Ballettchef Martin Schläpfer über den Weggang aus Düsseldorf

Interview mit Ballettchef Martin Schläpfer: „Mein Werk könnte in Düsseldorf bleiben“

Der Chef des Ballett am Rhein wird in zwei Jahren nach Wien wechseln. Mit Frust über mangelnde Wertschätzung seiner Arbeit in Düsseldorf und Duisburg habe das nichts zu tun, sagt er. Schläpfer fühlt sich reif für einen Neubeginn.

Martin Schläpfer (58) wirkt gelöst. Er hat gerungen mit der Entscheidung, das Ballett am Rhein der Städte Düsseldorf und Duisburg, das er in zehn Jahren zu einer der Spitzenkompanien des Landes geformt hat, zu verlassen. Nun ist die Nachricht in der Welt – und der Ballettchef kann befreit über die Gründe für seine Entscheidung sprechen und über seine Vorstellungen für den künftigen Umgang mit seinem Werk.

Sie haben sich gerade in Wien vorgestellt, wo Sie in zwei Jahren Direktor des Staatsballetts, des Balletts der Volksoper und der Ballettakademie werden. Wie hat man Sie dort aufgenommen?

Schläpfer Sehr herzlich, mit viel positiver Energie. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich bin ich eine große Unbekannte für die Tänzer und das Team dort. Es gab viele Fragen.

Wie lange haben Sie mit der Entscheidung für Wien gerungen?

Schläpfer Etwa drei Monate. Die ersten Anfragen gab es gleich nach meiner Vertragsverlängerung in Düsseldorf. Ich bin ein loyaler Mensch, Verträge bedeuten mir etwas, darum habe ich zwei Anfragen abgelehnt. Ich hatte mir auch ein anderes Bild von meiner Zukunft gemacht. Aber im März habe ich doch zugesagt. Dann musste natürlich viel verhandelt werden. Zum Glück hat das sehr vertrauensvoll funktioniert.

Am Rhein hatten sie sich gerade größere Freiräume als Künstler ausgehandelt, in Wien werden Sie für mehr als 100 Tänzer an zwei Häusern verantwortlich sein. Warum jetzt doch die Zusage zu einem derart großen Apparat?

Schläpfer Man verändert sich. Viele Dinge stimmen in einer gewissen Zeit, aber sie bleiben in Fluss. Man darf nie zu fest werden im Kopf, zu bequem, sonst entsteht auch keine Kunst. Im Fluss dieser Veränderungen habe ich neue Überlegungen in die Waagschale legen müssen.

Welche waren das?

Schläpfer Ich musste mich fragen, ob ich damit leben kann, erneut eine große Chance nicht zu ergreifen. Ich musste mich auch fragen, ob ich wirklich ein Freiberufler sein will, ob ich auf lange Sicht nicht doch jemand bin, der lieber etwas bebaut und verändert. Und wenn das so ist, wie viele Häuser es gibt, an denen ich das in absehbarer Zeit tun kann. Ich denke, für mich gibt es noch eine Phase von zehn Jahren, in der ich an einem großen Haus gestalten kann. Vielleicht werden es am Ende mehr Jahre, vielleicht weniger, aber ich musste erst einmal so denken. Wien ist großartig, eine Stadt, die ich sehr liebe, und es ist eine veritable Herausforderung. Darum habe ich mich dafür entschieden.

Wie viel Frust über Düsseldorf hat bei der Entscheidung mitgespielt?

Schläpfer Ich habe meine Kritik am Umgang mit dem Tanz in dieser Stadt vor langer Zeit geäußert. Das hat aktuell keine Rolle mehr gespielt.

Hätte die Stadt etwas tun können, um Sie umzustimmen?

Schläpfer Ich glaube nicht. Ich habe mich ja nicht in Wien beworben. Aber als die Anfragen kamen, habe ich gespürt, dass ich reif bin für einen Neuanfang. Zehn Jahre erfolgreich zu sein, überwiegend zumindest, das ist ein großer Druck. Mir ist bewusst, dass ich auch in Wien scheitern kann, weil das eine Riesenaufgabe ist. Aber ich werde alles geben, um das nicht nur erfolgreich zu machen, sondern um es zu füllen. Und ich weiß auch, was das kulturpolitisch heißt. Ich habe inzwischen dekadenlange Erfahrung als Chef einer Kompanie. Ich traue mir das zu. Und ich brauche es auch.

Die Stücke, die Sie für Düsseldorf geschaffen haben, bleiben aber beim Ballett am Rhein?

Schläpfer Ich habe der Intendanz der Rheinoper und der Stadt angeboten, dass ich meine Kreationen in Düsseldorf belasse. Das wird nun geprüft. Ich brauche dafür natürlich eine gewisse Sicherheit. Das ist mein Werk. Ich kann das nicht einfach nur hergeben. Es braucht gewisse Rahmenbedingungen.

Was meinen Sie damit konkret? Sollen bestimmte Ballettmeister ihr Erbe pflegen?

Schläpfer Nein, die Rechte für das Repertoire meiner Stücke liegen bis 2021 beim Ballett am Rhein. Diese Arbeiten stehen zur Verfügung, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind. Eine davon ist, dass der jetzige Direktor des Ballett am Rhein, Remus Sucheana, diese Stücke einstudiert. Nicht weil ich ihn fördern will oder weil ich denke, dass er auch künftig der Ballettdirektor sein muss. Aber er war über 16 Jahre ein sehr wichtiger Tänzer für mich. Und er ist ein koordinativer Genius.

Er hat allerdings bisher nur wenig selbst choreografiert.

