Berlin: Erinnerungen an Heiner Müller

Berliner Ensemble erinnert an Heiner Müller : Furiose Farce über Dramatiker Heiner Müller

Im Berliner Ensemble erinnert Fritz Kater alias Armin Petras an Heiner Müller.

Heiner Müller war kein Menschenfreund und erst recht kein Marxist, der an die Morgenröte der Freiheit glaubte. Geschichte war für ihn eine unendliche Abfolge von Krisen: „Ohne Katastrophen“, sagte Müller einmal, gebe es „keine Entwicklung“. Die Schlacht von Stalingrad wurde für den Theatermann zur Obsession. Sie sei das „Fegefeuer des Kapitalismus“. Und „Auschwitz“, so seine niederschmetternde Einsicht, „eine Metapher für das Jahrhundert, vielleicht auch noch für das kommende, denn es geht um Selektion, für alle reicht es nicht mehr, alle können nicht überleben, also muss selektiert werden.“ Mit solchen Aussagen hat sich Müller nicht gerade beliebt gemacht. Autor Fritz Kater, hinter dem Pseudonym verbirgt sich Regisseur Armin Petras, zitiert solche und ähnliche Müller-Sentenzen in seinem neuen Stück. Es trägt den Titel „heiner 1-4“ und ist alles andere als eine freundliche Hommage an den Theaterberserker, der 1995 starb und in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte. Wo sonst als im Berliner Ensemble, das Müller nach der Wende leitete und wo bis heute noch seine legendäre „Arturo Ui“-Inszenierung in einer Endlosschleife gespielt wird, könnte die Uraufführung der ironisch-kritischen Kater-Verstimmung stattfinden? Fünf Schauspieler (Bardo Böhlefeld, Felix Rech, Veit Schubert, Kathrin Wehlisch, Carina Zichner) suchen unter Anleitung von Regisseur Lars-Ole Walburg den noch immer durch die olle Brecht-Behausung und die deutsche Theatergeschichte geisternden Müller. Weil alle als Müller-Widergänger erscheinen tragen sie (meistens) schwarze Kleidung, paffen Zigarren und trinken Whisky, manchmal heften sie sich Flügel an den Rücken, denn „wenn nichts mehr weitergeht“, so Müllers Maxime, „braucht man auf der Bühne einen Engel“. Wie ein Engel schwebt auch Kater/Petras durch Müllers Werk und Leben. Vor allem interessiert er sich für die letzten Jahre des Dichters, dem nach dem Mauerfall der Feind abhanden kam und der von einer lähmenden Schreibblockade heimgesucht wurde. Dafür ereilte ihn aber noch einmal privates Glück, er lernte die junge Brigitte Maria Mayer kennen und wurde mit 63 noch einmal Vater.

Die Darsteller schauen in das von Mayer 2005 veröffentlichte Fotoalbum („Der Tod ist ein Irrtum“) und kommentieren was sie dort sehen: einen alten Mann in Bademantel, der, bevor der Krebstod ihn ereilt, noch einmal aufblüht. Diese intimen Einblicke collagieren sie mit Müllers schwer verdaulicher Katastrophen-Philosophie. Um nicht vollends zu verzweifeln, retten sich die Akteure in eine furiose Farce, bolzen eine bizarre Slapsticknummer aufs Parkett und blödeln hinreißend über unwissende Intendanten, lustlose Regisseure, eingebildete Schauspieler und nervende Kritiker. Ein kesses Zwischenspiel, bevor uns eine mehrstimmige Text-Collage auf ein Floß setzt und wir mit dem untoten Dichter über die Spree hinaus ins Offene gleiten, etwas bedröppelt das Theater verlassen und denken: Man müsste doch mal wieder Müller lesen. Im Original.

Info Berliner Ensemble, Aufführungen am 2., 3., 16., 17. Februar; Karten unter Telefon 030 28408155.

Mehr von RP ONLINE