Beethoven-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn

Ausstellung in Bonn : Beethoven menschlich gesehen

Die Geburtstagsschau für den Komponisten in der Bundeskunsthalle räumt mit Mythen auf. Und wird dann doch noch weihevoll.

Nur wenige Quadratzentimeter ist das wohl kleinste Exponat der Beethoven-Schau in der Bundeskunsthalle groß: Da schrieb der inzwischen in Wien lebende 24-jährige Ludwig van Beethoven an seinen Bonner Freund Heinrich von Struve ein paar Zeilen: „Wann wird der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird, wir werden wohl diesen glücklichen Zeitpunkt nur an einigen Orten herannahen sehen, da werden wohl Jahrzehnte vorbeigehen...“ Für die Kuratorinnen von „Beethoven. Welt. Bürger. Musik“, Julia Ronge von Beethoven-Haus und Agnieszka Lulinska von der Bundeskunsthalle, ist dieses erst 2012 entdeckte Dokument ein Beweisstück in einer langen Indizienkette: Beethoven hat sich schon sehr früh mit dem Inhalt und dem humanistischen Geist von Schillers „Ode an die Freude“ beschäftigt, die schließlich in die triumphale, ans Herz gehende 9. Sinfonie mündete. Das ist einer der Stränge in der exzellenten Beethoven-Ausstellung, mit der die Bundeskunsthalle ins Jubeljahr 2020 einsteigt.

Es ist ein wunderbares Panorama auf vielen Ebenen, das dem Musikprofi mit einer großen Anzahl originaler Partituren Anregungen gibt, den Laien zum Beispiel erklärt, wie zu Beethovens Zeit ein Orchester zusammengesetzt war – eine imposante Reihe historischer Instrumente steht aufgereiht da –, Kindern sehr gut aufbereitetes Wissensfutter gibt und unzählige inklusive Angebote präsentiert. So macht man populäre Ausstellungen.

Den Kuratorinnen gelingt es, Beethovens Biografie mit den politischen Zeitläuften, mit der Werkentwicklung zusammenzubringen, dabei etwa die unterschiedlichen Mentalitäten in Bonn und Wien herauszuarbeiten und nicht zuletzt das rein Menschliche des ewig kränkelnden Titanen zu beleuchten. Und nebenher den einen oder anderen Mythos abzuräumen.

In fünf Kapiteln arbeitet sich die farblich ansprechend und mit einer tollen Ausstellungsarchitektur ausgestattete Schau durch Beethovens Leben und Werk. Beleuchtet werden die Bonner Jahre von 1770 bis 1792, die ersten Schritte ins Musikerleben, eingebettet in die aufgeräumte Residenzstadt. Immerhin 50 Jugendwerke entstanden am Rhein. Zu jedem Kapitel gibt es exzellent ausgesuchte Hörbeispiele, die ausführlich erklärt werden.

Mit „Wien – Neue Horizonte“ geht es 1793 bis 1801 weiter (in der Hörbar Details aus der 1. Sinfonie, dirigiert von Paavo Järvi, „Die Geschöpfe des Prometheus“ und ein Satz aus dem c-Moll-Trio).

Das Kapitel „Wege zum Erfolg 1802-1812“ wird durch ein großes Reiterbild Napoleons eröffnet, der dieses Epoche und auch Beethoven selbst prägte wie kein anderer. Die Zusammenhänge der „Eroica“ mit Bonaparte werden hier ebenso behandelt wie die Gräuel, die die napoleonischen Truppen anrichteten – Goyas Radierungszyklus „Los desastres de la guerra“ dokumentiert mit erschreckender Aktualität, was Kriege bis heute anrichten. Am 6. und 10. Oktober 1802 verfasst Beethoven sein „Heiligenstädter Testament“, diesen ergreifenden Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Johann, in dem er seine Verzweiflung über die fortschreitende Ertaubung und den nahe geglaubten Tod ausdrückte. Darin die Zeilen: „O ihr Menschen, die ihr mich feindseelig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir.“ Gegenüber sieht man Beethovens Hörrohre und an der Wand die bestürzende Krankenakte, die von Typhus und Kopfweh, bis zu Rheuma, Lungenbeschwerden, Magenweh, Gelbsucht, Gicht und Koliken reicht.

Wie konnte dieser Mann so ergreifend komponieren? Die Hörstation dieses Kapitels bietet das Quartett „Mir ist so wunderbar“ aus dem Fidelio, „Marcia Funebre“ aus der Eroica (von Leonard Bernstein dirigiert) und einen Teil der Egmont-Ouverture, eingespielt vom Bonner Beethoven-Orchester.

„Ruhm und sein Preis“ ist das folgende, von 1813 bis 1818 reichende Kapitel überschrieben, in dem man Takte aus „Wellingtons Sieg“ und den vierten Satz der Hammerklaviersonate (gespielt von Andras Schiff) hört. Der von Josef Maria Auchentaller für das Wiener Musikzimmer der Familie Scheid fast schon jugendstilig gemalte Zyklus feiert Beethovens Sechste, die „Pastorale“, in herrlichen Farben.

„Beethoven – grenzüberschreitend“ ist das letzte Kapitel überschrieben (1819 bis 1827): Die herannahende Apotheose des völlig ertaubten Meisters vollzieht sich im Einklang mit seinen gewaltigen, monumentalen Schöpfungen, die Neunte und die Missa Solemnis. Dann eine große Überraschung: Die Kopie des berühmten Beethovenfrieses, den Gustav Klimt 1902 für die Wiener Sezession schuf, füllt einen Raum mit dem Thema: Richard Wagners Interpretation der Neunten Sinfonie Beethovens. Nur noch zu toppen durch die schneeweiße 3D-Reprodukltion von Max Klingers grübelndem Beethoven-Monument. Ein Werk des Österreichers Oliver Laric Ganz großes Kino, große Emotion.

Mit reichlich Pathos endet ein Parcours, der eigentlich den Titanen Beethoven auf einer allgemein menschlichen Ebene ansiedeln wollte. Insgesamt aber ein guter Einstieg ins Beethovenjahr.