Aufräumen mit Marie Kondo - Hype um Netflix-Doku

„Aufräumen mit Marie Kondo“: Bei Hempels unterm Sofa

Die Aufräum-Weltmeisterin Marie Kondo inszeniert sich in einer faszinierenden TV-Serie als Mary Poppins der Konsumgesellschaft.

Sie steht aufrecht und ungerührt im Chaos wie ein Fläschchen Desinfektionsgel im Virenherd. Sie lächelt etwas maskenhaft, und man ist unsicher, ob sie nicht viel lieber schreien und wegrennen würde. Aber das ginge nicht, denn ihre stets weißen Oberteile sind Projektionsflächen. Von Marie Kondo erwarten die Menschen, dass sie sie ins geordnete Leben führt. Dass sie ihnen zu Überblick verhilft und zum Glück. „Ich liebe Unordnung“, sagt die zierliche 35-Jährige also. Und sie wirkt dabei wie ein Auftragskiller, der das Lob der Menschenliebe singt.

„Aufräumen mit Marie Kondo“ heißt die Serie, die Netflix pünktlich zum Monat der guten Vorsätze ins Programm genommen hat. Die Japanerin ist so etwas wie die Queen Of Tidy. Das „Time“-Magazin zählt sie zu den 50 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Sie verkaufte ihren Bestseller „Magic Cleaning“ mehr als acht Millionen Mal. Sie zog nach Kalifornien. Sie begründete dort ein Imperium und bildet Aufräum-Experten aus. Ihre Botschaft: Man wird ruhiger und froher, wenn man sich von Ballast trennt. Und Ballast ist alles, was einen nicht glücklich macht. Marie Kondo verkauft die Hoffnung, dass am Ende das Glück übrigbleibt.

In acht Episoden besucht Kondo nun Menschen, denen die Wände und Böden ihrer Wohnungen und Häuser entgegenwachsen: Sie haben einfach zu viel Kram. Kondo rauscht im schwarzen Dodge-Van an die Front: Mary Poppins im Kampfeinsatz. Der aufgeräumteste Promi der Welt schaut sich erstmal um. Die Verheerungen aus ausrangierten Elektrogeräten, ungelesenen Büchern, Kabeln ohne Anschluss, geschiedenen Socken und berstenden Topfschränken bewertet Kondo nicht. Sie kniet lieber nieder und schließt die Augen, was anmutet wie eine Mischung aus Meditation und Segnung. Daran merkt man, dass sie nach der Schule Hilfspriesterin in einem Shinto-Schrein gewesen ist.

Diese Stelle, also der Beginn der Aufräum-Prozedur, rührt die Bedürftigen zumeist schon zu Tränen. Man kann sogar sagen: Bei Hempels unterm Sofa wird in einer Tour geflennt. Der Verdacht liegt nahe, dass Marie Kondo bloß ein Symptom ist. Ihr Erfolg zeigt, dass unsere Lebensweise zwar luxuriös ist, aber auch ganz schön belastend sein kann. Man arbeitet, um Gegenstände anzuhäufen, die man in dem Moment zu brauchen meint, da man sie kauft. Schon beim Heimtragen werden sie indes zu Ballast, und sie wieder abzustoßen, wirkt erleichternd. Das ist das Dilemma des Kapitalismus. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat es mit einem kalten Buffet verglichen, dessen überladene Platten die Kapazitäten der stärksten Esser übersteigt.

Marie Kondo verrät nicht, was ihre Philosophie ist, wie sie zu ihrem Konzept des „KonMari“ gekommen ist. Sie ruft lediglich sehr freundlich zur Ordnung: erst Kleidung, dann Bücher und Papiere, danach der Rest. Alle Gegenstände muss man auf einen Haufen legen, damit man erkennt, wie viel sich angesammelt hat. Es geht darum, den Überblick zurückzugewinnen. Jedes einzelne Stück soll man sodann in die Hand nehmen, und wenn man nicht vor Freude „Ching!“ ruft, muss man es weggeben. Allerdings nicht, ohne sich von ihm zu verabschieden: Danke, Eierkocher! Ausmisten mit Marie Kondo dauert mitunter Wochen.

