Arno Geiger stellt neuen Roman "Selbstporträt mit Flusspferd" vor

Entschleunigung tut gut

Arno Geiger hat einen Roman über die junge Liebe und den Wert des Zögerns geschrieben.

Düsseldorf Er gehört zu den spannendsten deutschsprachigen Autoren, der mit dem Buch über seinen dementen Vater 2011 für viel Aufsehen sorgte. Vier Jahre danach ist ein neuer Roman von Arno Geiger erschienen: "Selbstporträt mit Flusspferd".

Das Buch über Ihren an Alzheimer erkrankten Vater, "Der alte König in seinem Exil", erschien vor vier Jahren. Brauchte es so lange Zeit, um zu einer anderen Erzählung zu finden?

Geiger Ich musste mich wirklich erst einmal auslüften. Das Buch über meinen Vater hatte mich - im positiven Sinn - emotional sehr stark beansprucht. Und darum bin ich dort gedanklich auch noch etwas geblieben. Die Frage, wie es nach einem so persönlichen Buch weitergeht, ist nicht so einfach. Es war nur klar, dass ich weg von dort wollte zu etwas ganz anderem. So kam es, dass der junge Mensch in mir Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Aber nicht im autobiografischen Sinn.

Geiger Nein, vielmehr ist mir aufgefallen, wie sehr dieses junge Erwachsenenalter in unserer Gesellschaft unter Druck gerät. Das fände ich sehr spannend. In der Goethezeit war es das Lebensalter mit der größten Aura. Heute äußert man sich eher abfällig über die jungen Menschen. Hinzu kam der Tod eines Freundes von mir, der vor zwei Jahren an einen Gehirntumor verstorben ist und mit dem ich vor seinem Tod über ein paar Dinge gesprochen habe. Die sind für den Roman auch wichtig geworden. Und dann stellt sich manchmal bei mir das komische Gefühl ein: Hoffentlich lebe ich noch lange genug, um das geplante Buch schreiben zu können.

Der Roman liest sich aber nicht so, als hätte es einen konkreten Anlass für die Geschichte gegeben.

Geiger Es hat tatsächlich mit dem guten Freund zu tun, der mir aus seiner Studentenzeit erzählt. Er war als Kind dick, ein bedächtiger und auf den ersten Blick unscheinbarer Mensch. Das löste in mir einen narrativen Zug aus, der dann zu dem Zwergflusspferd in meinen Roman führte. Julian, der Held meines Romans, fühlt sich beim Zwergflusspferd an das dicke Kind in sich wiedererinnert und dass die Langsamkeit mit ihm einen entschiedenen Verfechter hat. Das zielt auf unsere Gesellschaft, in der die Dynamik ein Wert an sich und in der Langsamkeit ein Zeichen von Schwäche ist. Im Bedächtigen und Zögerlichen sehe ich eine Charakterstärke. Was Julian auszeichnet, ist seine permanente Neugier.

Ist Julian ein Sinnbild, eine Art Gegenentwurf zu unserer Gesellschaft?

Geiger In unserer durchökonomisierten Gesellschaft spielt jede Optimierung eine große Rolle. Darum wollte ich diese Geschichte schreiben: zum einen über einen verunsicherten Studenten; und zum anderen über ein Zwergflusspferd, das ganz bei sich ist und sich in seiner Trägheit und in seinem Dicksein nicht fragt, was die anderen denken und was die Gesellschaft von ihm will. Der Professor im Roman sagt: Das Zwergflusspferd ist ein Zwergflusspferd und weiter nichts. Das ist das Besondere an dem Tier. Junge Menschen aber fragen sich, wie komme ich bei anderen an.

Stehen Julian und das Zwergflusspferd auch für das so modisch gewordene Prinzip der Entschleunigung?

Geiger Ja, es geht auch um dieses Innehalten. Wir leben in einer Optimierungsgesellschaft; und jede Optimierung hat es an sich, dass sie nie zu einem Ende kommen kann, weil es das Perfekte ja nicht gibt. Die Optimierbarkeit kann sich niemals erschöpfen; der Mensch aber kann sich erschöpfen. Das prägt unsere Gesellschaft; viele fühlen sich doch überfordert. Das Zwergflusspferd ist für mich darum keine Metapher. Es ist ein Zwergflusspferd und weiter nichts; es ist praktisch ein Zwergflusspferd eigenen Rechts. Aber die Hauptfigur spiegelt sich darin und beneidet es.

Was hat sich in unserer Gesellschaft geändert, dass wir die Jugend oft kritisch beäugen?

Geiger Alles Unvollkommene gerät heute unter Druck. Und so wird auch bei den jungen Erwachsenen eher das Unvollkommene gesehen als das Besondere. Das aber wurde zum Beispiel in der Goethezeit positiv in den Fokus der Jugend gerückt. In unserer Gesellschaft heute ist alles möglich, und nichts ist sicher. Wir scheinen ständig davon bedroht zu sein, ausgewechselt zu werden - beruflich, privat. Das Stabile nimmt ab. Und das kennzeichnet heute im besonderen Maße das junge Lebensalter, was latent als Bedrohung empfunden wird. Viele junge Menschen sind mit ihrem Lebensalter nicht im Reinen und sehen das Unvollkommene.

Gehört zu diesem Gefühl der Unvollkommenheit auch der Wunsch und die Suche nach der vollkommenen Liebe?

Geiger Im jungen Erwachsenenleben spielt der Idealismus eine große Rolle. Es gibt eine Tendenz zum Kategorischen und Unbedingten - mit allen Vor- und Nachteilen. Zu diesen zählt Julian allerdings nicht, der ohne soziale Beziehungen nicht sein kann.

Steht Ihr neuer Roman dennoch in Beziehung zu Ihrem Buch über den Vater? Das eine Buch erzählt von einem Austritt aus der Welt; das andere vom Eintritt in die Welt.

Geiger Ja, das ist ein Buch über das Werden und nicht über das Scheiden. Ich war genau halb so alt wie mein Vater, als ich das Buch über ihn geschrieben habe; und jetzt war ich genau doppelt so alt wie Julian. Ich wollte kein Buch über die letzten Dinge schreiben. Das Buch über meinen Vater wird für mich bis an mein Lebensende ein wichtiges Buch bleiben. Aber es ist viel einfacher, ein Buch über die letzten Dinge zu schreiben als über die Welt eines 22-jährigen Menschen.

(RP)
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