Ausstellung im Kai 10 Düsseldorf über Soundscapes

Ausstellung im Medienhafen : Seid mal ruhig, ich sehe was!

Das Kai 10 bringt Bilder zum Klingen: Die anregende Schau „Listen to the Image, Look at the Sound“ beschäftigt sich mit Soundscapes.

Diese Ausstellung wirkt wie ein Anspitzer für die Sinne, sie schärft die Wahrnehmung fürs Akustische, und wer sie verlässt, fragt sich auf der Straße womöglich, ob vielleicht jemand die Welt lauter gedreht hat.

„Listen to the Image, Look at the Sound“ lautet der Titel der neuen Schau im Kai 10. Wobei Schau eigentlich das falsche Wort ist, weil der Begriff zu eng fasst, was man an diesem Ort erleben kann. Es geht um Kunst, die aus Klang geboren wurde, um den künstlerischen Umgang mit visuellen und akustischen Welten. Und weil das ziemlich abstrakt klingt und Abstraktheit mitunter abschreckend wirkt, diese Ausstellung nun aber möglichst viele sehen sollten, sei direkt mal auf die tolle Installation von Juergen Staack verwiesen.

Sie vollendet sich erst, wenn der Zuschauer sie betritt. Da liegt ein hochfloriger Teppich, er ist beige, und sobald darauf ein Fuß gesetzt wird, fällt aus einer Sounddusche, die über dem Kopf installiert ist, das Geräusch, das man macht, wenn man über Sand läuft. Genauer: über den Sand in der Wüste. Der Teppich führt geradeaus und biegt dann noch rechts ab, und so kann man also ein ganzes Stück weit auf Expedition gehen. „Dune Ridge“ heißt die Arbeit, die vermittelt, dass Klang die Kraft hat, Menschen gleichsam fortzutragen.

Inspirierend wirken auch Idee und Umsetzung des Conversation Piece von Katja Aufleger. Sie projiziert drei Videos auf einen Monitor, und darauf sind dann drei Dirigenten zu sehen, die ein und dasselbe Stücke zur Aufführung bringen. Man weiß nicht, welches Stück das ist, die Künstlerin nennt es bewusst nicht, und der Betrachter steht da und fragt sich, warum die Dirigenten sich völlig unterschiedlich bewegen, obwohl sie doch dieselben Notenfolgen gestisch darstellen. Ein schönes Bild für den Begriff der Interpretation.

Verändert das Visuelle das Akustische? Dieser Frage geht Julia Bünnagel nach. Sie hat drei Schallplattenspieler aufgestellt, und auf den Geräten drehen sich LPs, die die Künstlerin mit geometrischen Formen beklebt oder mit Farbe bekleckert hat. Unter den Platten ist auch eine von Caetano Veloso, auch sie wurde bearbeitet, und wer sie auflegt, hört brasilianische Musik, Sterne, Dreiecke, Wohlklang, Störgeräsche und Widerspenstigkeit.

Man sieht es schon, jedes Kunstwerk hat eine Pointe, allen liegt ein Konzept zugrunde, und das große Vorbild für das Gezeigte ist die Komposition „4:33“ von John Cage. Das ist ein Klavierstück aus dem Jahr 1952, und der Witz ist, dass man zwar einen Pianisten dafür braucht, dass der aber gar nichts spielt, weil es bei diesem Stück darum geht, auf die eigene Komposition zugunsten der natürlichen Geräusche zu verzichten: Husten, Rascheln, Lüftungslärm etc. Soundscape ist das Stichwort.

Cage kommt denn auch zumindest einmal direkt vor, in der Arbeit von Sean Snyder nämlich. Der hat sich „4:33“ bei iTunes für 99 Cent gekauft und heruntergeladen. Man kann es sich über Kopfhörer anhören und dazu den auditiven Code des Stück sehen. Tatsächlich hört man etwas, man sieht auch etwas: Das Stück ist gar nicht still, es lebt, und das hört man ihm an.

Man kann sich verlieren in diesem Erlebnispark sichtbar gemachter Sounds. Die Ausstellung eignet sich auch für den Besuch mit Kindern, und die werden womöglich die Arbeit ganz hinten im großen Ausstellungsraum am besten finden. Dort werden in Großprojektion Katzen gezeigt, die über die Tastaturen von Klavieren tigern und dabei Töne anschlagen. Cory Arcangel hat die Videos so zusammengeschnitten, dass die Katzen Tonfolgen aus Klavierwerken Arnold Schönbergs spielen.

Zum Abschluss sollte man sich noch einmal etwas von Juergen Staack ansehen. Er bat für seine Reihe „Transcription-Images“ verschiedene Menschen, ein von ihm aufgenommenes Polaroid in ihrer Muttersprache zu beschreiben. Die Fotos wurden danach mit dickem Filzstift unkenntlich gemacht. Es existiert also nur noch die Übertragung ins Wort, und hinzu kommt, dass Staack Leute ausgewählt hat, deren Muttersprachen wenig gesprochen werden oder gar vom Aussterben bedroht sind. Den meisten Zuschauern bleibt von den Polaroids nun lediglich eine Sprachmelodie.

Wer sich auf sie einlässt, wird etwas Tolles erleben: Man steht im Museum und hört Bildern zu.

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