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Autor Tobias Haberl nervt unser korrektes Verhalten und bemüht sich um Entzauberung.

Buchkritik : Gebügelt, gestriegelt, digital und aufgeklärt

Autor Tobias Haberl ist genervt von unserem korrekten Verhalten und bemüht sich um Entzauberung.

Wir leben ziemlich vernünftig. Bloß nicht krank werden, bloß zu lange aufbleiben und bloß nicht zu viel Wein trinken. Muss ja am nächsten Tag alles wieder laufen, verkatert und müde auf die Arbeit, das macht man doch nicht. Tobias Haberl, Journalist und Autor, nervt diese Vernunft. Denn, so beschreibt er in seinem neuen Buch „Die Große Entzauberung“, sie führe dazu, dass wir zu großen Langweilern werden, ängstlichen noch dazu.

Gebügelt und gestriegelt, digital und aufgeklärt stolzieren wir durch unsere Welt und bilden uns etwas darauf ein, wie tolerant und weltoffen wir sind, weil wir ein drittes Geschlecht definiert haben und auf Minderheiten Rücksicht nehmen – das machen wir seiner Meinung nach aber nur, weil es gerade trendy ist. Nicht so trendy sind dafür Menschen aus Sachsen, russische Oligarchen und arabische Scheichs, denen wir nicht ganz so viel Toleranz entgegenbringen.

Oder unserem eigenen Körper, der durch Sport und Diäten immer weiter optimiert wird. Und wenn das nicht ausreicht, wird korrigiert, also vergrößert oder verkleinert, je nach Körperteil. In dieser inszenierten Gesellschaft findet Haberl Lichtblicke in den unperfekten Momenten des Lebens: „Manchmal erlöst mich ein Soßenfleck auf meinem Hemd, den ich nicht entferne, sondern trage zum stillen Protest, den niemand merkt“, schreibt er.

In den elf Kapiteln, die er mit Titeln wie „Glamour“, „Individualität“, „Nähe“ und „Authentizität“ versehen hat, analysiert Haberl die Aspekte unserer Gesellschaft, die ihn am meisten nerven. Er schreibt sich alles von der Seele, ist dabei ziemlich melancholisch, aber auch unterhaltsam und frech, denn schreiben kann er. Durch die Lockerheit seiner Sprache merkt man oft gar nicht, wie pessimistisch er eigentlich ist. Und dass er den Großteil seiner Leser quasi als ängstliche Langweiler bezeichnet.

Und so fühlt man sich beim Lesen immer ein wenig zwiegespalten: auf der einen Seite ertappt, weil man ja selber aus lauter Vorsicht kein Deo mit Aluminium mehr kauft und eine Zusatzversicherung abgeschlossen hat. Auf der anderen Seite aber auch ein wenig überheblich, wenn man denkt: „Ah ja, das habe ich bei anderen auch schon beobachtet.“

Haberl ist sich dabei schon bewusst, dass auch er Teil dieser gestriegelten Gesellschaft ist und nutzt ganz selbstverständlich ein sehr generalisierendes „wir“, in dem man sich nicht immer wiederfindet. Viele seiner Wahrnehmungen sind subjektiv und mögen zwar auf ihn und seinen Bekanntenkreis zutreffen, aber nicht unbedingt jeder Leser des Buches läuft ängstlich durch die Welt und versucht, sich selbst zu optimieren.

Dass Haberl so vieles nervt, wird irgendwann auch nervig, denn nicht alles, was die westliche Gesellschaft hervorgebracht hat, ist schlecht. Das viele Jammern wirkt dann so als hätte jemand das Buch geschrieben, der auch Dinge sagt wie „früher war alles besser“.

Info Tobias Haberl: „Die Große Entzauberung. Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“. Blessing, 18 Euro