Ausstellungen auf der Raketenstation

Empfehlung : Viermal Kunst in Neuss

Hochkarätige Ausstellungen locken auf der Neusser Raketenstation in die Langen Foundation, die Skulpturenhalle der Thomas-Schütte-Stiftung, die Kirkeby-Kapellen und in das Feld-Haus.

Die Raketenstation in Neuss zu besuchen, lohnt sich immer. Zu jeder Jahreszeit, ob als Spaziergänger oder als Entdecker – von Kunst zum Beispiel. Denn dafür stehen gleich vier Institutionen, die mehrfach im Jahr neue Ausstellungen konzipieren: die Langen Foundation, die Thomas-Schütte-Stiftung mit der Skulpturenhalle, die Stiftung Insel Hombroich und das Clemens-Sels-Museum mit dem Feld-Haus.

Langen Foundation Die Architektur des von Tadao Ando entworfenen Baus verliert nie ihre Präsenz – selbst dann nicht, wenn dort Kunst aus dem achten Jahrhundert gezeigt wird. So alt sind zum Teil die Rollbilder, Skulpturen oder Stellschirme, die vor vielen Jahren von der Stiftungsgründerin Marianne Langen und ihrem Ehemann Viktor auf ihren Reisen nach Fernost erstanden wurden und heute eine Sammlung ergeben, die selbst versierte Japan-Kenner wie Kuratorin Khanh Trinh vom Rietberg-Museum Zürich ins Schwärmen bringt. „Ich habe die Sammlung zuletzt vor vielen Jahren in einer Ausstellung kennengelernt“, sagt sie, „und mich schon lange gefragt, was aus ihr geworden ist.“

Für die heutige Stiftungsvorsitzende Sabine Langen-Crasemann ist die Verpflichtung von Trinh ebenso ein Glücksfall wie für den Besucher. Denn sorgsam hat die Kunstwissenschaftlerin Stücke ausgesucht, die so exquisit wie sprechend sind und sich wunderbar mit der hochmodernen Architektur vertragen. „Eine erlesene Welt“ wird ausgebreitet, die in drei Themenbereiche der japanischen Kunst entführt: Religion, Natur und Landschaft. Beispielhaft zeigen insgesamt 80 Exponate (von etwa 350 der Sammlung), wie unterschiedlich japanische Künstler mit den Darstellungen umgingen. Dabei überraschen manche Bilder etwa auf Hängerollen mit Farbkraft und opulenten Szenen, andere wirken dagegen stark zurückgenommen, wenn nicht gar minimalistisch.

Wie eine Ergänzung scheint es, wenn der Japanraum Kunstwerken gewidmet ist, die den dreimonatigen Aufenthalt der Künstlerin in Kyoto spiegeln. Aber Anne Pöhlmanns Arbeiten sind mehr als das. Die Fotografin hat in Japan gemachte Aufnahmen textil eingefasst und dafür aus einem Stofffundus geschöpft, den sie nach eigener Auskunft in vielen Jahren aufgebaut hat. Mal wird ein Bild so gerahmt, mal ist der Stoff der Träger, weil das Foto aufgedruckt wurde. So oder so verknüpft sie traditionelle und moderne Bildsprache, irritiert mit den den schnöden Alltag widerspiegelnden Fotoarbeiten auf kostbarer Seide oder Designerstoff (beide bis 25. August, täglich von 10–18 Uhr).

Skulpturenhalle Stoff ist auch der Bildträger der Arbeiten von dem in Los Angeles lebenden Künstler Matt Mullican in der Skulpturenhalle der Thomas-Schütte-Stiftung. Der Namensgeber hatte dem Künstler die Ausstellung und letztlich auch das Thema vorgeschlagen. „Warum nicht die Banner?“ fragte Schütte, und so hängen nun Dutzende der von Mullican entworfenen Flaggen von der Decke und an den Wänden.

So jedenfalls hat sich der von Schütte entworfene Bau noch nie präsentiert, seine ovale Architektur geht fast verloren in dem Konzept Mullicans, so viele Banner wie möglich zu zeigen. „Er hätte noch mehr gezeigt“, sagt Schütte trocken, „aber wir haben auch an den Besucher gedacht.“ Der sucht sich in der Skulpturenhalle seinen Weg durch mit Piktogrammen versehene Flaggen, ruhiger geht es dagegen im Kassenraum zu, wo auch Papierarbeiten und Skulpturen von Mullican zu sehen sind (bis 11. August, Freitag bis Sonntag 10–18 Uhr).

Stiftung Insel Hombroich Die Bauten des 2018 gestorbenen dänischen Malers, Bildhauers und Architekten Per Kirkeby kennt der Hom­­­broich-Besucher seit fast 20 Jahren. Ein ganzes Areal ist nach dem Dänen benannt worden, das Kirkeby-Feld am Berger Weg. Dort stehen drei von ihm entworfene Kapellen, die nun auch als Ausstellungsräume genutzt werden und den Weg des einstigen Nur-Malers hin zum Architekten nachzeichnen. Wie üblich fehlt jede Art von Beschriftung zu den Exponaten, aber es gibt eine Handreichung, auf der Nummern und Erklärungen beschreiben, was man sieht. Ein Katalog ist in Arbeit. Die Kuratoren Frank Boehm und Anna Czerlitzki wollten jedoch keine Retrospektive zusammenstellen, sondern haben sich ganz bewusst auf die Zeit der 1960er Jahre bis 2006 konzentriert – von der ersten von Architektur beeinflussten Malerei („Dunkle Höhle“, 1967) bis hin zu Modellen aus Terrakotta, von denen man einige auf der Raketenstation verwirklicht glaubt (bis 6. Oktober, Freitag bis Sonntag, 12–17 Uhr).

Feld-Haus Das ebenfalls von Per Kirkeby auf der anderen Seite des Berger Wegs entworfene Feld-Haus als Dependance des Neusser Clemens-Sels-Museum trägt zwar den Zusatz „Museum für populäre Druckgrafik“ (und selbige gibt es auch in einer Dauerausstellung zu sehen), aber aktuell werden dort Werke gezeigt, die von einem noch lebenden Bildhauer stammen könnten. Doch Josef Neuhaus ist schon vor 20 Jahren gestorben, seine klaren und geometrischen Arbeiten – unter dem passenden Titel „Die Form wahren“ – aber weisen ihn als zeitlosen und modernen Künstler aus (bis 16. Juni, geöffnet samstags und sonntags, 11 bis 17 Uhr, Eintritt kostenlos).

Mehr von RP ONLINE