Auf der Bregenzer Seebühne wird „Rigoletto" ein spektakuläres Sehstück

Festspiele am Bodensee : Spektakulär: „Rigoletto“ auf der Bregenzer Seebühne

In Bregenz wird schon lange geklotzt, nicht gekleckert. Aber so zum Hingucker wurde die Oper hier wohl noch nie: Verdis Narrendrama „Rigoletto“ wird wortwörtlich zum grandiosen Bühnenbild zerlegt und zum tragischen Zirkusspiel wieder zusammengebaut.

Was vor 73 Jahren mit Singspiel und Ballett als nette Touristenbespaßung begann, ist längst ein Opernspektakel geworden.

Meist prägen große, unübersehbare Elemente das Bühnenbild, das dann schon auch mal als Szenerie für eine James-Bond-Verfilmung dienen kann. In diesem Sommer wollte Regisseur Philipp Stölzl eine filmische Nacherzählung bieten, ohne audiovisuelle Hilfsmittel. Als sein eigener Bühnenbildner (zusammen mit Heike Vollmer) hat er einen gigantischen Clownskopf auf die Bühne postiert. Gut 13 Meter hoch, neun Meter breit sowie etwa 35 Tonnen schwer. Seine Halskrause ist die Hauptspielfläche, die man je nach Unheil zerbrechen und wieder zusammenbasteln kann. Die rechte Hand, die es mit ausgestreckten Mittelfinger auf elf Meter bringt, ist noch geschlossen. Sie behütet Rigolettos Tochter Gilda. Die linke Hand hält einen dementsprechend großen Fesselballon. Mit ihm wird Gilda im Höhenflug ihrer ersten Liebe 15 Meter hoch in den Himmel steigen, um von dort den holden Namen des Geliebten zu beschwören.

Von dieser Position wird sie in einer halsbrecherischen Aktion, die beileibe nicht die einzige ist, von den Handlangern des Herzogs entführt. Am Ende der Oper, wenn Gilda sich für den treulosen Geliebten, eben den Herzog, geopfert hat, wird ihre Seele entrückt entführt. Zwar nicht ganz in den Himmel, aber im Ballon doch immerhin 45 Meter hoch.

Was diese Inszenierung in zwei Stunden abliefert, fesselt die 7000 Zuschauer so sehr, dass sie auch Stechmückenanflüge ignorieren. Das grenzt an analoge Reizüberflutung, wenn sich Gassenhauer den trügerischen Frauen (La Donna e mobile) ein Mobile aus Frauenkörpern tanzt, überzeugt aber auch Openfreaks. Und dürfte Ingenieure faszinieren. Wie der Riesenkopf mitspielt, wie er sich bewegt, wie er guckt, wie er später die Augäpfel verliert, so wie Vater Rigoletto mit der entführten Tochter Gilda eben seinen Augapfel, das ist technisch wie dramaturgisch faszinierend.

Dass Regisseur Philipp Stölzl gelegentlich an die dramaturgischen Grenzen seines Bühnenkonzepts stößt, geht unter im Sog der Bilder. Da wird akrobatisch geturnt und zugleich gesungen. Und zwar gut.

Ein Bühnenbild sagt zwar manchmal mehr als 1000 Noten, aber wenn die von Giuseppe Verdi sind, bleibt der Star letztlich doch die Musik, die bei Enrique Mazzola und den Wiener Symphonikern, die hier das traditionelle Hausorchester sind, in besten Händen ist.

In Bregenz sind die drei Hauptrollen dreifach besetzt. Bei der Premiere überzeugt Stephen Costello als Herzog mit tenoralem Glanz und erstaunlicher Schwindelfreiheit. Er hat keine Höhenangst, weder in seinen Arien, noch beim Schlaflied in der Hängematte auf dem Riesenschädel. Melissa Petit als Gilda ist ähnlich furchtlos, steigt in den Koloraturen und den Turnaktionen gleichermaßen sicher nach oben. Einzig Vladimir Sebestyen als Hofnarr Rigoletto, der vom Handlanger zum Opfer und zum tragisch scheiternden Rächer wird, bleibt mit beiden Beinen auf der Erde, wo ihn der Fluch des Grafen Monterone ereilt.

Die fesselnde Ensembleleistung von Solisten und Statisten, von Chor und Akrobaten ist nicht nur für jene Kunstfreunde eine Reise wert, die besser sehen können als hören. Als seriöses Spektakel ist das eine frühe Attraktion dieses Kultursommers.

Ein Tipp für alle Bregenz-Besucher zum Schluss: Autan nicht vergessen.

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