1. Kultur

Beatles-Musical Let It Be in Köln und Düsseldorf

Musical „Let It Be“ : Die Beatles sind wiedervereint

Die sehenswerte Bühnen-Produktion „Let It Be“ tut so, als wären die Fab Four 1980 noch einmal zusammengekommen. Imagine!

Das wird bestimmt nix, denkt man, bevor die Show beginnt. Vier hergelaufene Hanseln stellen die Beatles nach, die größte Band aller Zeiten, und sie sind auch noch so vermessen und singen selbst: Grusel! Aber dann findet man sich im berühmten Empire Theatre in Liverpool wieder, der Wiege des Pop sozusagen, und obwohl erst Lied eins gespielt wird, sitzt man nicht mehr, sondern steht, weil nämlich alle stehen, und man singt „She Loves You“ mit, weil man vom Nebenmann mit dem Ellenbogen in die Seite gestupst wird, wenn man nicht mitsingt. Und natürlich ist da total viel Projektion und Wunscherfüllungswille mit im Spiel, aber in diesem Augenblick fühlt es sich an, als stünden da vorne echt die Beatles.

„Let It Be“ heißt die Inszenierung, die in den Stahlbädern Broadway und West End unter den Augen von rund zwei Millionen Menschen gehärtet wurde und nun runderneuert in Liverpool ihre Europa-Tournee beginnt. In zwei Stunden erlebt man fünf verschiedene Live-Sets der Beatles, und obwohl die Musiker das großartig machen, ist das Hauptereignis doch das Publikum. Liverpool gilt für alle Beatles-Produktionen gewissermaßen als TÜV: If you can make it there, you’ll make it everywhere. In der Heimatstadt der Beatles schauen sie argwöhnisch auf jene, die die Marke Beatles für ihre Zwecke benutzen. „Let It Be“ indes nicken sie rasch ab, mehr noch: Die Leute klatschen, rufen und geben Sonderapplaus, wenn der Ringo-Darsteller zum Solo ansetzt. Sie feiern sich selbst dafür, dass sie da sind und dass es diese Lieder gibt. Love, love, love.

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Emanuele Angeletti spielt Paul, Michael Gagliano ist John, John Brosnan gibt den George, und Ben Cullingworth fühlt sich offensichtlich sehr wohl als Ringo. Sie bewegen sich tatsächlich wie die Vorbilder, sie reden in den Zwischenansagen genau wie sie, und sie haben das Glück, dass man diese ewig golden glänzenden Songs ja nur anspielen muss, damit die Leute strahlen.

Die Truppe beginnt mit der legendären Teilnahme der Beatles an der „Royal Variety Show“ am 4. November 1963. Da spielten sie vor Mitgliedern des Königshauses, und der Auftritt ist deshalb so bemerkenswert, weil a) George dort so unglaublich kindlich aussah und weil b) neben ihm John stand, der einen seiner besonders sarkastischen Tage hatte. Das Publikum auf den billigen Plätzen möge klatschen, alle anderen bitte mit ihren Juwelen klimpern, sagte er vor dem letzten Song. Der hieß übrigens „Twist And Shout“.

Weiter geht es mit dem ersten Stadionkonzert der Popgeschichte: Shea Stadium New York am 15. August 1965. Damals konnte weder die Band noch das Publikum die Musik hören, die Anlage war zu schlecht, und die Fans schrien zu laut. Das wird toll imitiert, das Geschrei wird zugespielt, es ist reine Atmosphäre, das große Pop-Chaos, von dem Paul McCartney später sagte, es sei für ihn der Gipfel gewesen. Herrlich.

Die Produktion ist ohnehin sehr liebevoll, was das Verständnis jener Jahre angeht, die inzwischen doch sehr weit weg zu sein scheinen. In den Umbaupausen werden Filmeinspieler gezeigt, man sieht Jimi Hendrix, Szenen aus Vietnam, man hört „I’m A Believer“ und wundert sich über historische Werbespots wie jenen für das „007 Aftershave“: „The Licence to kill ... women.“ Uuuh!

Die Beatles sind ja nur bis 1966 live aufgetreten, und deshalb hört man in den zwei Sets zu „Sgt. Pepper“ und „Abbey Road“ Lieder der mittleren Jahre sozusagen erstmals live. Ehrlich gesagt wirken die Darsteller just an diesen beiden Stellen arg verkleidet, wie Mitglieder einer Coverband halt, aber sie bringen angemessene Versionen solch schwieriger und revolutionärer Stücke wie „A Day In The Life“ und „Strawberry Fields Forever“.

Den Clou gibt es dann in der zweiten Hälfte. Das ist der beste Teil für alle Bewohner von Pepperland, Wolkenkuckucksheim und Fantasterlohausen. Just imagine: Wie wäre es, wenn die Beatles zum 40. Geburtstag von John Lennon am 9. Oktober 1980 noch einmal zusammengekommen wären – für ein einziges Konzert?

Das ist ein schönes Gedankenexperiment, und das ist toll gespielt. Jeder ist nun ein Einzelkämpfer – der eine weniger (Ringo), der andere mehr (John) –, aber jeder ist auch immer noch ein Kumpel, und so singen sie ihre Solo-Hits ebenso als Band wie Kracher aus der gemeinsamen Zeit. Verziehen sei den Produzenten, dass George Harrison sein „Got My Mind Set On You“ bringt, das stammt nämlich aus dem Jahr 1987, aber es geht ja hier um Dreams.

Man erwischt sich, wie man dasteht und sich vorstellt, das alles hätte stattgefunden und man wäre dabei gewesen. Großes Kopfkino, swinging Geschichtsklitterung. Jeder Zuschauer trägt also ganz individuell zum Gelingen dieser Produktion bei: Wie wäre es, wenn! Man fühlt sich geradezu geborgen in dieser Musik und in dieser Vorstellung. Zurückgetragen in die Zeit vor dem 8. Dezember 1980, als John in New York erschossen wurde.

„You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one.“