Berlinale 2018 - Eröffnung mit "Isle of Dogs" und #MeToo

Berlin: Berlinale zwischen Kunst und #MeToo

Mit Wes Andersons Animationsfilm "Isle of Dogs" hat das Festival engagiert begonnen. Diskutiert wird über #MeToo und die Berlinale-Zukunft.

Ein Auftakt mit Biss ist der 68. Berlinale gelungen. Zur Eröffnung ließ Regisseur Wes Anderson in seinem Animationsfilm "Isle of Dogs" die Hunde los. Der Amerikaner erzählt in seinem Werk, wie in Japan unter den Tieren eine Grippeseuche ausbricht und die Regierung das nutzt, um alle Hunde auf eine trostlose Müllinsel zu verbannen. Krepieren sollen sie dort oder sich gegenseitig zerfleischen. Doch die Hunde sind vernünftiger und folgen anderen Instinkten, ein kleiner Junge und eine Bande Schülerzeitungsredakteure kommen ihnen zu Hilfe, und so beginnt der lange Kampf der verbannten Tiere und der hellsichtigen Kinder gegen die organisierte Tierquälerei.

Das hat den typischen Wes-Anderson-Humor - eine ungewöhnliche Mischung aus Sarkasmus und Wärme und gespielter Naivität. Denn natürlich ist dieser Animationsfilm weit entfernt von all den kuscheligen Hundeabenteuern aus dem alten Disney-Kosmos. Bei Anderson sind die Hunde nicht süß, sondern Charaktere. Der Regisseur nutzt die Tierwelt, um von Domestizierung und Rebellentum zu erzählen, von Loyalität und Verrat. Und um mit dem Blick der Hunde auf die Menschen zu erkennen, wie ein mächtiger Staatenlenker die Öffentlichkeit manipuliert, bis eine aufgewiegelte Mehrheit den grauenhaften Umgang mit den einstmals besten Freunden gutheißt.

Natürlich ist das ein Auftakt wie gemacht für die Berlinale, die ja immer darauf pocht, ein unterhaltsames, aber auch ein politisches Festival zu sein. Brachte Wes Anderson doch ein ganzes Rudel Hollywood-Schauspieler mit auf den roten Teppich, Stars wie Greta Gerwig, die bald einen Oscar gewinnen könnte, Bill Murray oder Jeff Goldblum, die den verbannten Hunden ihre Stimme liehen. Und zugleich ist Andersons Animation eine engagierte Parabel in scheinbar glatt gezeichneten Bildern, die von der Manipulierbarkeit der Menschen auch innerhalb von Demokratien erzählt. Und von der Macht der Außenseiter, die sich nicht einschüchtern lassen. Obwohl der Film trotz seiner vielen Anspielungen auf die japanische Hochkultur und der fein gezeichneten Hundetypen ein paar Längen hat, ist die politische Aufladung des Genres Animationsfilms ein spannendes Projekt.

Allerdings ist gerade zu Beginn des Filmfests in Berlin nur wenig von Filmkunst und Ästhetik die Rede. Zwei Themen überlagern das Kunstereignis: die Frage, wie Berlin in den nächsten Tagen mit der #MeToo-Debatte umgehen wird und die Diskussion über die Zukunft des Festivals, wenn Berlinale-Chef Dieter Kosslick im nächsten Jahr abtritt.

Und so wird auch der deutsche Regisseur Tom Tykwer, der in diesem Jahr der Wettbewerbs-Jury vorsitzt, beim ersten öffentlichen Auftritt sogleich nach #MeToo gefragt. Dabei war Tykwer sichtlich um gute Laune bemüht und beschwor die Berlinale als Fest der Cineasten. Aber dann soll er doch sagen, ob durch einige Podiumsdiskussionen und die Einrichtung einer Hotline für Betroffene angemessen auf #MeToo reagiert werde. "Das Thema wird bei der Berlinale weder künstlich befeuert noch unterbunden", so Tykwer, Es sei gut, dass sich die Diskussion langsam von den Einzelfällen abwende. In Wahrheit gehe es schließlich um Arbeitsethik und Machtmissbrauch, also um konkrete Strukturen in der Branche.

Berlinale-Chef Kosslick war zuvor für seinen Umgang mit der Debatte kritisiert worden. Unter anderem, weil das Festival einen Film des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki-duk zeigt, gegen den eine Schauspielerin Vorwürfe wegen demütigenden Verhaltens erhebt. Die Erklärung der Berlinale, man habe den Fall anders eingeschätzt, wirkte etwas dünn. Zumal Kosslick bei seiner letzten Pressekonferenz vor der Berlinale betont hatte, wie wichtig Fragen von Gleichberechtigung und dem Umgang mit Frauen in der Filmbranche für das Festival seien. Kosslick dürfte sich den Endspurt seiner Zeit als Festivalchef insgesamt entspannter vorgestellt haben. Doch 90 Filmschaffende hatten vor einigen Wochen einen offenen Brief unterzeichnet, in dem ein transparenter Prozess für die Nachfolgesuche und eine Entschlackung des in zahlreiche Nebenreihen diffundierenden Festivalprogramms gefordert wird. Die Nachfolgesuche, die von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) verantwortet wird, geht inzwischen zwar in Hinterzimmern weiter wie zuvor. Die Frage nach der künftigen Programmgestaltung hat sich jedoch in eine Abrechnung mit dem amtierenden Berlinale-Chef verwandelt. Auch in diesem Jahr ist das Programm mit 385 Filmen schier unüberschaubar. Und so reißt die Kritik an Kosslick und der mangelnden ästhetischen Profilierung der Berlinale nicht ab.

Auch Tom Tykwer wurde auf den offenen Brief angesprochen, obwohl er selbst ihn nicht unterzeichnet hat. Der Jury-Präsident betonte, dass es in dem Brief nicht darum gegangen sei, Kosslick anzugreifen, sondern eine produktive Debatte über die Zukunft des Festivals zu führen. Ähnlich hatten sich auch schon Kollegen geäußert, etwa Christian Petzold, der den Brief unterzeichnet hatte, aber selbst im Wettbewerb vertreten ist. "Wir alle lieben die Berlinale", sagte Tykwer. Gerade darum sei es so wichtig, dass "mit Ernsthaftigkeit und Intelligenz" über die Zukunft diskutiert werde.

Monika Grütters setzte zum Auftakt der Berlinale aber erst einmal in Sachen #MeToo ein Zeichen. Die Bundeskulturministerin kündigte an, die deutsche Film- und Fernsehbranche bei der Gründung einer Beschwerdestelle gegen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe mit 100.000 Euro zu unterstützen. Einen schwarzen Teppich, wie von manchen gefordert, gab es also gestern bei der Berlinale nicht. Das Thema aber war allgegenwärtig.

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(dok)
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