1. Kultur

Bei Singer Pur swingt jeder gerne mit

Bei Singer Pur swingt jeder gerne mit

Sie werden immer kleiner, immer weniger an Zahl, dafür aber auch immer sportlicher.

Früher besaßen Chöre locker über 100 Sänger, wirkten wie eine Wand aus Kleidern, Anzügen und Krawatten, die aber ungeheuren Klang abstrahlte. Wohin dieses Volumen führen konnte, erlebte man vor Wochen in Duisburg, als Mahlers Achte mit einem Chor in vierstelliger Besetzungsstärke die Kraftzentrale im Landschaftspark mit dem robustesten Stimmband aller Zeiten beschallte.

Solche Chöre sind längst nostalgisch inszenierte Ausnahmen, überall erlebt man ihr Schrumpfen. Kirchenchöre leiden seit vielen Jahren unter massiver Personalnot, fehlende Tenöre werden nicht selten von Tenoretten (Altistinnen mit karitativer Neigung) ersetzt. Die historische Aufführungspraxis hat dann den großen Chören zumal auf dem CD-Sektor den Rest gegeben – in Erinnerung historischer Modelle wurden Chöre immer kleiner, beweglicher, handverlesener. Sie waren keine Mauer mehr, sie sangen vielmehr so artistisch, dass sie drüberhüpfen konnten. Schöner und intensiver wird es dadurch oft, doch nicht immer. Ein Brahms- oder Verdi-Requiem und Carl Orffs "Carmina burana" verlangen weiterhin nach opulenter CinemaScope-Schlagkraft. Labiler sind die Cori piccoli ohnedies: Wenn da mal einer krank wird, muss manchmal die ganze Aufführung abgesagt werden.

Seit 18 Jahren zeigt uns das Ensemble Singer Pur, wohin diese Tendenz zur Vereinzelung von Stimmen gehen kann. Die Sopranistin mit ihren fünf männlichen Kollegen (ehemaligen Regensburger Domspatzen) sind sozusagen die deutsche Antwort auf die britischen King's Singers, die nun schon seit vielen Jahrzehnten im Dienst Ihrer Majestät das vokalsolistische Fach definieren. Singer Pur ist soeben volljährig geworden, hat bereits zwei Mal den begehrten Echo Klassik gewonnen und bringt eine famose CD nach der anderen in die Läden.

Ihre Weihnachts-CD "Drei Schiffe sah ich segeln gen Bethlehem" feierte im Vorjahr allenthalben Verkaufsrekorde und dürfte viele hiesige Musikfreunde animiert haben, am 2. Weihnachtstag in den Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal zu rutschen. Das Ensemble selbst hing zur Hälfte im Frankfurter Hauptbahnhof fest und reiste auf den letzten Drücker mit dem Taxi an.

Atemlos und außer Puste war dann gar nichts, im Gegenteil: Mit unendlichen Reserven und juwelenhafter Intonation bewegten sich die sechs Stimmen durch ein zauberhaftes Piano-Land, in dem sich das Hören ins Horchen und Lauschen verwandelte. Das Jesuskind schlief oder swingte fidel mit, während das Sextett vom Dornwald in die Krippe gelangte. Im zweiten Teil steuerte dieser gemischte Sechser ohne Steuermann durch weltliche Gewässer, sang auf Englisch und Chinesisch, klopfte beim Altmeister Hans Leo Hassler an, begegnete dem "Englishman in New York" und wärmte mit einem Bolero aus Sevilla, um die Hörer final mit daunenweichem "Lullaby" von Billy Joel in den Schlaf zu schicken.

Uns war das Staunen vorbehalten: über den kostbar schimmernden Sopran von Claudia Reinhard (die auch das Programm moderierte), über die drei unterschiedlich timbrierten Tenöre Klaus Wenk, Markus Zapp und Manuel Warwitz bis zu Bariton Reiner Schneider-Waterberg und Bassist Marcus Schmidl, der auch das eine oder andere treffliche Arrangement beisteuert. In der Summe klang das überhaupt nicht männerlastig, sondern edel durchwirkt, exzellent gestaffelt; jeder konnte sich solistisch hören lassen – und wie!

Riesiger Beifall.

(Rheinische Post)