Autor Jürgen Becker wird 80

Autor Jürgen Becker wird 80

Köln Jürgen Becker gehört nicht zu denen, die sonderlich auffallen. Ein bisschen scheint dem Schriftsteller sogar das Versteck zu gefallen: mit seinem Lebensraum – dem Bergischen Land; mit seinen Prosaminiaturen, die ganz oft schlichten Wahrnehmungen entspringen; schließlich mit dem Hinweis auf seine Generation, Jahrgang 1932, die er eine "Zwischengeneration" nennt – zu jung gewesen damals für den Krieg, aber auch zu alt, um nicht zu wissen, was die Nazi-Zeit war. Geblieben ist von diesem Erfahrungszwiespalt eine tiefe Abneigung gegenüber Pathos, und erwachsen ist daraus eine Neigung zur Reflexion. Die wiederum führte zu seinem kunstvollsten Versteck, also zur Figur des Jörn Winter, hinter der sich Jürgen Becker in seinen Büchern gern wegduckt. Man könnte diesen Jörn Winter durchaus als Alter Ego des Autors sehen, wenigstens als Zeitgenosse, doch ist er eigentlich viel mehr: eine Projektionsfläche für Wahrnehmungen und Empfindungen.

Die Lebens- und Werkgeschichte des Jürgen Becker lässt sich zum heutigen 80. Geburtstag aber auch anders erzählen, als eine heimlich und still heroische. Denn all seine Bücher, seine Lyrik- und Prosabände, seine Romane und Hörspiele sind immer Erträge und Materialien, die dem Leben abgerungen wurden. Becker, der frühere Rundfunkmann, ist dazu quasi gezwungen: Denn er ist kein großer Geschichtenfinder und -erfinder. Er nimmt das, was da ist, und vertraut es seiner Sprache an.

In seinen literarischen Anfängen ist Becker dabei wagemutiger verfahren. Sein Debüt "Felder" von 1964 ist noch ein experimentelles Spiel, in dem auch Skepsis sichtbar wird; der Tauglichkeit unserer Überlieferungen misstraut er. Natürlich schwingt in dieser Geste auch Zeitgeist mit, der in den folgenden Sprachkunst-Büchern noch ein bisschen sein Wesen treiben sollte. Bis Becker sich langsam – etwa in "Dorfrand mit Tankstelle" – den Landschaften zu nähern und die Sensationen des Alltags wie des Augenblicks zu schätzen beginnt. Jürgen Becker, mit fast allen wichtigen Literaturpreisen des Landes dekoriert, wird einer unserer wichtigsten Nachkriegslyriker, der weniger die Metapher, als vielmehr prägnante Aussagen schätzt. Und er wird ein Journal-Schreiber und sein Roman "Schnee in den Ardennen" zu einem Manifest für diesen Stil des Tagebuchs.

"Manifest" freilich dürfte für einen wie Becker schon viel zu viel gesprochen sein, für einen, dessen Gesamtwerk man bis heute am besten mit "work in progress" bezeichnet. "Ich weiß heute nicht, wie es morgen mit dem Schreiben weitergeht, und im Nachhinein wundert es mich, dass dieser Zustand des Nichtwissens, des Wartens, fünf Jahrzehnte angedauert hat", sagt er. Zum 80. ist jetzt ein schöner Sammelband als Querschnitt durch sein Prosawerk erschienen. Der letzte so typische Becker-Satz darin: "Und es geht ja auch weiter."

Info Jürgen Becker: "Wie es weiterging". Suhrkamp, 285 Seiten, 21,95 Euro

(RP)