsdokumente (328). Für Musikfreunde sind vor allem die Partituren ein unschätzbarer Gewinn, die nach mehreren Doktorarbeiten schreien, zumal etliche Bernstein-Ausgaben darunter sind. Nicht immer finden wir heftige Kolorierungen: Bei Bachs Brandenburgischen Konzerten ist Lennie spartanisch, da muss nichts gedeutet, wenig gestaltet werden. Stand ein Tempo einmal fest, sollte es sich nicht mehr verändern.

Lustiges geschieht, wenn eine Partitur von mehreren Dirigenten benutzt wurde, so Beethovens 3. Leonoren-Ouvertüre durch Arturo Toscanini und Leonard Bernstein. Toscanini wollte es an einer Stelle sehr laut haben und schrieb mit roter Farbe "FF" (für Fortissimo) rein. Bernstein las dies etliche Jahre später und notierte mit Blau in die Noten, mit Pfeil auf Toscaninis "FF" verweisend: "Toscanini's trade-mark" (Toscaninis Markenzeichen). Man lacht sich über diesen Moment des Witzes, den niemand außer Lennie selbst mitbekam, fast schlapp.

Die Programmhefte blättert man ebenfalls mit wachsendem Amüsement durch – über die Werbung für Mode auf der Fifth Avenue, Zigarettenmarken ("The favorite cigarette with men in the Navy, Coast Guard, Army, and Marine is Camel"). Weißweine, Whisky-Sorten und Reiseziele (Camp Milford in Kent/Connecticut). Da das amerikanische Musikleben vor allem von Sponsoren lebt, sind die Mäzene stets auf einer eigenen Seite gelistet. Aber immer sehr weit hinten.

Spannend ist natürlich auch, was das Orchester wann spielte. Insgesamt bietet es einen breiten symphonischen Querschnitt, bei dem die amerikanische Moderne nicht fehlen durfte. Zwei Tage vor Kriegsende, am 6. Mai 1945, erklangen unter Bruno Walter noch Auszüge aus Hector Berlioz' "Fausts Verdammnis", einige Tage später war schon – als Symbol der Befreiung – Ludwig van Beethovens 3. Leonoren-Ouvertüre angesetzt. Das konnte kein Zufall sein.

Die Geschäftsdokumente sind ebenfalls kein öder Buchstabensalat. Hier erfährt der Betrachter, welche Prinzipien Bernstein schon früh für die Bereiche Jugend und Education hatte, wie straff er seine Prioritäten durchsetzte. Wer heutzutage von Erziehung im Konzertsaal redet, kommt an diesen Aufzeichnungen nicht vorbei. Das wird auch Wikileaks so sehen.

(RP)
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