Kondo ist so etwas wie das Putzerfischchen des Kapitalismus, der Tatortreiniger des Konsumterrors. Sie ist der Überlebenscoach in der Wüste des Too Much. Es gibt zu viele Waren und zu viele Wahrheiten. Die Unendlichkeit der Angebote und Gegenstände wird nicht länger als befriedigend empfunden. Das Übermaß muss gezähmt werden, um das Unbehagen zu vertreiben.

Was Kondo angestoßen hat, reicht weit über das Lifestylige hinaus. Das erkennt man an Menschen wie Fumio Sasaki. Er hat Kondos Ideen radikal weitergedacht und lebt in Tokio auf 20 Quadratmetern das Konzept des „Hardcore Minimalismus“: ein Laptop und eine leichte Matratze, die tagsüber aufgerollt als Sofa dient – mehr besitzt er im Grunde nicht. Sasaki ist 40 Jahre alt und beschreibt in seinem Buch „Das kann doch weg!“ die Beweggründe für seine Lebensweise. Das Erdbeben in Japan von 2011 habe ihm gezeigt, dass geliebte Gegenstände herumfliegen und zu tödlichen Waffen werden können. Außerdem habe er eine Unzufriedenheit gespürt. Er habe Neues lediglich angehäuft, um sich etwas vorzumachen und andere zu beeindrucken.

Sasaki meint erkannt zu haben, dass die Dinge, mit denen man eigentlich zeigen wollte, wer man ist, in Wirklichkeit die Identität unter sich begraben. Gekauftes Glück halte nicht lange vor, findet er. „Je mehr wir besitzen, desto mehr Zeit und Energie verwenden wir darauf, unseren Krempel zu verwalten und zu pflegen.“ Er zählt Henry David Thoreau und Steve Jobs zu seinen Hausheiligen, und seit er 95 Prozent seines Besitzes abgestoßen habe, fühle er sich fokussierter und freier. Er habe schlichtweg mehr Zeit für sich selbst.

Tatsächlich erwischt man sich beim Schauen der TV-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ dabei, wie man in Gedanken eigene Schubladen, Regale und Schränke durchgeht und beschließt, morgen vielleicht zumindest ein bisschen auszusortieren. Und wer die Sendung zu zweit guckt, wird zudem ganz sicher dann und wann von einem befreundeten Ellenbogen angestupst: Siehste!

Den Menschen, die im Fernsehen bei Marie Kondo in Einzeltherapie gehen, scheint es zumindest für den Moment besser zu gehen. Jeder hat sich parallel zum Aufräumen allerdings auch einem anderen Problem zu stellen begonnen: der kriselnden Ehe, der angespannten Beziehung zu den Eltern, dem Ungenügen am Job. Unordnung als Spiegel der Seele. Marie Kondo leistet insofern Dienst am Menschen. Psychologische Hilfestellung. Und dass die Erste-Welt-Therapeutin dabei so automatenhaft unemotional wirkt, steigert den Unterhaltungswert der Show sogar noch. Böte man ihr zur Feier des Tages ein Bier an, sie würde erröten, sich mehrfach bedanken und nicht mittrinken. Wie ein Luftgeist entschwindet sie zum Ende jeder Folge.

Einmal schafft es die Mutter zweier ziemlich aufgekratzter Kinder aber doch, Kondo eine persönliche Frage zu stellen. Sie weiß, dass Kondo Töchter hat. Also fragt sie mit so einem verschwörerischen Eltern-Augenzwinkern: „Sind die auch so wild? Oder spielen die immer ganz ruhig in ihren Zimmern?“ Kondo lächelt und antwortet: „Nein.“ Man hätte gern nachgehakt, auf welchen Teil der Frage sich diese Antwort bezieht. Aber Kondo ist längst fort.

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