Essen: Begegnung mit dem Bösen – dem Mephisto der Gegenwart

Essen : Begegnung mit dem Bösen – dem Mephisto der Gegenwart

Heute hat Goethes "Faust" am Essener Grillo Premiere. Das Theater zeigt Teil I und II, stark gekürzt, an einem Abend.

Das Böse hat seine Gestalt verloren in der heutigen Zeit. Es ist diffundiert in die Verhältnisse, die Wirtschaftskrisen hervorbringen und Hartz IV-Empfänger und Jugendliche, die ihre Chance nicht sehen. Wie kann da einer noch den Mephisto geben, den stinkenden Teufel, diabolischen Verführer, das personifizierte Böse? Stefan Diekmann lächelt. "Das Böse unserer Tage ist Zynismus", sagt er, "ein Egoismus, der über Leichen geht. Goethe sagt es selbst: Ich bin der Geist, der stets verneint." Diekmann zögert kurz, dann sagt er noch, dass der Mensch ja einsehen müsse, dass er altert, stirbt, dass seine Lieben zerbrechen. Wenn er beschließe, dass dann eh alles egal sei, alle Moral überflüssig, Hauptsache ihm selbst gehe es gut, dann komme das Böse ins Spiel.

Stefan Diekmann ist Mephisto – der schlaue Verderber, sarkastischer Materialist, Gottes übler Gegenspieler. Das Essener Grillo-Theater bringt Goethes "Faust" – Teil I und II – an einem Abend auf die Bühne, das große Grüblerdrama also, das Lieblingsstück des deutschen Bildungsbürgertums. Regisseur Christoph Roos hat das Stück mit harten Schnitten gerafft auf einen Drei- Stunden-Abend, in dem Faust als gespaltene Persönlichkeit auftritt, als ein Mann mit vielen Seelen, den erst der Pakt mit dem Teufel von der manischen Selbstreflexion erlöst.

Im Jahr 2013 ist dieser Teufel kein hinkendes Fantasiewesen, auch kein böser Harlekin, der den Faust wortwendig umschmeichelt. In Essen tritt ein lässiger Mephisto auf, ein ironischer, abgeklärter, selbstbewusster, blitzschneller Über-allem-Steher im schmal geschnittenen Designeranzug. Ein Gewinnertyp, smart, fit, abgebrüht, der diesem schwerfälligen Faust in allem voraus ist – schlauer, schneller, erfolgreicher als der altmodische Denker aus der Studierstube.

Leicht und spielerisch versuche er diese Rolle anzugehen, erzählt Stefan Diekmann. Mephisto sei schließlich die einzige Figur im Stück, die kein Gewissen habe, die sich also nicht mit sich selbst beschäftige, der es wurscht sei, wie sie auf andere wirke. Uneitel will er den Mephisto darum spielen, nicht als edlen Verführer, sondern als Trickser, als Außenseiter ohne Skrupel.

Dieser Ansatz unterscheidet ihn vom Über-Mephisto der Theatergeschichte, von Gustaf Gründgens, der bis heute jedem Schauspieler im Nacken sitzt, der sich an den Mephisto wagt. Gründgens ist es gelungen, einer großen Rolle sein Gesicht zu geben, weiß geschminkt, mit roten Lippen, das Böse hinter circensischer Maske. "Jeder, der Mephisto kennt, kennt Gründgens in dieser Rolle", sagt Diekmann, "er hat mit dieser Figur also eine Erwartungshaltung geschaffen, mit der wir spielen können." Diekmann hat sich für die Unterwanderung durch Witz, auch eine gewisse Schnoddrigkeit entschieden. Mephisto ist bei ihm keine souveräne, eitle Figur, die sich in Pose wirft als unwiderstehlicher Verführer. "Goethe hat mit Mephisto ja eher jemanden geschaffen, der alles Hohe, Erhabene, Heilige entlarven und zerstören will", sagt Diekmann.

So ist in Essen ein recht karger "Faust" von heute zu erleben. Gespielt wird auf abstrakter Bühne mit torfigem Grund, der gekippt werden kann, bis die Figuren ins Rutschen geraten und aus Gretchen ein gefallenes Mädchen wird. Der gigantische zweite Teil der Tragödie ist zurechtgeschnitten auf ein Kapitalistendrama. Miniaturwohnblocks werden auf die Bühne geschleppt, Großinvestor Faust und sein teuflischer Berater sind die überlebensgroßen Ausbeuter, die auf klapprige Bewohner wie Philemon und Baucis keine Rücksicht nehmen können. Weil Faust anfangs durch gleich fünf Darsteller gespielt wird, Anteile seiner Seele, die bei Roos Körper bekommen, gibt es einen starken Männerüberhang in dieser Inszenierung. Mephisto setzt die Regeln für ein Jungsspiel, in dem erst Gretchen, dann die Welt vor die Hunde geht. Keine besonders raffinierte Deutung, aber eine aus unserer Zeit.

(RP)
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