Friedenspreisträger äußert sich im Heine Haus Navid Kermani glaubt an den Zerfall des iranischen Regimes

Düsseldorf · Autor und Friedenspreisträger Navid Kermani beschäftigt sich mit den Krisen der Welt - wie den Unruhen im Iran und der Klimakrise in Ostafrika. Jetzt las er im Heine Haus.

Friedenspreisträger Navid Kermani im Gespräch mit RP-Kulturchef Lothar Schröder im Düsseldorfer Heine Haus.

Friedenspreisträger Navid Kermani im Gespräch mit RP-Kulturchef Lothar Schröder im Düsseldorfer Heine Haus.

Foto: Heine Haus

Religion, Klimakrise, Politik – es sind die großen Themen, die Friedenspreisträger Navid Kermani behandelt. Mit seinem Werk „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“ hat er ein Jugendbuch veröffentlicht, das sich auf verständliche Art und Weise mit dem Islam, generell dem Glauben und dem Sinn des Lebens befasst. Im September erschien sein neues Buch „Was jetzt möglich ist. 33 politische Situationen“. Es handelt vom Terror im Nahen Osten, Europas Krisen, Russlands Überfall auf die Ukraine bis hin zum generischen Maskulinum. Am Mittwochabend sprach der deutsch-iranische Schriftsteller, Publizist und Orientalist mit RP-Kulturchef Lothar Schröder bei einer Lesung im ausverkauften Heine Haus über die Situation im Iran und die Klimakrise.

Erst vor kurzem ist er von einer Reise durch Ostafrika wiedergekehrt, über die er Reportagen in der „Zeit“ veröffentlicht. Dieser Teil der Erde leide unter der westlichen Lebensweise – ihrer Ausbeutung und Umweltzerstörung. Besonders präsent sind die Folgen der Klimakrise in Madagaskar. Das Land ist arm und unterentwickelt, doch wegen des fruchtbaren Bodens können normalerweise alle Familien ernährt werden. „Ein Leben in Würde beginnt, wenn man sich vom Boden und von Flüssen ernähren kann“, so Navid Kermani. Doch wer hungrig ist, werde von Gier beherrscht.

Nun herrscht seit sieben Jahren Dürre in Madagaskar, die sich auch in ganz Ostafrika ausbreitet. Das bedeutet keine Ernten und Hungersnot. Dazu komme die durch die Corona-Pandemie gebeutelte Wirtschaft und der Ukraine-Krieg, der einen Sack Reis um 30 Prozent verteuert. „Es ist Staub auf allen Gesichtern, weil das Wasser nicht einmal reicht, um den Durst zu stillen“, veranschaulicht Kermani in einer seiner Reportagen die Situation vor Ort. In Madagaskar zeigen sich alle globalen Krisen auf engstem Raum.

Jedoch werde diese Krise vom Westen vernachlässigt. „Das Interesse an der Welt nimmt von Jahr zu Jahr ab“, sagt Kermani. Je mehr der Einzelne die Dinge nicht mehr selbst steuern könne, wie die Gaskrise, desto mehr Distanz entstehe. Das beunruhigt den Friedenspreisträger. Der Mensch müsse der von Gott gegebenen Verantwortung für die Welt gerecht werden. Jeder solle die Schöpfung ehren, wie die Mutter ihr eigenes Kind, statt sie zu zerstören.

Kermani hat ein starkes Interesse an den Weltgeschehnissen. So auch an den derzeitigen Unruhen im Iran. Schon seit 2009 gebe es Massenproteste im Land, 2019 sind nach seinen Worten dabei über 1000 Menschen gestorben. Die Unzufriedenheit im Land sei groß. Selbst wenn die jetzigen Proteste niedergedrückt werden, brodele es weiter und es werde wieder losgehen.

So gebe es seit Jahren schon eine starke Frauenbewegung im Land. Neu ist allerdings die breite Unterstützung ihr gegenüber. Die festgenommene und in der Haft verstorbene Mahsa Jina Amini war eine Iranerin, die der ethnischen Gruppe der Kurden angehörte. Ihr Tod verärgert nicht nur die Frauen im Land, sondern auch die ethnischen Minderheiten, die im Iran einen Bevölkerungsanteil von 45 Prozent ausmachen.

Zusammen mit der Armut im Land und der geforderten Freiheit stellt das eine explosive Konstellation für das Regime dar. Generell stehe der steinzeitliche Fundamentalismus im Widerspruch zu der aufgeklärten Gesellschaft, sagt Kermani. Er ist sich sicher, dass irgendwann das Regime zerfallen wird.

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