Schläpfer Viele haben seine Arbeit nicht so recht im Blick. Es ist wichtig, dass jemand da ist, der die Kompanie mitgestalten kann, künstlerisch, in der technischen Beanspruchung und auch in der Ästhetik. Er hat in den vergangenen zwei Jahren die Tänzer ausgewählt, nicht ich, und hat sehr schöne Entscheidungen getroffen. Es geht um meine Stücke. Schon, wenn ich nicht mehr so viel probe, verändert sich das Werk sofort. Das heißt, jemand der meine Arbeiten sehr gut kennt, muss sie einstudieren. Entweder wird das Remus Sucheana sein. Oder ich müsste jedes Mal jemanden bestellen und das Ergebnis anschauen. Ohnehin möchte ich die Endproben abnehmen, auch wenn es um Gastspiele geht.

Sie werden Stücke aus dem Repertoire nicht in Wien einstudieren?

Schläpfer Punktuell werde ich sicher etwas mitnehmen, aber ich werde Wien nicht Düsseldorf überstülpen. Jede Stadt benötigt ihr eigenes Konzept. Das Wiener Staatsballett ist eine klassische Kompanie mit anderem Auftrag. Dort möchte ich eine neue Energie finden, einen neuen Anfang machen. Schön wäre, wenn mein Repertoire am Rhein weiter Bestand haben könnte, wenn es gepflegt würde, punktuell oder regelmäßig, ohne dass Düsseldorf eine zweite Schläpfer-Dependance würde. Ich kann nicht wochenlang weg aus Wien, das wäre eine Illusion, aber wenn etwas bleiben dürfte, jährlich, wäre das großartig.

Sie meinen, so wie Sie selbst das Werk von Hans van Manen in Düsseldorf pflegen?

Schläpfer Ja, genau so. Es wäre wahnsinnig schön für die Kunstform Tanz, wenn es nicht immer diese Schnitte gäbe. Wenn ein Mahler, ein Lutoslawski, das Requiem nicht verschwinden würden. Das war ja auch die Grundidee von der Doppelspitze, die ich mit Remus Sucheana bilden wollte. Wir wollten ja nichts aussitzen, sondern etwas lebendig halten.

Sie sind noch zwei Jahre in Düsseldorf. Wenn Sie trotzdem schon einmal zurückschauen, was wird von der Ära Schläpfer bleiben?

Schläpfer Eine großartige Kompanie auf der Höhe ihrer Leistungskraft. Eine großartige Probensituation mit dem Balletthaus. Das war ein Geschenk der Stadt. Es war auch eine Notwendigkeit, Tanz braucht Raum, aber die Entscheidung, dieses Haus 2014 zu bauen, war das Bekenntnis Düsseldorfs, dass der Stadt der Tanz wichtig ist. Düsseldorf ist eine Tanzstadt, hier gibt es das Ballett am Rhein, das Tanzhaus NRW, damit dürfte man ruhig selbstsicherer umgehen.

Werden Sie in die Nachfolgesuche einbezogen?

Schläpfer Ich denke nicht. Das ist auch gut, ich trage am Ende ja auch nicht die Verantwortung. Aber wenn man mich fragt, werde ich natürlich anworten. Es gibt viele sehr gute Choreografen. Die Schwierigkeit ist, jemanden zu finden, der beides schafft: Künstler sein und ein komplexes Haus mit zwei Standorten in Düsseldorf und Duisburg leiten.

Oder beide Positionen zu trennen.

Schläpfer Exakt. Man kann einen Direktor bestellen und Künstler dazu berufen, wie es in Stuttgart eine Weile gemacht wurde. Kann alles funktionieren. Es gibt kein Gesetz. Fakt ist, dass am Ende nur Genie etwas auslöst, das alles durchtränken kann. Alle wichtigen Choreografen sind auch Kompanieleiter gewesen, mit wenigen Ausnahmen.

Werden Sie Tänzer mit nach Wien nehmen?

Schläpfer Das kann ich noch nicht sagen. Die meisten meiner Tänzer sind verflochten in Düsseldorf, sie haben ein Leben dort. Wer mit will, trifft auf eine Kompanie mit klarer Hierarchie, die auch sinnvoll ist für eine Kompanie dieser Größe. Das ist also gut zu überlegen.

Fühlen Sie sich von Ihrem Publikum in Düsseldorf gut verstanden?

Schläpfer Ja, das Publikum ist sehr kenntnisreich und offen. Es ist auch schön, dass in Deutschland viele Menschen reisen, um gute Kompanien zu sehen, auch zu uns kommen die Leute teils von weit her.

Ein Status, den man leicht auch wieder verliert.

Schläpfer Darum muss Düsseldorf dieses Selbstverständnis ganz selbstverständlich beibehalten und es auch benennen. Dann ziehen Häuser in ihrem Inneren mit. Die Wertschätzung für die Kunstsparte Tanz ist unabhängig von Schläpfer.

Sie haben Ihr Publikum geöffnet für zeitgenössisches Ballett. Ist es nun bereit für noch experimentellere Formen?

Schläpfer Schwer zu sagen. Voraussetzung wäre eine stabile Ballettdirektion. Wir erleben gerade eine Zeit, in der Menschen wieder stark in Nationalismen denken, in Kategorien von richtig und falsch, das kommt in der Kunst auch an. Da müssen wir sehr wach sein. Es ist wichtiger denn je, das zu tun, woran man glaubt und nicht, was gefallen könnte. Wir müssen etwas verteidigen, nicht nur auf der Bühne, sondern in Europa. Wenn man in Düsseldorf nun mit hohem Anspruch weitergeht, dann hat man meine Arbeit verstanden.

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