Richard Wagner brummt nicht mehr Weshalb den Bayreuther Festspielen schwierige Zeiten bevorstehen

Bayreuth · Die Bayreuther Festspiele stehen vor schwierigen Zeiten. Spender ziehen sich zurück, die Politik mahnt Visionen an. Und die Intendantin muss sparen.

Goldfarbene Wagner-Figuren des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl vor Beginn der Bayreuther Festspiele 2023.   Foto: Daniel    Karmann/dpa

Goldfarbene Wagner-Figuren des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl vor Beginn der Bayreuther Festspiele 2023. Foto: Daniel Karmann/dpa

Foto: dpa/Daniel Karmann

Früher musste man über solche Dinge gar nicht reden. Bayreuth war bereits ausverkauft, bevor auch nur ein Werk, ein Regisseur oder Dirigent fürs neue Festspieljahr angekündigt war. Das lag daran, dass die Festspiele der Inbegriff des Elitären waren, der geschlossenen Gesellschaft. Im Hintergrund hörte man mit Staunen, dass sich Wagner-Erben um die Thronfolge zickten. Für Unterhaltung war gesorgt. Von Wagners Kunstwerken lenkte sie nie ab.

Seit Jahren aber verkauft sich Bayreuth nicht mehr von selbst. Im vergangenen Jahr sah man im „Ring“ unerwartete Lücken in den Saalreihen. Das erhöhte den Druck auf Festspiel-Chefin Katharina Wagner, deren Vertrag 2025 ausläuft. Zudem entscheidet sich demnächst, ob der Bund und das Land Bayern für Bayreuth mehr zahlen wollen – oder ob bei den Festspielen noch schärfer gespart werden muss. Der Hintergrund: Der Förderverein der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth als vierter Festspiel-Gesellschafter neben Bund, Freistaat Bayern und Stadt Bayreuth verzeichnet weniger Spendeneinnahmen.

Dadurch könnten sich die Gesellschafter-Anteile ändern. Bislang werden die Festspiele zu je 29 Prozent von Bund, Land und Freunden getragen. 13 Prozent hält die Stadt Bayreuth. Der Freundesverein wird wohl rund eine Million Euro weniger zahlen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth will mit Bayerns Landesregierung über die Erhöhung der Anteile sprechen. Bayerns Kunstminister Markus Blume kommt ihr entgegen: „Wir wollen uns finanziell noch stärker einbringen.“

Auch hatte Festspielchefin Wagner selbst strukturelle Veränderungen angemahnt, wie eine professionelle Sponsoring- und Marketing-Abteilung. Bislang sind es vor allem die Freunde von Bayreuth, die Spenden einwerben. Die könnten flexibler in Sonderprojekte investiert werden, sagte Bayreuths Oberbürgermeister Thomas Ebersberger.

Diese Debatten werden befeuert von Formeln wie „Erneuerung durch Strukturreform“ oder „Realität der Gesellschaft“ (Claudia Roth), die sich im Publikum „stärker widerspiegeln“ solle. Blume erwartet „Exzellenz, ein mutiges Konzept und eine klare Vision für den Grünen Hügel“. Außerdem mahnt er mehr „internationales Renommee“ an.

Für das Bayreuth der Gegenwart sind das Watschen. Galt nicht Wagner stets als Konzept und Vision in einem? Dieser Nimbus ist offenbar matt geworden. Und wie exzellent können renommierte Künstler sein, wenn sie auf der anderen Seite bezahlbar sein sollen? Wahrscheinlich wünscht sich Blume ein paar Topstars, die von den Freunden Bayreuths finanziert werden – und deren Glanz die Tatsache überstrahlt, dass Wagner als allein seligmachender Inhalt möglicherweise ein Auslaufmodell ist.

Vielleicht möchte das Publikum der realen Gesellschaft auch nicht mehrere Abende hintereinander in Opern sitzen, die fünf Stunden dauern – in einem Saal, der subtropisches Klima und keine Beinfreiheit bietet. Man hört die Leute von heute immer jammern. Tja, Sitzfleisch und Kondition sind offenbar Eigenschaften von gestern. Für Richard Wagners Kunst keine guten Voraussetzungen.

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