"Art Cologne" steigert Niveau

Rund 200 Galerien aus 26 Ländern führen in der Kölner Messe vor, was der internationale Kunstmarkt zwischen klassischer Moderne und frischer Gegenwartskunst zu bieten hat. Spitzenwerke kosten mehrere Millionen Euro, Grafik gibt es schon für wenige Hunderter.

Köln Krise war gestern. Heute spricht kaum noch jemand davon, dass Fachleute die "Art Cologne" schon totgesagt hatten – bis Daniel Hug, Galerist in Los Angeles, die Leitung dieses Markts für klassische Moderne und Gegenwartskunst übernahm und das Steuer herumriss. Ihm gelang, worum sich seine Vorgänger vergeblich bemüht hatten: Endlich beteiligten sich Händler aus Nordamerika in nennenswerter Zahl. Diesmal gibt es sogar eine neue Abteilung, welche die transatlantische Ausrichtung des Großereignisses signalisiert: Die amerikanische Organisation Nada – "The New Art Dealers Alliance" – belegt ein Viertel der Ausstellungsfläche in der zweigeschossigen Art-Cologne-Halle und präsentiert dort 30 Galerien. Die stammen zwar nicht alle aus den USA, doch ihr internationaler Rang steht außer Frage.

Dort oben, auf der zweiten Etage, ist diese "Art Cologne" am frischesten; nicht nur in ihrem Nada-Segment, sondern auch vor dem schwarzen Durchgang auf amerikanisches Hoheitsgebiet. Auch diesseits der kaum merklichen Grenze nämlich trifft man auf amerikanische Händler. Und wie international der Kunstmarkt längst geworden ist, das erkennt man daran, dass mancher Amerikaner deutsche Kunst anbietet.

Leo König aus New York führt zum Beispiel ein "Schattenspiel" des Düsseldorfers Hans-Peter Feldmann vor: fünf sich drehende Tabletts mit Figürchen, die auf eine breite Leinwand eine gespenstische Kirmes werfen. David Zwirner, ebenfalls aus New York, stellt an seinem Stand ein Hochformat von Neo Rauch vor: "Parabel" von 2008 für 1,2 Millionen Dollar. Das Bild zeigt einen Maler vor seiner Staffelei, mit der er durch ein um seinen Hals geschlungenes Seil verbunden ist.

Zwirner, Sohn des früher in Köln tätigen Galeristen Rudolf Zwirner, hat aus Amerika noch ein zweites Paket deutscher Kunst mitgebracht: Werke aus der Sammlung Lauffs, die bis 2008 im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum beheimatet war und dann auf Geheiß der Eigentümer in Teilen bei Sotheby's versteigert wurde. Jetzt kann man auf der "Art Cologne" zugreifen: auf ein Filz-und-Fett-Objekt von Joseph Beuys, Zeichnungen von ihm und Notate der Künstlerin Hanne Darboven.

Deutsche Kunst aus deutscher Hand gibt es bei Carlier/Gebauer aus Berlin: die "Reisekutsche von Goethe", aus weichem Kunststoff gefertigt und mit dem Oberteil nach unten gewandt von Asta Gröting (Preis: 58 000 Euro). Die Berlinerin, die an der Düsseldorfer Akademie studierte, hat auch zu Adenauers Staats-Mercedes und ihrem eigenen Smart eine weiche Version und damit private Erlebnisräume geschaffen.

Gediegen, aber nicht minder kurzweilig geht es ein Stockwerk tiefer zu, dort, wo sich die klassische Moderne und die Nachkriegsmoderne ausbreiten. Auf der Suche nach besonders teuren Werken der Messe wird man zuverlässig bei Salis & Vertes (Zürich/Salzburg) fündig. Dort kostet Picassos "Frau, die sich die Füße wäscht" von 1960 knapp zwei Millionen Euro, ein farbiger "Sumpf" (1983) von Gerhard Richter gar 3,8 Millionen. Demgegenüber erscheint ein großformatiges Bild Sigmar Polkes beim Düsseldorfer Händler Hans Mayer mit einem Preis von 1,2 Millionen Euro wie ein Sonderangebot. Blickfang an Mayers Messestand ist Tony Craggs souverän zwischen Technik und Natur vermittelnde Plastik "Round the Block" (390 000 Euro).

Ein echter Warhol – "Porträt einer Frau (Linda Oxenburg)" – kostet bei Salis & Vertes 680 000 Euro. Wer sich dagegen mit einer Warhol-Fantasie zufriedengibt, der kommt bei Zou Cao günstiger davon. Sein Großgemälde "East ist red" kostet bei Michael Schultz (Berlin) 130 000 Euro.

Gibt es denn – diese Frage hört man gelegentlich – auf der "Art Cologne" nur Kunst für Millionäre: Kostbarkeiten wie das aparte Teerklumpen-Bild "Elias" von Emil Schumacher beim Düsseldorfer Hans Strelow (160 000 Euro) oder gar Ernst Ludwig Kirchners "Spielende Badende" für 2,4 Millionen bei Henze und Ketterer? Nein, muss man da entschieden antworten. Sowohl in der Abteilung Gegenwartskunst als auch bei den modernen Klassikern und Halbklassikern bieten Händler Grafik und Zeichnungen schon für ein paar Hunderter oder Tausender an.

Wer sich für ein solches Angebot entscheidet, muss keinesfalls auf große Namen verzichten. Den Beweis tritt wieder einmal die Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth an. Sie hat auf der Messe einen Schwerpunkt "Otto Dix und die Düsseldorfer Künstlerszene" eingerichtet und fordert zum Beispiel für Dix' Holzschnitt "Die Geburt (Geburtsstunde)" lediglich 3600 Euro. Zeichnungen gibt es ab 5000 Euro.

Nicht alles allerdings, was die "Art Cologne" als Kunst ausgibt, muss man als solche erachten. Das gilt vor allem für den Eingangsbereich. Dort haben die Veranstalter kräftig dekoriert und kritiklos jene beiden Holzböden des isländischen Ateliers von Dieter Roth (1930–1998) meterhoch aufgerichtet, die der Künstler selbst provokant als Gemälde deklarierte.

Die 150 Stühle aus uraltem, aus einem Aquädukt stammenden Holz indessen, die der Pekinger Künstler He Xiangyu zu einer Installation vereint hat, mag als originelle Begrüßungskunst durchgehen, ebenso wie der klapprige sowjetische Lkw, auf den der Wiener Lukas Pusch eine Blechgaragengalerie gehievt hat. Wer von solch plakativen Aktionen angelockt die Schwelle zur "Art Cologne" überschreitet, wird beruhigt feststellen, dass die Kunst im Inneren der Messehalle auf feinsinnigere Mittel baut.

(RP)