Architektur-Ausstellung an der Hansaallee Düsseldorf Farbe ist manchmal unberechenbar

Düsseldorf · Der Anstrich von Gebäuden findet in der Regel nur Beachtung, wenn kecke Töne die herkömmliche neutrale Palette aufmischen. Eine Ausstellung an der Hansaallee zeigt auch die Risiken und Nebenwirkungen.

 Farbige Fassaden in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg.

Farbige Fassaden in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg.

Foto: Magdeburger Platte

Draußen, an der Eingangsfassade der Hansaallee 190, empfängt den Besucher eine grau-beige, ziemlich triste Fassade. Wer jedoch die Halle betritt, die der Verein Baukultur Nordrhein-Westfalen bis Ende Juni als mobiles Museum bespielt, der trifft auf ein Kontrastprogramm. Alles so schön bunt hier, möchte man mit Nina Hagen ausrufen.

Kein Wunder angesichts des Themas der Ausstellung, die der Kölner Architekt Martin Sinken als Kurator in Szene gesetzt hat. „380–780 nm. Farbe in Architektur und Stadt“, so lautet der Titel der Schau, die in zwei Sektionen gegliedert ist. Der dokumentarische Teil präsentiert auf Pappscheiben, die frei im Raum hängen, Aufnahmen von Gebäuden oder Stadtteilen, deren dezidierte Farbgebung einen Prozess in Gang brachte: manchmal eine Wendung zum Guten, wenn dort, wo zuvor monochrome Betonödnis herrschte, bunte urbane Vielfalt sprießt. Meist jedoch einen Konflikt, weil Anwohner oder Verwaltungen mit Unmut auf das Make-up der Häuserwand reagieren. So der Fall beim „Bierpinsel“ in Berlin-Steglitz – 1976 als „rote Landmarke“ errichtet, will der neue Besitzer den brutalistischen Tower grün anstreichen, was sowohl den Erben der Architekten als auch dem Denkmalschutz gegen den Strich geht. Oder bei einem Wohnhaus an der Regensburger Frankenstraße – der Eigentümer, praktischerweise Malermeister, erzürnte mit seiner grellen „architecture of colour“ die Stadtverwaltung; als es den Ordnungshütern zu bunt wurde, versuchten sie vergeblich, eine Übertünchung der Fassade zu erzwingen.

Reichlich Farbe bekennt die Ausstellung auch bei den sogenannten „Laborformaten“, die Martin Sinken mit Witz und Einfallsreichtum ausgetüftelt hat. Hier geht es unter anderem um Kriterien für „richtige“ Farbgestaltung, um optische Täuschungen, klimagerechtes Bauen und – vielleicht am wichtigsten – unsere Wahrnehmung von Farbe. Der Ausstellungstitel „380–780 nm“ verweist auf jenen begrenzten Bereich der elektromagnetischen Strahlung, den wir als „Licht“ erfassen. Alles, was diesseits oder jenseits dieses Nanometer-Spektrums liegt, ist unserem Auge verschlossen. Eine Limitierung, die gleichwohl Raum lässt für die nuancierte Wahrnehmung von rund 20 Millionen Farben.

„Die Sonne duldet kein Weißes / Alles will sie mit Farben beleben“, heißt es in Goethes „Faust“. Das wäre auch ein schönes Motto für jene Fallbeispiele in der Ausstellung, die demonstrieren, welch zentrale Rolle Farbe als Wohlfühlfaktor der Baukultur spielt. Bruno Taut, im frühen 20. Jahrhundert Vertreter des „Neuen Bauens“, verlieh dieser Einsicht in seinem „Aufruf zum farbigen Bauen“ Ausdruck. 1921 zum Stadtbaurat von Magdeburg berufen, verbannte er den Grauschleier in Rekordzeit aus der Stadt – in der Ausstellung bezeugt ein Foto der Otto-Richter-Straße in Magdeburg die farbenfrohe Gesinnung Tauts. Dessen Therapie gegen urbane Tristesse wirkt bis in die Gegenwart fort – beispielsweise in Mailand, wo die Stadtverwaltung farbige Elemente im großen Stil nutzt, um Straßen und Plätze von der Monotonie zu befreien. „Tactical Urbanism“ heißt die Strategie, die beispielsweise aus der Piazza Dergano ein vitales Punktefeld gemacht hat.

Dass der Schuss in Sachen Stadtbemalung allerdings auch nach hinten losgehen kann, vergegenwärtigt die lehrreiche Schau mit einem Exkurs in das Stadtviertel BoKaap in Kapstadt: Einst ein Arme-Leute-Viertel, haben die Bewohner mit dem fröhlich-bunten Anstrich ihrer Häuser ungewollt einen unseligen Prozess in Gang gesetzt: Bokaap ist zum Tourismus-Magneten geworden, die Immobilienpreise stiegen um das Hundertfache. Und weil in Südafrika die Grundsteuer an den Wert eines Gebäudes gekoppelt ist, können sich viele Menschen des Viertels das Wohnen in ihren eigenen Häusern nicht mehr leisten. Gentrifizierung durch Stadtbemalung. Farbe ist eben unberechenbar.

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