Rom: Auf den Spuren von Michelangelo

Rom : Auf den Spuren von Michelangelo

"Der sixtinische Himmel" heißt der neue Roman von Leon Morell. Er erzählt eine 500 Jahre alte und bis heute unglaubliche Geschichte: die Entstehung der weltberühmten Fresken an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Ein Streifzug durch Rom an der Seite des Schriftstellers.

Das ist die große Eingangstür von Rom – die Piazza del Popolo mit ihrem stolzen Obelisken in der Mitte. Dieser Platz lehrt jeden Rom-Reisenden schon seit Jahrhunderten das Staunen. Denn kein Straßengewirr, keine Enge wartet hinter dem Stadttor; vielmehr weitet sich plötzlich alles und wird fast triumphal mit der Via del Corso, einer Straße, so weit das Auge reicht. Ein Titan muss sie "mit der Axt in das Gassengewirr geschlagen" haben; und mit diesen Worten sind wir schon mitten im Roman, sind nah bei dem Helden Aurelio, der Anfang des 16. Jahrhunderts an dieser Stelle Rom betritt, und stehen direkt neben Leon Morell.

Morell ist der Autor von "Der sixtinische Himmel"; fünf Jahre hat er für seinen Roman recherchiert, sich sogar als Steinmetz erprobt und immer wieder die Sixtina besucht: jene weltberühmte Kapelle im Vatikan. Darin werden Päpste unter einem Himmel gewählt, den der vielleicht berühmteste Renaissancekünstler schuf: Michelangelo. 500 Jahre ist das her, aber die Macht der Literatur vermag es, daraus einen Wimpernschlag zu machen.

Der Roman des Berliner Schriftstellers liefert eine kleine Menschheitsgeschichte: über den machtgierigen Papst Julius II. (1443–1513) und seine Kurtisane, über Künstler dieser Zeit, ihren Neid, ihre Ruhmsucht, ihre Größe – also vor allem über Michelangelo. Den lernen wir bei Morell über den besagten Aurelio kennen, es wird die Begegnung mit einem Genie. Und das gehört zum Spannendsten dieses Historienromans: wie sich einer an der Kunst bis zur totalen Erschöpfung abarbeitet, wie er von seinen Visionen verfolgt und gepeinigt wird, wie er alles riskiert und am Ende alles gewinnt.

Denn die Wucht der Aufgabe muss man sich erst einmal vorstellen: die riesige Decke einer Kapelle zu bemalen in den exakten Ausmaßen des Salomontempels: 40,9 Meter lang und 13,4 Meter breit. Als der Papst Michelangelo damit beauftragt, ist der Künstler keinesfalls in Feierlaune. Der große Michelangelo versteht sich als Bildhauer, riesige Marmorblöcke liegen bereits auf dem Petersplatz und warten darauf, von ihm für das päpstliche Grabmal behauen zu werden. Nichts da, zunächst soll es ein Fresko sein; aber das Dumme ist: Michelangelo ist kein geübter Freskant. Ein heikles Unterfangen also, denn der Farbauftrag im nassen Putz macht Korrekturen unmöglich; es sei denn, man schlägt den Putz wieder ab.

Michelangelo indes macht sich ans Werk und lernt bei der Arbeit. Und dieser Fortschritt ist heute noch an der Decke der Kapelle sichtbar: So beginnt Michelangelo chronologisch von hinten, bei der Sintflut also, mit einem kleinteilig geratenen Bild und vielen Figuren. Doch seine Sicherheit wächst und mit ihr der Mut zu immer größeren, bald riesigen Gestalten – bis zu den Gottesdarstellungen und dem weltberühmten Fresko von der Erschaffung Adams. Figuren in doppelter Größe, frei Hand gemalt und dann noch – dem Gewölbe angemessen – in perspektivischer Verkürzung. Unglaublich ist fast alles an diesem Werk. Eine einzige Schöpfungsgeschichte, die vor Leben aus den Fugen platzt; eine gemalte Bibel in gut 20 Metern Höhe. Was das heißt, kann Christine Grafinger am besten sagen. Die gebürtige Österreicherin, die wir am Petersplatz treffen, gehört zu den wenigen Frauen im Kirchenstaat und leitet die Handschriftensammlung der Biblioteca Apostolica Vaticana. Als vor zwei Jahrzehnten die Fresken gründlich renoviert wurden, durfte sie rauf aufs Gerüst in Reichweite der Bilder. Im Angesicht der vielen Köpfe und Gliedmaßen in scheinbar skurrilen Verzerrungen – die von unten freilich plastisch wirken – ist sie zur Bewunderin geworden.

Aber auch Leon Morell hat seinen Roman als Staunender geschrieben. Noch einmal dürfen wir mit seinem Buch Zeuge einer Sternstunde der Renaissance werden, können lernen, wie Kunst zum Propagandamittel wird, wie alles zu scheitern droht mit plötzlichem Schimmelbefall, wie bewegt Gott hier in Erscheinung tritt und wie selbst die Sünde Teil der Komposition wird: Morell zeigt nur auf Evas heikle Kopfhaltung in der Höhe von Adams Geschlecht.

Man ahnt es, und in Morells unterhaltsamem Roman lesen wir es: Für Michelangelo steht mehr auf dem Spiel als päpstlicher Fluch und Tadel: "Dieses Fresko ist die Aufgabe, die Gott mir anvertraut hat", krächzt der Künstler. Der Satz ist das Bekenntnis eines Gläubigen; er atmet aber auch die fast unerhörte Selbstgewissheit des Künstlers.

So wie das Fresko die Geschichte der Menschheit erzählt, so erzählt die Ewige Stadt die Geschichte des Romans. Dazu gehört die Kirche Santa Maria in Trastevere mit den prachtvollen Mosaiken in der Apsis. Michelangelo nimmt mit seinem Gehilfen Aurelio in diesem Glanz gern ein "goldenes Bad", wie es der Künstler nennt. Und wir tun es ihm 500 Jahre später einfach nach.

Das Buch – ein lebenspralles Geschichtsdrama; sein Thema – ein Weltereignis der Kunst, damals wie heute. Denn als am 1. November 1512 die Sixtina feierlich eingeweiht wird, läuft die Kunde vom neuen Fresko wie ein Lauffeuer durch halb Europa. Dieses Feuer ist bis heute nicht erloschen: Jetzt sind es Touristen sonder Zahl, die sehen und staunen und sich den Hals verrenken. Als Leon Morell aber noch etwas erklären will, ist gleich ein Vatikan-Bediensteter zur Stelle und zetert, er möge sich in Stille üben. Schließlich sei das ein besonderer Ort. Das wissen wir seit 600 Romanseiten: ein sixtinischer Himmel.

(RP)