Ballett am Rhein: Uraufführung "44 Duos" von Martin Schläpfer

Ballett am Rhein : Mühsame Etüden

Martin Schläpfer hat für den Ballettabend „b.39“ an der Rheinoper 44 Duos von Bartók in einen Reigen von Tänzen verwandelt. Zäher Stoff.

Einfachheit hat eine besondere Kraft. Volkstänze zum Beispiel mögen fröhlich, simpel, naiv wirken, doch tragen sie die kulturellen Einflüsse in einer Region, die Traditionen, Bewegungsmuster und Erinnerungen von Menschen in sich. Und vermitteln sie ungekünstelt und direkt.

Schon in seinen „Ulenspiegeltänzen“ hat sich Martin Schläpfer mit der Vielschichtigkeit von Volkstänzen beschäftigt, hat deren Stimmungen, Gesten, Brüchigkeiten erforscht und daraus etwas Neues geschaffen. In seinen „44 Duos“, die der künstlerische Direktor des Ballett am Rhein für den neuen dreiteiligen Abend „b.39“ zu Musik von Béla Bartók entworfen hat, setzt er diese Auseinandersetzung mit dem Folkloristischen fort. Er stellt typische Gesten aus, kombiniert sie mit Figuren des klassischen Tanzes, beschleunigt oder dehnt die Bewegungen und kommt zu raffinierten Lösungen: Da sitzen einmal nach einer solchen Beschleunigung Tänzerinnen plötzlich zünftig auf den abgewinkelten Oberschenkeln ihrer Partner, oder die Männer treten übermütig stampfend in Lederschuhen auf.

Schläpfer führt in viele Stimmungslagen, mal wirken seine Tänzer burschikos, ungezwungen, dann wieder einsam, wie ausgesetzt in eine unwirtliche Welt. Und doch verschwimmt das alles zu einem langen, bald auch langatmigen Reigen. Die Choreografie hat viele geglückte Momente, aber sie verliert sich in Einzelheiten, entwickelt keinen Spannungsbogen. Dazu sind Bartóks „44 Duos“ Übungsstücke von sehr ähnlicher Farbe. An ihnen können Musiker ihr Rhythmusempfinden und Zusammenspiel schulen. 44 Mal nacheinander mag das Beharrlichkeit und Disziplin fördern. Für Zuschauer eines Ballettabends gerät es zu einem zähen Erlebnis.

Dazu hat die französische Kostümbildnerin Hélène Vergnes Kostüme geschaffen, die das Folkloristische offensichtlich auch optisch brechen sollen. Doch drängen sich diese teils mit schrillen Farbkombinationen und Latexstoffen gestalteten Kostüme in den Vordergrund, wirken viel zu plakativ für Schläpfers sensible Tanzsprache. Da können Catherine Ribes und Dragos Manza ihre Geigen mit noch so viel Inbrunst erklingen lassen. Diesmal siegt die Eintönigkeit über Schläpfers zu feinen Bilder.

Dabei hatte der Abend mit Hans van Manens „Dances with Piano“ so lässig elegant begonnen. Van Manen zeigt in dieser Arbeit einmal mehr, wie er formale Strenge und die noble Kultiviertheit des klassischen Tanzes mit Witz und ironischen Gesten zu verbinden weiß. Er wählte für seine 2014 entstandene Arbeit eine Collage von Stücken katalanisch-südamerikanischer Komponisten und kombinierte sie kühn mit zwei Goldberg-Variationen von Bach. Ursprünglich ließ er die Musik an einer Harfe spielen, für die Neueinstudierung in Düsseldorf wählte er das Klavier. Und die Pianistin Schaghajegh Nosrati entlockt ihrem Instrument all die Klangfarben, die für die kontrastreiche Choreografie nötig sind. Dazu zeigt der inzwischen 86-jährige van Manen auf der Bühne drei Paare, die jeweils für unterschiedliche Aggregatzustände des Temperaments stehen. Bei dem einen Duo wirkt das Spiel aus Fordern und Begehren stolz und hitzig wie ein Stierkampf, beim nächsten elegisch und abgeklärt. Als Scharnier zwischen den Pas de deuxs tanzen drei Männer synchron zu den glasklaren Klängen von Bach. Doch die klassische Transparenz wird ironisch gebrochen durch muntere Kraftstrotzereien der Tänzer. Sie recken die Fäuste, zeigen prahlerisch ihre Muskeln, wirken wie drei fröhliche Jungs, die gar nicht wissen, wohin mit ihrer Lebensfreude und ihrem Übermut.

Martin Chaix hingegen hüllt seine „Atmosphères“ in grüblerischen Nebel. Als der sich allmählich verzieht, ist im Hintergrund das unscharfe Bild eines gestreckten, vielleicht fallenden, nackten Frauenkörpers zu sehen. Chaix arbeitet auch als Fotokünstler und lässt vor einer Kulisse der Unschärfen bald sein gesamtes Ensemble aufziehen. Mit ihren Spitzenschuhen klopfen die Tänzerinnen den Bühnenboden ab, werden emporgehoben in die Stille, setzen wieder auf. Plötzlich hat sich die Truppe verflüchtigt, einzelne Tänzer bleiben zurück, bewegen sich nun allein wie in schärferer Nahaufnahme. Dazu erklingt sphärische Musik von Penderecki und Ligeti, im Mittelteil dagegen das sehnsuchtsvolle Adagio cantabile aus Beethovens Klaviersonate Pathètique.

Chaix entwickelt effektvolle Bilder, etwa, wenn die Tänzer selbst mit Qualm wie aus E-Zigaretten eine Tänzerin anhauchen und dann forttragen, und der Rauch ihr nachweht wie eine Schleppe. Oder wenn Chaix während eines Pas de deuxs plötzlich einen Tänzer im Schwarz der Bühne verschwinden lässt. Es geht um Ungewissheiten und Verluste, auch um den frühen Tod seines Vaters, wie Chaix im Programmheft verrät. Doch müssen die Effekte auch Leerstellen in der Choreografie verhüllen. Diese Arbeit ist auf das Herannahmen und Verschwinden von Atmosphären angelegt, auf die Wirkung vordergründiger Bilder. Und so löst sich dieser düstere Spuk am Ende in ein nebelhelles Nichts auf.

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