Berlinale 2018 - "Las herederas" aus Paraguay schafft es in den Wettbewerb

Berlin: Berlinale sucht Profil

Gefälliges neben Kunstfilmen, in denen Heidegger zitiert oder vier Stunden gesungen wird - der Wettbewerb verrät keine Handschrift. Viele vermissen die auch für das Festival insgesamt - und fordern Transparenz bei der Suche nach einem neuen Berlinale-Chef.

Das Tafelsilber ist gezählt. Chela muss es verkaufen; dazu die Anrichte, den wuchtigen Esstisch, die Kristallgläser aus ihrem Elternhaus. Wie genau Chela und ihre mondäne Freundin Chiquita das Erbe durchgebracht haben, erzählt Regisseur Marcelo Martinessi in "Las herederas" nicht. Ist auch egal. Die lesbischen Frauen aus der Oberschicht Paraguays stehen noch vor anderen Härten: Chiquita muss ins Gefängnis. Ihre Freundin verfällt nun jedoch nicht in Depressionen, sondern beginnt, in ihrem Mercedes Nachbarinnen zu kutschieren. Gegen Geld. Das ist erniedrigend - und eine Befreiung für Chela.

Der erste Film aus Paraguay, der es je in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat, erzählt still und würdevoll vom Erwachen einer Frau in ihrem letzten Lebensdrittel und wie nebenher auch vom Zerfall einer Klassengesellschaft. Weil in diesem Film fast nur ältere Frauen mitspielen, die nicht mehr schön, aber erfahren und sinnlich sind, könnte "Las herederas" morgen Abend zu den Siegerfilmen gehören, wenn die 68. Berlinale mit der Vergabe der Bären zu Ende geht. Im Jahr der Me-Too-Debatte wurde bei diesem Festival nicht nur über sexuelle Belästigung beim Film gesprochen, sondern auch über die Darstellung von Frauen im Film. "Las herederas" zeigt, wie ergiebig Geschichten von Frauen sind, die nicht mehr den Besetzungsklischees entsprechen. Und dass auch Männer solche Geschichten erzählen können.

Vielleicht wird aber auch ein Filmemacher ausgezeichnet, der souverän die Erzählformen des Kinos weiterentwickelt, um zeitlos vom aktuellen Thema Flucht zu erzählen. Christian Petzold hat sicher Chancen für "Transit" mindestens einen Regie-Bären zu bekommen. Philip Grönings "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" dagegen erzählt in wunderschönen Bildern von Sommer, Pubertät und der inzestuösen Energie zwischen Zwillingen, die am Badesee über Heidegger reden. Doch dann passiert plötzlich noch viel mehr, das sich kaum erschließt.

Kontrovers wäre die Entscheidung für "Utoya", denn der Film über den Anschlag eines Rechtsradikalen auf ein Jugend-Zeltlager auf der norwegischen Insel sorgte für die intensivste Zuschauererfahrung dieses Wettbewerbs. Allerdings ist die Frage berechtigt, warum eine reale Hölle im Kino nachgezeichnet werden sollte. Vielleicht kommt darum Hauptdarstellerin Andrea Berntzen zum Zug. Und auf Männerseite womöglich ein US-Star? Jedenfalls spielt Joaquin Phoenix für Gus Van Sant überzeugend einen querschnittgelähmten Cartoonisten, der seine Alkoholsucht bekämpft. Und obwohl das nach zu viel Schicksal klingt, war das der heiterste Film im Wettbewerb.

Die 68. Berlinale war jedoch nicht nur das erste Festival seit Me-Too, sie stand auch im Zeichen einer Debatte über die künftige Ausrichtung des Filmfests. Weil der Vertrag von Festival-Chef Dieter Kosslick nächstes Jahr ausläuft, hoffen viele, dass ein Nachfolger berufen wird, der das ausufernde Programm mit diesmal 400 Filmen durch ein engmaschigeres Qualitätssieb presst und das Profil des Wettbewerbs schärft.

Tatsächlich gab es wieder einige Beiträge wie den lakonischen Western "Damsel" von den Brüdern David und Nathan Zellner, die Geschichte der Edelprostituierten "Eva" mit Isabelle Huppert oder den Stalker-Thriller "Unsane" von Steven Soderbergh, die zwar Stars nach Berlin brachten, aber ästhetisch nichts Neues zu bieten hatten.

Auch der alte Anspruch der Berlinale, ein politisches Festival zu sein, wurde nur in wenigen Filmen eingelöst. Etwa im russischen Beitrag "Dovlatov", der ein kritisches Sittengemälde der 1970er Jahre zeichnet. Oder im vierstündigen Epos "In Zeiten des Teufels" von Lav Diaz. Darin erzählt der philippinische Regisseur von den Gräueln, die lokale Milizen zur Zeit der Marcos-Diktatur anrichteten. Der Film ist in Schwarz-weiß gedreht, es gibt keine Musik, dafür werden die Dialoge gesungen. Das ist quälend anzusehen, steht also nicht im Verdacht, je ein Kassenhit zu werden. Und so wird dieser Film als heißer Bären-Favorit gehandelt. Die Jury unter Tom Tykwer würde mit dieser Wahl jedenfalls beweisen, dass es im Wettbewerb nicht um Kommerz geht.

Das steckt indes eigentlich hinter der großen Debatte um Kosslicks Nachfolge: die Frage, wie kommerziell große Filmfestivals heute sein müssen und wie klar erkennbar ihre künstlerische Handschrift. Ein offener Brief von Filmschaffenden und Kritikern im Vorfeld des Festivals hatte diese Frage aufgeworfen und von der zuständigen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gefordert, offen über die Neubesetzung der Berlinalespitze zu diskutieren. Grütters lud daraufhin Vertreter der Filmszene zum Gespräch, beließ es aber bisher dabei. Gerade Filmschaffende fürchten dass eine allein von Kulturpolitikern getroffene Entscheidung dazu führt, dass die Berlinale als riesiges Publikumsspektakel mit fragwürdigen Reihen wie dem "kulinarischen Kino" fortgeführt wird, ohne künstlerische Risiken einzugehen und stärkere Akzente zu setzen.

Dabei könnten gerade die hohen Verkaufszahlen bei der Berlinale Rückendeckung geben für eine stärkere Profilierung dieses Festivals. Wer zur Berlinale geht, freut sich auf Entdeckungen und nimmt Überforderung in Kauf. Und das in der trubeligen Atmosphäre einer von Cineasten überspülten Stadt. Wer das miterlebt weiß: Anspruch und Zuspruch durch das Publikum müssen keine Gegensätze sein.

(dok)